Lebensqualität ist oberstes Ziel

Während der durchschnittliche Behandlungszeitraum fünf bis sechs Tage beträgt, bleiben die Patienten in der Bonner Geriatrie durchschnittlich 17 bis 19 Tage. Geduld führt zum Erfolg.

Schlaganfall, Parkinson, Demenz, Depression. Herzinfarkt, Herzschwäche, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Osteoporose, Brüche, Einschränkungen der Beweglichkeit. Gewichtsabnahme, Inkontinenz, Diabetes. In unserer älter werdenden Gesellschaft nimmt die Multimorbidität von Patienten zu. Ein multiprofessionelles Team diagnostiziert daher auf der Basis eines geriatrischen Assessments das klinisch führende Problem des Patienten und bemüht sich um eine geeignete Lösung im Kontext seiner sozialen Möglichkeiten und Wünsche. Am Johanniter-Krankenhaus in Bonn kümmert sich das Team um Chefarzt Prof. Dr. Andreas H. Jacobs um die geriatrischen Patienten und die Weiterentwicklung der Altersmedizin.  

Ein multi-professionelles Team

Die Nachfrage, von einem neurologisch kompetenten und multi-professionellen Team behandelt zu werden, ist groß. „Wir haben darauf 2016 reagiert und auf 50 Betten aufgestockt“, sagt Prof. Jacobs. Die Tagesklinik kann zudem noch einmal zehn Patientinnen und Patienten aufnehmen. Der hohe Bettenbedarf ergibt sich auch aus der längeren Liegezeit: Während sie im Durchschnitt in den anderen medizinischen Fachrichtungen fünf bis sechs Tage beträgt, bleiben hier die Patienten und Patientinnen durchschnittlich 17 bis 19 Tage. Behandlungserfolge stellen sich häufig erst nach einem längeren Zeitraum ein. 

Als Geriater und Neurologe tätig

Prof. Jacobs selbst ist sowohl Geriater als auch Neurologe. Das ist etwas Besonderes und kommt seinen Patienten zugute: „Geriatrische Patienten sind immer von einer Veränderung der Mobilität und der Kognition betroffen“, erklärt er die Bedeutung dieser Kombination. Störungen der Beweglichkeit und Gedächtnisleistung liegen häufig im neurologischen Fachgebiet. „Wir suchen stets nach der Ursache, warum es beispielsweise einem Patienten im Alter von 85 Jahren ausgerechnet jetzt schlecht geht oder warum er jetzt viel vergisst. Durch Training und Prävention wollen wir erreichen, dass die Alltagsfunktionen erhalten bleiben und er eine weitere Zeit gut zurechtkommt – dafür sind wir mittlerweile bekannt.“ Entscheidend ist die Multi-Professionalität des Teams aus Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen in Zusammenarbeit mit Vertretern aus aktivierender Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Neuropsychologie, Sozialdienst, Seelsorge und „Grünen Damen und Herren“. „Ich habe meinen Bereich bewusst interdisziplinär aufgebaut, damit jede Kollegin oder jeder Kollege mit spezieller Fachkompetenz zum Behandlungserfolg beitragen kann.“

„Wir müssen uns als Gesellschaft viel intensiver damit beschäftigen, wie wir im Alter versorgt sein wollen und was uns das wert ist.“

Prof. Dr. Andreas H. Jacobs, Chefarzt der Geriatrie im Johanniter-Krankenhaus Bonn

Eigenständigkeit wiederherstellen, um Pflegebedürftigkeit zu verhindern

Ein „Fall“ für die Altersmedizin sind Patientinnen und Patienten ab einem Alter von rund 70 Jahren, die von einer Haupt- und mehr als fünf Nebendiagnosen betroffen sind. Sie werden einerseits vom Hausarzt wegen eines geriatrischen Krankheitsbildes, wie z. B. häufige Stürze oder Gedächtnisverlust, überwiesen. „Wir diagnostizieren dann die Ursachen für die Symptome und helfen durch Gang- oder Gedächtnistraining und Sturzprophylaxe.“ Andererseits kommen Patienten z. B. nach einer Bruchbehandlung von der Unfallchirurgie in die Geriatrie. „Dann ist es unsere Aufgabe, den Patienten erstens zu mobilisieren, ihm seine Eigenständigkeit wiederzugeben und zweitens zu ermitteln, warum er gestürzt ist, ob er z. B. an Gleichgewichtsstörungen leidet“, erklärt Prof. Jacobs. Weitere Patienten kommen beispielsweise aus der Neurologie nach einem Schlaganfall oder aus der Kardiologie bei Herzinsuffizienz, wo Lähmungen oder Herzschwäche zur Immobilität geführt haben. Durch Prävention, Behandlung und Rehabilitation der älteren Patientinnen und Patienten können Pflegebedürftigkeit verhindert und „Drehtüreffekte“ vermieden werden.

