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Klischees über Bord

Leipzig, 10. August 2011

Ein Jahr Johanniter-Fachschule für Sozialwesen

Sollte der Rettungsdienst eine reine Männerdomäne sein? Nein, auch viele Frauen bringen Talent und Kompetenz dafür mit. Genauso kann ein Mann für den Beruf des Erziehers wie geschaffen sein. Das Bildungsinstitut Mitteldeutschland der Johanniter-Akademie bietet seit der Gründung ihrer Fachschule für Sozialwesen vier verschiedene Ausbildungsgänge an – für Frauen wie für Männer.

 

„Es hat große Vorteile, wenn wir unsere potenziellen Mitarbeiter selbst ausbilden“, sagt Lars Menzel, Leiter des Bildungsinstitutes Mitteldeutschland der Johanniter-Akademie in Leipzig. „Zum einen können wir so für eine fachlich hochwertige Qualifikation Sorge tragen, zum anderen bringen wir junge Leute früh mit der JUH in Kontakt.“

 

Dass den Johannitern eine gute Ausbildung am Herzen liegt, haben sie nicht zuletzt vor einem Jahr mit der Übernahme der Trägerschaft der Fachschule für Sozialwesen bewiesen. Auch sie gehört zum Bildungsinstitut Mitteldeutschland. Seit August 2010 werden dort junge Menschen für ihren späteren Beruf in der Heilerziehungspflege und Erziehung ausgebildet.

 

Auch Männer sind willkommen – schließlich werden in Deutschland Erzieher dringend gesucht. Bundesweit gibt es derzeit rund 14 000. Zu wenige, meint Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und startete Anfang 2011 die Kampagne „Mehr Männer in Kitas“. Im RV Ostthüringen scheint der Hilferuf der Ministerin bereits gefruchtet zu haben: Dort kommen auf zwei JUH-Kitas drei Erzieher.

 

Zum Bildungsinstitut in Leipzig gehören außerdem eine Berufsfachschule für Altenpflege und eine Schule für angehendes Rettungspersonal. Insgesamt werden mit dem neuen Schuljahr 56 Männer und 253 Frauen in den verschiedenen Berufen ausgebildet. Trotz der gewaltigen Überzahl der Frauen – der Rettungsdienst ist nach wie vor für viele ein Männer-Job. Das belegen auch die Zahlen in Leipzig: Nur halb so viele Frauen wie Männer lassen sich derzeit für diesen Dienst ausbilden.

 

Für Leander Strate, Fachbereichsleiter Rettungsdienst und Einsatzdienste in der Bundesgeschäftsstelle, ist das unverständlich. „Frauen sind in der Regel kommunikationsstärker als Männer. Diese Fähigkeit ist für den Rettungsdienst sehr wichtig“, sagt er. Abgesehen davon gebe es auch intime Notfallsituationen, in denen eine Patientin lieber von einer Frau betreut werden möchte. Für ihn bestehe ein Rettungsteam im besten Falle aus einem Mann und einer Frau. Letztendlich, so betont der Fachmann, komme es immer nur auf die Qualifikation an und darauf, ob jemand die entsprechenden charakterlichen Eigenschaften mitbringe. Das Geschlecht sei unerheblich.

 

Die Entscheidung der Johanniter, vor einem Jahr eine Fachschule für die Erziehungsberufe einzurichten, war für Lars Menzel auf der ganzen Linie die richtige. Denn gerade in den Landesverbänden Sachsen-Anhalt / Thüringen und Sachsen, wo es die meisten JUH-Kitas gibt, wird es in den kommenden Jahren einen erheblichen Fachkräftemangel geben. Lars Menzel: „Wir steuern mit unseren Schulen selbstbewusst dagegen.“

 

Meinungen

Uwe Tauscher (33), Auszubildender zum Erzieher an der Johanniter-Akademie, Bildungsinstitut Mitteldeutschland:

„Dass mein Sohn Kilian meine private Welt auf den Kopf stellen würde, hatte ich erwartet. Aber dass er das auch mit meiner beruflichen tut? Doch so kam es. Ich, der gelernte Elektroinstallateur, habe mich vor einem Jahr entschieden, Erzieher zu werden. Die Beschäftigung mit meinem Sohn hat mir gezeigt, dass ich mit Kindern arbeiten will. Das macht mir unglaublich Spaß.

