Zurechtkommen in der Fremde

Jordanien / Libanon, 28. Januar 2015

Mehr als 1,7 Millionen Syrer sind bisher aus dem Kriegsgebiet in die benachbarten Staaten Jordanien und Libanon geflohen. Oft waren sie monatelang unterwegs, haben sich von einem Dorf ins nächste gerettet bis sie endlich die Grenze erreichten. Allein Jordanien hat seit Beginn des Krieges mehr als 620 000 Flüchtlinge aufgenommen, der Libanon sogar fast 1,2 Millionen. In der Fremde versuchen die Flüchtlinge nun, sich ein neues Leben aufzubauen. Johanniter-Mitarbeiterin Wiebke Kessens war vor kurzem in den beiden Ländern unterwegs und hat sich ein Bild von der Lage gemacht. Mit welchen Schwierigkeiten die Menschen dort zu kämpfen haben und wie die Johanniter versuchen zu helfen, berichtet sie in ihrem Reisetagebuch.

Tag 1 - Renovierungsbedarf in Flüchtlingsunterkünften

Die karge Landschaft auf dem Weg nach Irbid.

Gelber Staub weht über die asphaltierte Straße. Beim Blick aus dem Autofenster lässt sich die nahe Wüste erahnen. Jetzt im Winter ist es auch hier sehr kalt. Wir sind auf dem Weg in die Stadt Irbid im Norden von Jordanien. Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation „Jordan Health Aid Society“ (JHAS), einer der größten medizinischen Hilfsorganisationen in Jordanien, wollen wir Familien besuchen, die sich hier vor dem Krieg im benachbarten Syrien in Sicherheit gebracht haben. Keine 30 Kilometer sind es von hier bis zur Grenze.

In Irbid angekommen verlieren wir uns erstmal in dem schier endlosen Gewirr aus Straßen, Gassen und Menschen. Selbst für unseren lokalen Fahrer ist es nicht einfach, sich zurecht zu finden. Ein Mitglied der Flüchtlingsgemeinde zeigt uns schließlich den Weg. In der engen Straße stehen die Mehrfamilienhäuser dicht an dicht. Die Fassaden der Häuser sind alt und rissig. Die Farbe an den Hauswänden ist abgeplatzt. Wir gehen durch einen schmalen Durchgang im Vorderhaus in einen Innenhof. Durch eine Tür können wir eine offene Kochecke sehen. Wie die Tür ist sie alt und teilweise kaputt. Wäsche hängt zum Trocken im Innenhof.

Ola Telfah (li.), Johanniter-Mitarbeiterin in Jordanien, Wiebke Kessens (m.) und Guido Dost (re.), Leiter der Johanniter-Auslandshilfe, in einer Flüchtlingsunterkunft in Irbid.

Die Familie, ein Ehepaar und seine drei Kinder, bittet uns freundlich herein und wir setzen uns auf die an der Wand verteilten Matratzen. Die Familie erzählt uns von ihrer Heimat, einem kleinen Dorf in der Nähe von Damaskus. Auf ihrer Flucht aus Syrien konnten sie kaum etwas mitnehmen. Seit elf Monaten sind sie in Jordanien. Vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen haben sie ein wenig Kleidung, Decken, eine Grundausstattung zum Kochen erhalten – und die Matratzen auf denen wir sitzen. Richtige Möbel oder eine Ofen, mit dem sie die kalten feuchten Räume beheizen können, haben sie nicht. Auch für Herzmedikamente, die der Vater dringend braucht, ist kein Geld da. So geht es vielen Flüchtlingen, denn in Jordanien dürfen sie offiziell nicht arbeiten und bleiben so auf Hilfsmaßnahmen angewiesen. Keines der drei Kinder kann zur Schule gehen – den genauen Grund verstehen wir nicht, nur so viel, dass es Schwierigkeiten mit einer Behörde gibt. Wie so oft, ist auch die Wohnung dieser Flüchtlingsfamilie in katastrophalem Zustand: insbesondere die Küche – ohne Abwasserleitungen, mit kaputten Wänden, schlechten Installationen – und das Badezimmer müssen dringend Instand gesetzt werden.

Die Wände in der Wohnung und wie hier, in Küche und Badezimmer, sind kaputt. Ein Schlauch in der Wand dient als Dusche, richtige Abwasserleitungen gibt es nicht.

Auch bei der zweiten Familie, die wir besuchen ein ähnliches Bild. Kaputte Wände, kaputte Dächer, kaputte Fenster. Es zieht, ist kalt und die Luft ist muffig. Durch die kleinen Fenster in der Souterrainwohnung fällt nur wenig Licht in die beiden Zimmer, die Tür öffnet direkt zur Straße, das Schloss funktioniert nicht richtig. Die Bewohner fühlen sich nicht wirklich sicher. In einem der Zimmer wohnt eine ungefähr 80-jährige Mutter mit ihrer Tochter, in dem anderen Zimmer ihr Sohn mit seiner Familie. Sie teilen sie sich eine kleine Kochnische und einen Waschraum. Die Dusche darin ist nur ein Schlauch, der von der Wand hängt, die Toilette nur ein Loch im Boden.

Ich bin froh zu wissen, dass beide Wohnungen bald von JHAS renoviert werden. Die Lebensverhältnisse von mehr als 1000 Flüchtlingsfamilien in Jordanien und im Libanon konnten wir zusammen mit unseren Projektpartnern auf diese Weise schon verbessern.