Junge Menschen wollen in der Geriatrie arbeiten

Die Geriatrie am Johanniter-Krankenhaus profitiert von ihren Erfahrungen seit der Gründung der Fachabteilung 1983 und davon, dass „viele Pflegekräfte ganz bewusst und gern zu uns kommen“, weiß der Chefarzt und ergänzt, dass auch junge Menschen, die gerade ihr Examen abgelegt haben, unbedingt in der Altersmedizin arbeiten wollen. Mit verantwortlich ist der Professor selbst, denn er lenkt in der Ausbildung die Aufmerksamkeit der Pflegekräfte gezielt auf das Spannende an der Geriatrie: „Bei uns geht es nicht in erster Linie um die Krankheit, uns geht es vor allem darum, die uns anvertrauten Menschen zu befähigen, wieder selbstständig zu Hause zu leben, möglichst eigenständig aufzustehen, sich selber anzuziehen, zu waschen und zu essen. Von diesem funktionsorientierten Ansatz lassen sich auch junge Menschen faszinieren.“

Zusätzliche Fachfortbildungen stärken die Professionalität

Neben den vorgeschriebenen Fortbildungen finden im Johanniter-Krankenhaus regelmäßig interne Fortbildungen statt. Außerdem sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Medizin und Pflege eingeladen, am Forum Altersmedizin teilzunehmen, das einmal im Jahr als überregionale Fachfortbildung mit rund 250 Teilnehmern stattfindet.

Vernetztes Arbeiten mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern

Eine gute Zusammenarbeit pflegt Prof. Jacobs mit den anderen Fachabteilungen des Johanniter-Krankenhauses in Bonn: „Wenn beispielsweise ein alter Mensch wegen eines Tumors in die Onkologie eingewiesen wird, überlegen wir gemeinsam mit Chefarzt Prof. Dr. Yon-Dschun Ko, wie der Patient am besten zu behandeln ist. Bei einem älteren Menschen in guter körperlicher Verfassung ist beispielsweise eine Chemotherapie mit einem besseren Nutzen-Risiko-Verhältnis verbunden als bei einem gebrechlichen Menschen.“ Im Rahmen einer aktuellen Studie wird das Verhältnis von tumorspezifischen Therapien und Lebensqualität untersucht.

Ein unverzichtbarer Teil des geriatrischen Teams sind die „Grünen Damen und Herren“, die ergänzend zum Krankenhausalltag vieles bewirken. So besuchen sie die Patientinnen und Patienten, fragen, wie sie helfen können, fahren mit ihnen in den Patientengarten, organisieren auch einmal im Jahr das gemeinsame Adventssingen sowie regelmäßige Spiele- und Vorlesenachmittage oder Filmvorführungen. „Manche unserer Patienten sind sozial isoliert, haben ihren Ehepartner verloren, die Kinder wohnen weit weg, alle Freunde um sie herum sind verstorben – da bedarf es des besonderen Kümmerns vor allem in Anbetracht der Länge des Krankenhausaufenthaltes“, beschreibt Prof. Jacobs die Situation und ergänzt voller Freude: „Manchmal bekommt ein Patient bei der Visite den Mund nicht auf und beim Adventssingen ist er plötzlich voll dabei.“ Für ihren Einsatz wurden die ehrenamtlich tätigen „Grünen Damen und Herren“ am Johanniter-Krankenhaus bereits von der Stiftung ProAlter ausgezeichnet.

Engagiert auch außerhalb der Klinik

Prof. Jacobs leitet den neu gegründeten Bonner „Arbeitskreis Geriatrie“. Hier treffen sich Ärzte, Vertreter von Pflegeeinrichtungen sowie ambulanten und sozialen Diensten. Sie nehmen sich der Frage an, was getan werden muss, damit man im Raum Bonn im Alter gut leben kann. Anfang 2016 lud der Arbeitskreis 60 Vertreter aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen wie Kultur, Musik und Sport zu einem zweitägigen Brainstorming ein, in dem sieben Thesen für eine gesunde Zukunft unter der Überschrift „Gesundes Altern“ entwickelt wurden. 

Für bessere Strukturen im Krankenhaus 

In Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung arbeitet Prof. Jacobs’ Team auch daran, Krankenhausstrukturen für alte Menschen zu verbessern. „Wenn ein betagter Mensch sich durch einen Sturz das Bein bricht und nach der Frakturbehandlung zu uns kommt, können das Erlebnis des Sturzes, die Schmerzen und der Klinikwechsel bei ihm ein Delir auslösen, ein geistiges Durcheinander.“ Entspannende und freundliche Kommunikation, Farben, Musik, Orientierungshilfen im Gebäude oder auch autobiografische Arbeit helfen, einen solchen Zustand zu vermeiden oder abzumildern. Seine Forderung: „Wir müssen uns als Gesellschaft viel intensiver damit beschäftigen, wie wir im Alter versorgt sein wollen und was uns das wert ist. Solche wissenschaftlichen Förderprojekte können uns dabei unterstützen, nicht stehen zu bleiben, sondern uns aus der Beobachtung heraus ständig weiter zu entwickeln – für eine bessere Altersmedizin.“