„Das EMT-System ist ein Paradigmenwechsel in der Nothilfe“

Berlin, 07. Juni 2017

Interview mit Dr. Christoph Lindenstromberg, medizinischer Fachberater der Johanniter-Auslandshilfe

Als erste deutsche Organisation legt die Johanniter-Auslandshilfe am 12. Juni eine Prüfung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab, um eine Klassifizierung als Emergency Medical Team (EMT) zu erhalten. Diese Klassifizierung soll in Zukunft den Zugang zu Katastrophengebieten regeln. Dr. med. Christoph Lindenstromberg ist Anästhesist, Notarzt, ärztlicher Psychotherapeut und medizinischer Fachberater der Johanniter-Auslandshilfe. Er hat den Prozess der Klassifizierung als Emergency Medical Team (EMT) bei den Johannitern von Anfang an begleitet.

Welche Bedeutung hat das EMT-System für die internationale Nothilfe?

Die EMT-Klassifizierung ist ein Paradigmenwechsel in der Nothilfe, da es auf lange Sicht in Katastrophengebieten wirklich nur Organisationen mit EMT-Klassifizierung geben wird. Ein Chaos wie in Haiti 2010 werden wir dadurch nicht noch einmal erleben. Die Standards der Klassifizierung sind übrigens dieselben für nationale und internationale Teams. Dadurch wird die lokale Hilfe gestärkt, sodass die „westliche“ Hilfe vielleicht irgendwann gar nicht mehr nötig sein wird. Die internationale Gemeinschaft, aber auch die nationalen Regierungen haben zum Teil viel Geld in die Ausstattung von Nothilfe-Organisationen gesteckt, damit sie sich an die Normen der WHO anpassen können. In Deutschland sind die Johanniter nun die ersten, die die Prüfung für eine EMT-Klassifizierung durchlaufen. (mehr Infos dazu finden Sie hier)

Wie gestaltet sich der Klassifizierungsprozess?

Die WHO kommt zu einem zweitägigen Assessment in unser Trainingszentrum nach Frankfurt. Die WHO wird in dem Assessment vor allem darauf achten, wo die Teams schon gut sind, wo ihre Schwachstellen liegen und was noch verbessert werden muss. Im ersten Teil besprechen wir die sogenannten SOPs, also die „Standard Operating Procedures“. Dieses Regelwerk gestaltet den Ablauf unseres Vorgehens und beschreibt ganz detailliert, wie wir im Einsatz und danach zu agieren haben. Der zweite Teil der Klassifizierung besteht darin, dass wir Übungsstationen aufbauen. An fünf bis sechs verschiedenen Stationen führen wir vor, was wir vor Ort im Katastrophengebiet machen würden. Das heißt, wir haben eine Station, an der wir eine klinische Behandlung demonstrieren: An einer anderen Station stellen wir die Unterkunft für die Helfer vor Ort dar. Eine Station zeigt die Trinkwasseraufbereitung. An den verschiedenen Stationen geben wir kurze Einblicke in das, was wir technisch durchführen können. Zum Schluss sind noch anderthalb Stunden vorgesehen, um Fragen zu den SOPs zu beantworten. Dabei gibt es einige Bereiche, die den Vertretern der WHO besonders wichtig sind.

Christoph Lindenstromberg (links) und Jorge Salamanca während der Fieldcamp-Übung in Celle 2016. Der Spanier hat im Auftrag der WHO den Klassifizierungsprozess der Johanniter beratend begleitet.

Welche sind das?

Das sind zunächst Personalmanagement, also: „Wie kommen wir an Einsatzkräfte, wie bilden wir aus, welche Personen sind für uns unterwegs?“ Dann spielt der Teil Training eine Rolle, also die Frage: „Was geben wir den Mitarbeitern an die Hand?“. Das gilt natürlich vor allem für die Aufgaben, die unsere Ehrenamtlichen in ihrem Alltagsgeschäft in Deutschland nicht machen. Der dritte Aspekt ist die Gesundheit im Team und die Sicherheit im Einsatzland: „Was machen wir, damit unsere Einsatzkräfte sicher sind, damit sie nicht in Gefahrensituationen kommen, welche Sicherheitsvorschriften haben wir?“. Mit diesen Fragen setzen wir uns intensiv auseinander.

Der Klassifizierungsprozess läuft nun seit etwa anderthalb Jahren. Sie haben Ihr Konzept bereits einmal vorgestellt und mussten es noch einmal überarbeiten. In welchen Punkten?

Wir haben sehr viel verschriftlicht. Es sind nun Dinge beschrieben, die bisher den Mitarbeitern vor Ort überlassen worden waren. Unsere Mitarbeiter sind gut geschult und erfahren. Daher haben wir haben uns bislang darauf verlassen, dass sie wissen, was vor Ort zu tun ist. Nun haben wir für alles eine schriftliche Leitlinie, und zwar in einem Dokument.

Wie groß ist der Personenpool, aus dem das EMT rekrutiert wird? Wir wird die Ad-hoc-Einsatzfähigkeit im Katastrophenfall sichergestellt?

Wir haben einen Pool von Soforthelfern, der rund einhundert Personen umfasst. Kommt es irgendwo auf der Welt zu einer Katastrophe und wir erhalten vom Bundesvorstand den Einsatzbefehl, treffen die Nothelfer innerhalb von 24 Stunden in Frankfurt am Main ein. Dort bekommen sie ihr Einsatzmaterial, aber auch persönliche Ausrüstung wie Schutzkleidung. Wenn wir zum Beispiel in den Tropen sind, wären das ein Tropenhelm oder -hemd und ein Moskitonetz für den Schlafplatz. Anschließend erhalten die Nothelfer ihr Briefing für den Einsatz und wenn die Flüge schon organisiert sind, kann es sein, dass sie am Abend noch in Richtung Katastrophengebiet aufbrechen.

Den Ernstfall regelmäßig üben: Ehrenamtliche Soforthelfer der Johanniter sind das Rückgrat für die medizinische Nothilfe in Katastrophenfällen.

Sind diese Soforthelfer auch Ehrenamtliche, die sonst in anderen Berufen arbeiten?

Ja, sie engagieren sich alle ehrenamtlich in der Soforthilfe. Ein Teil arbeitet in Einrichtungen der Johanniter, und arbeitet zusätzlich freiwillig in der Soforthilfe. Das betrifft etwa ein Drittel der Helfer. Die Übrigen sind in anderen Berufen, bei anderen Arbeitgebern angestellt und engagieren sich zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit als Soforthelfer. Dazu muss man sagen, dass es für einen Soforthelfer aus Deutschland etwa alle drei bis fünf Jahre zu einem Einsatz kommt – glücklicherweise also nicht so häufig. Dazwischen liegen Trainings und Wartezeiten, da auch in diesem System die regionale Hilfe mehr zum Tragen kommt. Nicht jedes Ereignis auf der Welt erfordert eine Anfrage von europäischen Teams. So wurden beim letztjährigen Erdbeben in Ecuador vor allem Teams aus den lateinamerikanischen Nachbarländern zur Hilfeleistung angefordert und eingesetzt.

Was passiert mit Organisationen, die sich den Standards der WHO nicht unterworfen haben? Können Sie sich im Katastrophenfall noch bei der Einreise klassifizieren lassen?

Nein, definitiv nicht.

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