Geschichte der Johanniter und der Schwesternschaft

Johanniter Hospiz in Jerusalem

Die Johanniter und ihr katholischer Bruderorden, die Malteser, feierten im Jahr 1999 ihr 900-jähriges Bestehen. Im Juli 1099 hatte das erste Kreuzritterheer Jerusalem erobert, und vieles spricht dafür, dass die Gründung des Ordens unmittelbar im Zusammenhang mit der Wiedererrichtung der christlichen Herrschaft in der heiligen Stadt erfolgte.

Tatsächlich hatten italienische Kaufleute schon Mitte des 11. Jahrhunderts in Jerusalem ein Hospiz errichtet und dem Patronat des hl. Johannes des Täufers anvertraut. Als die Kreuzritter 1099 in Jerusalem einzogen, fanden sie an diesem Hospiz eine Bruder- und eine Schwesternschaft nach der Regel des Benedikt von Nursia und des Kirchenvaters Augustinus vor, die sich dem Dienst an armen und kranken Pilgern verschrieben hatte. Offenbar übernahm dieses Hospiz einerseits die Pflege verwundeter Kreuzfahrer. Auf der anderen Seite erblickten wohl auch fromme Kreuzritter dort ein Betätigungsfeld für praktische Nächstenliebe, so dass sie sich dem Hospital anschlossen - vermutlich eher als Stifter von Einkünften oder militärische Schutzherren denn im Pflegedienst. So entstand am Johanneshospiz eine den ritterlichen Idealen des hohen Mittelalter verbundene Gemeinschaft, die schließlich Mönche sowie pflegende Schwestern und Brüder teilweise ritterlicher Herkunft umfasste.

Mit päpstlichem Schutzprivileg von 1113 und vor allem mit der Bestätigung einer eigenen Ordensregel im Jahr 1153 wurde diese Gemeinschaft zu einem vollgültigen Orden, dessen Angehörige sich als "Diener (und Dienerinnen) der Armen unseres Herrn" verstanden. Die Pflege von Kranken und Alten stand im Zentrum der Anstrengungen dieses Johanniterordens, der - für die damalige Zeit keinesfalls selbstverständlich - sich nicht nur um Christen, sondern um Notleidende aller Religionen und Hautfarben kümmerte.

Von Dauer war dieses Zusammenleben nicht, und nach dem Fall Jerusalems 1187 wurden die Angehörigen des Ordens aus Jerusalem vertrieben. Das Jahrhunderte andauernde Ringen von Christen und Moslems um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer führte dazu, dass auch bei den Johannitern militärische Funktionen und politische Machtspiele immer stärker in den Vordergrund traten. Dennoch hat der Orden seine Verpflichtung zum Dienst an den Armen und Kranken nie ganz aufgegeben und unterhielt auch in seinen Stützpunkten auf Rhodos und später Malta große Hospitäler - die größten ihrer Zeit. In dieser Zeit übernahmen die Johanniter medizinische Kenntnisse der arabischen Welt, die sie dann ihrerseits in Europa verbreiteten, und trugen so zur Entwicklung der Heilkunst im Westen bei. Über die Geschichte der pflegenden Schwestern in diesen Jahrhunderten ist allerdings so gut wie nichts bekannt. Dass sie auch in diesen dunklen Zeiten am ihren Dienst am Krankenbett verrichteten, ist nicht zu bezweifeln. Schließlich galt Krankenpflege noch lange über das Mittelalter hinaus überwiegend als "Frauensache". Der Arzt ist erst mit der Entwicklung der modernen Medizin in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Krankenhaus gekommen - zur Visite. Die politischen Entwicklungen des späten Mittelalters und der Neuzeit führten dazu, dass wesentliche Teile des Johanniterordens ihre Tätigkeit in den Raum nördlich der Alpen verlagerten, schließlich wurde Preußen zu seinem Zentrum. Die dortige "Balley Brandenburg" schloss sich der Reformation an, sie wurde 1810 im Zuge der Säkularisierung aufgelöst.