Was sich dadurch ändert, sehen wir in den nächsten beiden Wohnungen, die wir besichtigen. Sie wurden bereits von JHAS instand gesetzt. Die Wände strahlen weiß, es zieht nicht mehr und vor allem die Badezimmer und die Küchen sind deutlich einladender. Hier gibt es Warmwasserboiler, so dass sogar fließendes warmes Wasser verfügbar ist. Die Türen sind alle mit neuen Schlössern versehen und verschließbar, die Fenster haben Scheiben und Moskitonetze und lassen sich leicht öffnen. Neben dem Haus entdecken wir einen kleinen Garten in dem verschiedene Bäumchen wachsen. Die Bewohner erzählen uns, Syrer würden grundsätzlich gerne Gärten anlegen und außerdem würde das ja die Häuser auch von außen verschönern. Einiges blüht sogar schon. Ein Stück Heimat in der Fremde.

Tag 2 - Kostenlose Hilfe für Menschen mit körperlicher Behinderung

Wiebke Kessens und Guido Dost begutachten die detailgenauen Prothesen im Mobility Solutions Center in Amman.

Zurück in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Heute besuchen wir das sogenannte „Mobility Solutions Center“. Diese Einrichtung versorgt syrische Flüchtlinge und auch Jordanier kostenlos mit Prothesen. Auch Physiotherapie und weitere Angebote zur Rehabilitation von Menschen mit körperlicher Behinderung stehen kostenlos zur Verfügung. Mit Hilfe des Spendenbündnisses „Aktion Deutschland hilft“ konnten wir das Center mit Rohmaterial für die Herstellung von Beinprothesen unterstützen. Beim Rundgang durch die Orthopädiewerkstätten zeigen uns die Mitarbeiter die verschiedenen gefertigten Prothesen. Unglaublich, wie echt die künstlichen Hände aussehen.

Wir treffen einen Mann im Rollstuhl, der im Center eine Ausbildung zum sogenannten „peer educator“ absolviert. Am Ende der mehrwöchigen Ausbildung wird er anderen Menschen mit Behinderung helfen können, sich zu motivieren und einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Wie wichtig diese Aufgabe für ihn selbst ist, erfahren wir als er uns seine Geschichte erzählt: in seiner Heimatstadt in Syrien wurde er von einem Heckenschützen angeschossen und schwer verletzt. Zum Glück konnte er zur medizinischen Behandlung über die Grenze nach Jordanien gebracht werden, doch die Verletzung am Rückenmark war so schwer, dass er auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Anfangs hat ihn das sehr frustriert, aber die Ausbildung, sagt er, hat ihn motiviert wieder den Weg zurück ins Leben zu finden.

Tag 3 - Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben

Wir sind weitergefahren in den Libanon. Beim Besuch in Saida erfahren wir, wie komplex die Situation der Flüchtlinge hier ist: in der dicht bevölkerten Flüchtlingssiedlung Ein El Helweh, leben nicht nur syrische Flüchtlinge sondern auch palästinensische Flüchtlinge, die einst vor dem Konflikt mit Israel nach Syrien geflüchtet waren und jetzt wiederum fliehen mussten. Sie alle haben Aufnahme gefunden in ehemaligen Flüchtlingslagern von Exilpalästinensern, die schon seit den sechziger Jahren hier leben. Aus den Lagern wurden im Laufe der Zeit feste Siedlungen. Den Zutritt zur Siedlung kontrolliert die libanesische Armee. Auch wir müssen uns vorab registrieren, um eine Zugangsgenehmigung zu bekommen. Mit dem Auto bahnen wir uns einen Weg durch die engen Straßen. Wir kommen nur langsam voran. Entgegenkommende Fahrzeuge und zahlreiche Menschen schieben sich an uns vorbei. Für einen Kilometer brauchen wir fast 30 Minuten.

In der Diskussionsrunde können die Männer und Frauen über ihre Sorgen und Nöte sprechen.

In einem Gemeindezentrum hat unsere Partnerorganisation Naba‘a zu einer Diskussionsrunde geladen, um sich die Sorgen und Nöte der Flüchtlinge anzuhören und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Vor allem Mütter suchen hier Hilfe. Schnell wird eines der Hauptprobleme klar: auch hier erhalten die Menschen vor allem Hilfsgüter – Bargeld für andere wichtige Ausgaben, wie Schulsachen für die Kinder, Medikamente oder Kerosin für die Heizöfen, haben sie nicht. Um diese Dinge beschaffen zu können, werden Nahrungsmittelgutscheine vergeben. Für die verschiedenen Flüchtlingsgruppen sind unterschiedliche UN-Organisationen zuständig. Das führt zu Missverständnissen und Unklarheiten und macht das Leben der Flüchtlinge zusätzlich kompliziert.

Wie in den jordanischen Flüchtlingssiedlungen sind auch hier die Wohnungen in einem schlechten Zustand. Es ist Winter und kalt und es regnet häufig, Dächer und Türen sind oft kaputt. Zusammen mit Naba’a und mit finanzieller Unterstützung der deutschen Regierung konnten wir bereits einige Wohnungen renovieren und Matratzen, Decken und Kleidung verteilen. Unter den ungesunden Wohnbedingungen in der Siedlung leiden insbesondere Kinder, ältere und kranke Menschen. Für die anwesenden Männer in dem Gemeindezentrum ist die Situation auf andere Weise unerträglich: sie fragen vor allem danach, wie sie Geld verdienen können, um ihre Familien zu unterstützen. Neben Hab und Gut mussten die Flüchtlinge auch ihre Arbeitsstelle und damit ihr Einkommen in Syrien zurücklassen. Nun hoffen sie darauf, eines Tages wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – auch wenn das nicht in ihrer Heimat sein wird.

Ein Ende des Konflikts in Syrien ist nicht abzusehen. Die Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon benötigen dringend weiter unsere Hilfe. Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende, vielen Dank!