Wundchirurgie in der Altersmedizin

Wenn es um ethische Fragen geht, sitzen sechs Berufsgruppen an einem Tisch: Ärztlicher Dienst, Pflegedienst, Sozialdienst, Seelsorge, aber auch die Physiotherapie und Ernährungsberatung.

Die meisten Menschen verbinden mit der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie Schönheit, korrigierte Nasen, aufgespritzte Lippen, modellierte Brüste oder eine Bauchdeckenstraffung nach Gewichtsabnahme. Die vielen anderen Schwerpunkte wie die Behandlung von Verbrennungsfolgen, die rekonstruktive und Dekubitus-Chirurgie oder die Versorgung diabetischer Füße werden mit diesem Fachbereich der Medizin oft nicht in Verbindung gebracht. Dabei zählen sie zu den Hauptaufgaben von PD Dr. Panagiotis Theodorou, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Bethesda in Mönchengladbach.

PD Dr. Theodorou hat einen Lehrauftrag für sein Fachgebiet. Er erklärt: „Als akademisches Lehrkrankenhaus der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen legen wir einen besonderen Schwerpunkt auf das Thema Wissenschaft. Wir bringen unsere Erkenntnisse in den klinischen Alltag ein und behandeln unsere Patientinnen und Patienten mit modernsten und sicheren Verfahren nach wissenschaftlich aktuellstem Stand.“

Plastische Chirurgie bei chronischen Wunden 

Der Alltag sieht so aus: Frau Winkler* kommt mit dem Krankenwagen, zwei Sanitäter begleiten sie; dahinter ihre Tochter mit der Tasche in der Hand. Frau Winkler ist 84 Jahre alt, körperlich sehr geschwächt, stark abgemagert und nicht beweglich. In den letzten 14 Tagen war sie nicht mehr in der Lage aufzustehen. Ein Dekubitus hat sich entwickelt. Sie ist außerdem an Demenz erkrankt. Die Tochter ist mit ihren Kräften sichtlich am Ende, obwohl sie bereits von einem Pflegedienst unterstützt wird. – Erste medizinische Maßnahmen werden eingeleitet: Schmerztherapie, Infusion, eiweißreiche Kost.  

„Der interdisziplinäre Dialog und das Gespräch mit den Angehörigen erreicht, dass schwierige Entscheidungen gemeinsam getragen werden.“

PD Dr. Panagiotis Theodorou, Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie am Evangelischen Krankenhaus Bethesda Mönchengladbach

Klinische Ethik-Beratung bringt alle Disziplinen an einen Tisch

Bei alten Menschen wie Frau Winkler stellt sich immer die Frage, inwiefern man ihnen eine Operation zumuten kann. Die klinische Ethik-Beratung wird deshalb hinzugezogen. Sie ist eine andere Form der Besprechung unter ethischen Gesichtspunkten als das Ethik-Komitee. „Das Ethik-Komitee hat sehr komplexe Strukturen, die klinische Ethik-Beratung ist direkter und näher am medizinisch-pflegerischen Alltag“, erklärt Pfarrer Ulrich Meihsner den Unterschied. Er ist als evangelischer Krankenhausseelsorger Mitglied in der Ethik-Arbeitsgruppe der Plastischen Chirurgie, in der ein interdisziplinäres Team aus zum Teil sechs Berufsgruppen zusammenkommt: der Chefarzt und weitere Mediziner, Pflegefachkräfte, der Sozialdienst, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, die Ernährungsberatung und die Seelsorge. In der wöchentlichen Teamsitzung werden die Patientinnen und Patienten vorgestellt und Behandlungswege, -möglichkeiten, -wünsche und -perspektiven besprochen: Welche Unterstützung braucht die Patientin physisch und seelisch? Welche Hilfsmittel werden gebraucht, welche sind schon da? Ist Familiale Pflege sinnvoll?

Was möchte die dementiell erkrankte Patientin?

Die Reihenfolge der Behandlung von Frau Winkler mit mehreren Operationen wird vorgestellt Allerdings steht die Frage im Raum: Verkraftet Frau Winkler diesen Weg? Was ist ihr körperlich und seelisch zuzumuten? Gelingt die Deckung der Wunde? Soll ihre Behandlung mit einem künstlichen Darmausgang kombiniert werden, um sie vorübergehend vor Darmkeimen zu schützen? Das würde eine weitere Operation bedeuten. Doch was will Frau Winkler selbst?

Im Gespräch mit der Familie

Der Familie geht es darum, die Lebensqualität durch Schmerzlinderung deutlich zu verbessern Im Gespräch mit den Angehörigen wird deutlich, dass das durch verschiedene Maßnahmen möglich ist. So stellt sich heraus, dass Frau Winkler zu Hause kein Pflegebett hat: „Weil damit das Schlafzimmer zerstört wird“, äußert der Sohn. Das Schlafzimmer wird von Patienten und Angehörigen oft als unverletzlicher Raum angesehen. „Die Weigerung, hier etwas zu ändern, ist für uns ein Signal, dass die Angehörigen mit der Situation nicht zurechtkommen“, sagt der Pfarrer. Im Gespräch wird für und mit Frau Winkler schließlich entschieden, dass die Wunde durch plastische Deckung behandelt und auf den künstlichen Darmausgang verzichtet wird. Außerdem soll Frau Winkler wieder beweglicher werden, soweit sie es zulässt.

Ein neuer Anfang 

Als Frau Winkler entlassen wird, geht es ihr deutlich besser, die Wunde ist geschlossen. Eine Wundmanagerin kommt nun ins Haus. Die Pflegestufe konnte erhöht werden, sodass nun mehr und gezieltere Hilfe möglich ist. Ein Pflegebett ist jetzt auch da, im Wohnzimmer, „da kann sie besser in den Park schauen“, sagt der Sohn. PD Dr. Theodorou resümiert: „Der interdisziplinäre Dialog und das Gespräch mit den Angehörigen erreichen, dass schwierige Entscheidungen gemeinsam getragen werden.“