 

Bei meinem Kita-Praktikum entpuppte ich mich dann als wahrer Kindermagnet: Ich muss mich nur in eine Ecke setzen und lächeln – schon sind alle Kids bei mir. Ein Freund empfahl mir dann die Ausbildung bei der JUH. Ich muss sagen: Ich bin froh, hier gelandet zu sein. Ich kannte die Johanniter vorher nicht, aber mittlerweile weiß ich, was sie leisten. Mir gefällt die Organisation. Deshalb war ich auch beim Kirchentag im Juni in Dresden als Ehrenamtlicher im Fahrdienst für Menschen mit Behinderung im Einsatz.

 

Meine Ausbildung finde ich sehr anspruchsvoll. Ich möchte aber auch gut ausgebildet werden, denn man kann in der Erziehung so viel falsch machen. Ich möchte wissen, warum ich im Umgang mit Kindern wie handeln sollte. Deshalb schätze ich die Kompetenz und Erfahrung unserer Lehrer. Sie behandeln uns drei Männer in der Klasse genauso wie die 21 Frauen. Sie wissen: Männer sind in diesem Beruf wichtig.

 

Erzieher übernehmen in einer Kita die Vaterersatzrolle und haben mehr für lautes Tollen übrig als die Frauen. Für ein Kollegium ist es gut, wenn auch Männer ihre Sichtweise einbringen. Ich habe das Glück, dass ich in dem Kindergarten, in dem ich Praktikum machte, nach der Ausbildung eine Stelle sicher habe.“

 

Kathleen Thiem (24), Auszubildende zur Rettungsassistentin an der Johanniter-Akademie, Bildungsinstitut Mitteldeutschland:

 

„Als ich sechs Jahre alt war, kam der Rettungsdienst zu uns, weil meiner Tante bei einer Familienfeier schwindlig geworden war. Als ich damals die beiden Retter in rot-weiß sah, war ich mächtig beeindruckt. Seit dieser Zeit wollte ich Retterin werden. Jetzt bin ich auf dem besten Weg dazu.

 

ch bin zwar noch im ersten Lehrjahr, aber als Rettungssanitäterin fahre ich ehrenamtlich schon für die Johanniter auf dem Wagen mit, als Nummer drei. Auch bei der Schnell-Einsatz-Gruppe bin ich aktiv. Mir macht das Spaß und ich gewinne wertvolle Praxiserfahrung. Mein Freund hat zwar manchmal ein bisschen Angst um mich, aber er weiß, wie wichtig mir mein Job ist. Meine Töchter, fünf und zwei Jahre alt, werden bestimmt einmal stolz auf ihre Mama sein.

 

Was mich für meinen späteren Job prädestiniert? Einerseits bin ich wie ein Kerl: Es macht mir nichts aus, einen Patienten mit offenen Knochenbrüchen oder blutenden Wunden zu behandeln oder einen 7,5-Tonner zu fahren. Andererseits bin ich fürsorglich und einfühlsam. Andererseits ist die psychische Begleitung der Patienten genau mein Ding. Diese Mischung ist optimal.

 

Anderen zu helfen, mit Kompetenz und Menschlichkeit – das ist es, was ich in meinem Beruf möchte. Das viele Lernen gehört da eben dazu. Wir sind in unserer Klasse zu zehnt und der Zusammenhalt ist sehr gut. Die Lehrer unterstützen uns, wo sie können. Klar, dass ich mein Jahrespraktikum im Anschluss an die Ausbildung gern bei einer Lehrrettungswache der Johanniter machen möchte. Das Tolle: Mir wurde bei der JUH in Borna gerade ein Platz zugesichert.“

 

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