Mit Herz und Verstand

Drei Demenzbeauftragte hat das Gronauer Krankenhaus ausbilden lassen, weitere werden für das 117-Betten-Haus folgen.

Lebt ein Mensch mit Demenz in einem Pflegewohnheim, haben die Pflegefachkräfte Zeit, sich auf ihn einzustellen: Er verbringt hier längere Zeit, manchmal viele Jahre. Ganz anders ist die Situation, wenn Menschen mit Demenz im Krankenhaus behandelt werden: Hier sind sie oft nur ein paar Tage, vielleicht eine oder zwei Wochen, das Stationsteam hat viel weniger Zeit, sie kennenzulernen. Der Schwerpunkt liegt auf der stationären pflegefachlichen Betreuung, weniger auf der Alltagsbegleitung. „Dennoch muss das Stationsteam mit allen Eigenheiten der demenzerkrankten Patienten umgehen können“, sagt Elke Tafel, Johanniterschwester, Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Demenzbeauftragte im Johanniter-Krankenhaus Gronau.

Folgen der Demenz für den betroffenen Menschen

Bei Demenz bilden sich Gehirnareale nach und nach zurück, sodass Betroffene mit wachsenden Einschränkungen im Denken, Fühlen und Handeln konfrontiert werden. Sie können sich schlechter in bestimmten Situationen oder Räumen orientieren, sind kaum in der Lage, sich zu konzentrieren und sich etwas zu merken. Misstrauen und Abwehr gegen die zunehmend als verwirrend oder sogar feindlich empfundene Außenwelt können die Folge sein, ebenso Schutzstrategien, um die eigenen Defizite zu verbergen. Demenzerkrankte erinnern sich nicht mehr an bestimmte Namen oder Begriffe, verlegen Dinge und büßen alltägliche Fertigkeiten wie selbstständiges Essen oder Anziehen ein. Bestimmte Formen oder Stadien der Demenz zwingen Betroffene zu auffälligem und unsozialem Verhalten. Weltweit betrifft Demenz fast 47 Millionen Menschen, etwa 1,6 Millionen davon leben laut „Alzheimer’s Disease International“ in Deutschland. 

„Das macht die Johanniter aus, den Menschen so anzunehmen wie er ist, mit seinen Eigenheiten und Krankheiten.“

Elke Tafel, Johanniterschwester, Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Demenzbeauftragte im Johanniter-Krankenhaus Gronau

Herausforderungen im Umgang mit demenzerkrankten Patienten

Besonders bei einem ungeplanten Krankenhausaufenthalt müssen Pflegefachkräfte dazu in der Lage sein, anforderungsgerecht und flexibel auf die Bedürfnisse der demenzerkrankten Patientinnen und Patienten einzugehen. In der fremden Umgebung verweigern sie oft die Kooperation und verhalten sich herausfordernd. Psychische Spannungen oder andere Formen der Unruhe bauen die Betroffenen auch mit Umherwandern ab. Vor dem Hintergrund steigender Zahlen von Patientinnen und Patienten mit Demenz haben sich Pflegefachkräfte auf diese Verhaltensweisen eingestellt.

Demenzbeauftragte im Johanniter-Krankenhaus Gronau

Im Johanniter-Krankenhaus Gronau mit seinen 117 Betten gibt es mittlerweile drei Demenzbeauftragte unter den Pflegefachkräften – weitere werden ausgebildet. Die Ausbildung übernimmt die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. auf Initiative der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft.

Die Demenzbeauftragten verbessern einerseits die Versorgung demenzerkrankter Patientinnen und Patienten durch hausindividuell entwickelte Konzepte, andererseits fungieren sie als Multiplikatoren: Sie organisieren für ihre Kolleginnen und Kollegen Basisfortbildungen zum Thema. Dadurch soll für Demenzerkrankte der Stress eines Krankenhausaufenthaltes gemindert werden.

Basisfortbildung für Pflegeteams und regionaler Austausch

 „Wesentlicher Inhalt einer Basisfortbildung ist die Patientenkommunikation“, sagt Elke Tafel. „Wie mache ich mich jemandem verständlich, der nicht alles begreift? – Langsam sprechen, Blickkontakt halten, wenige Informationen geben und Ja/Nein-Fragen stellen sind einfache, aber sehr praktische Tipps.“ Ein weiteres wirkungsvolles Beispiel sind „Schatzkisten“, mit denen die Patientinnen und Patienten aktiviert werden können, ohne sie zu überfordern. In solchen Kisten befinden sich Alltagsgegenstände oder Fotos aus dem Leben, die alle Sinne ansprechen und zu Gesprächen anregen. In einem regionalen Arbeitskreis tauschen die Krankenhäuser im Landkreis Ideen und Konzepte aus. Neu erarbeitete Dokumente erleichtern den Kommunikationsprozess zwischen Klinik, Angehörigen und dem betreuenden Seniorenhaus.

Kein dementer Mensch, sondern ein Mensch mit Demenz

„Genauso wie wir nicht den Beinbruch von Zimmer 12 behandeln, sondern den Menschen mit einem Beinbruch, möchten wir auch einen Patienten mit Demenz als Menschen sehen, der zwar an Demenz erkrankt ist, aber mehr ist als diese Erkrankung“, stellt Elke Tafel klar. Da das im Alltag vielleicht aus dem Blick verloren wird, ist es umso wichtiger, sich dies in Schulungen und Gesprächen immer wieder zu verdeutlichen. „Denn das macht letztlich die Johanniter aus“, sagt die Demenzbeauftragte, „den Menschen anzunehmen mit seinen Eigenheiten – sei das die Vorliebe für orangefarbene Hosen, ein bestimmtes Weltbild oder eben als Menschen mit einer Demenzerkrankung.“