"Bei Inklusion geht es nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie"

Berlin, 02. Dezember 2016

Susanne Wilm, Fachberaterin für Inklusion

Im Dezember 2006 hatten die Vereinten Nationen die Behindertenrechtskonvention (BRK) verabschiedet. Sie etablierte universelle Standards, damit Menschen mit Behinderung ihre Grundrechte und gesellschaftliche Teilhabe wahrnehmen können. Die BRK markiert behindertenpolitisch einen Paradigmenwechsel - weg vom medizinisch-defizitären Blick auf Behinderung, hin zu einem menschenrechtlichen Ansatz. Was die Konvention für die Arbeit der Johanniter-Auslandshilfe bedeutet, erklärt Susanne Wilm, Fachberaterin der Auslandshilfe für Inklusion von Menschen mit Behinderung. Sie berät unsere Mitarbeiter bei der Umsetzung von Maßnahmen zum Abbau von Barrieren innerhalb der Projekte.

In armen Ländern wird die Mehrheit der Menschen von Teilhabe oder Entwicklung ausgeschlossen. Besteht dort überhaupt das Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderung?

Mittlerweile haben über 165 Staaten die BRK ratifiziert – viele davon Entwicklungsländer, was ein zunehmendes Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderung zeigt. Von den 23 Ländern, in denen die Johanniter arbeiten, sind nur der Libanon und Südsudan keine Vertragsstaaten der BRK. In vielen Ländern gibt es Antidiskriminierungs- und  Behindertengesetze sowie eine aktive Behindertenbewegung, die die Umsetzung einfordert. Behinderung ist jedoch stark durch das Umfeld bedingt und somit eine gesellschaftliche Herausforderung. Das gilt besonders in Entwicklungsländern, wo z.B. Gesundheits- oder Bildungssysteme schwach sind und eine Behinderung oft zu sozialer Ausgrenzung führt. Gestiegenes Bewusstsein drückt sich nicht unmittelbar in einer besseren Implementierung bestehender Gesetze oder in inklusiveren Praktiken aus. Viele Menschen mit Behinderung sind daher weiterhin von Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen.

Als humanitäre NGO ist die Johanniter-Auslandshilfe in der Sofort- und Nothilfe aktiv, bei der die Hilfe schnell bei den Betroffenen ankommen muss. Wie kann man in dieser Dynamik gewährleisten, dass Menschen mit Behinderung nicht zu kurz kommen?
In humanitären Krisen sind Menschen mit Behinderungen besonders gefährdet, haben aber oft sehr eingeschränkten Zugang zu Hilfe. Deshalb sind ihre Bedarfe von zentraler Bedeutung. Das umfasst z.B. die Barrierefreiheit unserer medizinischen Nothilfestationen sowie die Zusammenarbeit mit Akteuren, die spezifische Hilfen für Menschen mit Behinderung anbieten. Gemeinsam mit Motivation UK haben wir das Emergency Response Wheelchair Project  entwickelt, um in Krisensituationen schnell einen angemessenen Rollstuhl zur Verfügung stellen zu können. Der Rollstuhl ist leicht zusammenzubauen, individuell anpassbar und kostengünstig. Er hilft, Immobilität und das Risiko für Folgekomplikationen zu verringern. Inklusion von Menschen mit Behinderung ist auch Teil der Trainings für die Johanniter-Soforthelfer, in denen wir für deren Bedarfe sensibilisieren und inklusive Lösungen identifizieren.

Lesen Sie hier mehr über die Arbeit der Johanniter für Menschen mit Behinderung.

Die Johanniter hatten sich zum Ziel gesetzt, 32 konkrete Maßnahmen in drei Handlungsfeldern bis Ende 2015 umzusetzen. Konnte das erreicht werden?
Der Handlungsplan 2013-2015 umfasste Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Behinderung auf Organisationsebene, zur Durchführung behinderungsspezifischer Projekte sowie der nachhaltigen Verankerung einer inklusiven Projektarbeit. Nicht alle Ziele konnten in diesem Zeitrahmen erreicht werden, beispielsweise die barrierefreie Website. Sichtbar zugenommen hat aber das Mitdenken und –planen von und für Menschen mit Behinderung in der Projektarbeit jenseits von behinderungsspezifischen Projekten. In allen Fachbereichen gibt es mittlerweile behinderungsinklusive Projekte. Beispielsweise läuft im Libanon eine Maßnahme, die Zugang zu Arbeit für junge geflüchtete Menschen mit und ohne Behinderung fördert. In Myanmar startete ein behinderungsinklusives Projekt zur gemeindebasierten Resilienzstärkung gegenüber Katastrophen. Damit tragen die Johanniter nicht nur zur Umsetzung der BRK in den Einsatzländern, sondern auch in Deutschland bei: Mit der Ratifizierung verpflichtet sich Deutschland nämlich, seine humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit so zu gestalten, dass sie Menschen mit Behinderung einbezieht und für sie zugänglich ist.

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Wo soll die Johanniter-Auslandshilfe in ein paar Jahren aus Ihrer Sicht stehen?
Der Debatte um die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Not- und Entwicklungshilfe haftete oft eine Schwere an bis hin zu dem Argument, es sei ein Luxusproblem. Behinderung betrifft jedoch mehr Menschen, als man denkt, laut WHO 15% der Weltbevölkerung: Personen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen – oft unsichtbar – und in vielfältigen Lebenslagen, Männer, Frauen, Kinder oder ältere Menschen, die in unseren Zielgemeinden leben. Mit der BRK gibt es im Hinblick auf ihre Inklusion nichts zu verhandeln oder unter Vorbehalt zu stellen: Es geht nicht mehr um das Ob. Es geht um das Wie und Implementierungsorganisationen haben hier eine wichtige Rolle. Die Johanniter haben sich dieser Verpflichtung engagiert gestellt. Inklusion ist aber ein fortlaufender Prozess, der nicht mit dem Ablauf eines Aktionsplans beendet ist. Mit jedem neuen Projekt und jedem neuen Kontext, in denen wir uns bewegen, stellen sich Fragen nach Bedingungen und Formen von Exklusion und wie wir in unserer Arbeit Barrieren abbauen können. Ich bin überzeugt, dass sich die Johanniter auch in Zukunft diesen Fragen stellen. Mit der Verankerung eines umfassenden inklusiven Ansatzes in der neuen Strategie wurde dafür ein geeigneter Rahmen geschaffen.

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Umfassendste Veränderungen in den nächsten 15 Jahren möglich
Die diesjährige BRK-Staatenkonferenz am 14.-16. Juni markierte das 10-jährige Jubiläum der Konvention und stand unter dem Motto ‘Implementing the 2030 Development Agenda and the new Sustainable Development Goals (SDGs) for all persons with disabilities: Leaving no one behind’. Ein besonderes Augenmerk auf das Thema Inklusion lenkte auch der erste humanitäre Weltgipfel im Mai diesen Jahres, auf dem die Johanniter ihre Selbstverpflichtung zu einem inklusiven Ansatz in ihrer Arbeit unterstrichen haben.  Arbeit Das Zusammenwirken beider Prozesse – die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und der Behindertenrechtskonvention – bietet die einmalige Möglichkeit, dass die nächsten 15 Jahre die umfassendsten Veränderungen für die Rechte und Inklusion von Menschen mit Behinderung weltweit bringen.

 

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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