Ihre Neuerrichtung durch den preussischen König Friedrich Wilhelm IV im Jahr 1852 brachte eine Rückbesinnung auf die alten Ordensaufgaben der praktischen Nächstenliebe. Der Orden übernahm damals die Trägerschaft für zahlreiche Hospitäler, an denen zunächst Diakonnissen für die Krankenpflege eingesetzt wurden. 1885 beschloss das Ordenskapitel dann die "Institution der Johanniter-Schwestern". Diese Johanniterinnen - so nannte man sie damals - erhielten zunächst nur eine zweimonatige Einweisung als Hilfskräfte. Bereits ab 1906 wurden sie mit einem staatlich anerkannten Abschluss ausgebildet, seitdem nimmt die Schwesternschaft nur Mitglieder auf, die über eine hochwertige Ausbildung mit staatlicher Abschlussprüfung verfügen.

Da der Orden in Deutschland bis 1945 sein Zentrum im Osten hatte, erlitt er durch den Kriegsausgang, die sowjetische Besetzung und später die kirchenfeindliche Politik der DDR besonders schwere Verluste. In der Nachkriegszeit konnte er sich nur in den westdeutschen Gebieten betätigen, in denen er traditionell nur schwach vertreten war. Hier entstanden 1952 die Johanniter-Hilfsgemeinschaften und die Johanniter-Unfallhilfe, und 1958 wurde die Johanniter-Schwesternschaft als eingetragener Verein ein eigenständiges und gleichberechtigtes Ordenswerk des Johanniterordens. Seitdem ist die Schwesternschaft durch ihre jeweilige Oberin in der Ordensregierung vertreten.

Erste Ordensoberin wurde 1958 Gerda Gräfin Schack von Wittenau, ihre Nachfolgerinnen waren Caroline v. Consbruch (ab 1960), Wera v. Poncet (ab 1971) und Karin Gräfin von Dönhoff (ab 1985). In der Amtszeit dieser Oberinnen nahm die Schwesternschaft bei aller gebotenen Behutsamkeit teil an der gesellschaftlichen Modernisierung in Deutschland. 1973 wurde auch verheirateten Schwestern die Möglichkeit der Mitgliedschaft eröffnet, in den 80er Jahren begann der bis in die Gegenwart andauernde Ausbau der Bildungseinrichtungen der Schwesternschaft. Auch das Erscheinungsbild der Schwesterntracht wurde modernisiert, und mit der 1997 begonnenen Erarbeitung eines Leitbildes begann ein Prozess, der die umfassende Erneuerung und Konsolidierung der Organisation und ihres Selbstverständnisses zum Ziel hat.

Eines der Motive für diese Erneuerung entstand auch aus den Umwälzungen der Jahre 1989/1990 und der deutschen Wiedervereinigung, die dem Orden wieder Zugang zu seinen Stammlanden in und um Brandenburg - und dort eine Fülle anspruchsvoller Herausforderungen brachten. Ein deutliches Zeichen für die Erneuerung war 1999 die Ernennung der jetzigen Ordensoberin Andrea Trenner, mit der zum erstenmal eine Frau eine Leitungsfunktion innerhalb des Ritterlichen Ordens der Johanniter übernimmt, die nicht aus einem der adligen Häuser stammt, die diesem Orden teilweise seit Jahrhunderten verbunden sind.

Eine Absage an jede Tradition bedeutet das für Andrea Trenner ganz und gar nicht: "900 Jahre Tradition sind Auftrag und Verpflichtung, aber auch Sicherheit" erklärte sie in Ihrer Antrittsrede. "Damit wir Menschen uns wohl fühlen können, hoffen wir auf Verlässlichkeit in der uns umgebenden Welt. Diese Stabilität kommt durch Regeln, Konventionen und Gesetze zustande, die den dynamischen Fluss des Geschehens kanalisieren und uns davor schützen, in jedem Augenblick etwas völlig Neuartiges und Überraschendes erwarten zu müssen." Und weiter: "Bei uns verbinden sich die jahrhundertealte Tradition des Johanniterordens und seiner Schwesternschaft mit modernen Vorstellungen von Fortschritt. Hier können wir gemeinsam das Wort Martin Luthers von der "Freiheit des Christenmenschen" leben. Wir müssen keinem modernen Fetisch hinterherlaufen, wir haben es nicht nötig, in diesem verkürzten Sinn "modern" zu sein. Wir dürfen ganz altmodisch den Menschen, besonders den hilfsbedürftigen Menschen, und damit auch uns selbst und unsere Mitschwestern in den Mittelpunkt unserer Sorge stellen."

Ursprüngliche Tracht der Johanniterschwester