Gewalt und Beschränkung im Südsudan: Hilfe auf dem Prüfstand

Berlin, 09. Februar 2017

Der Südsudan kommt nicht zur Ruhe. Aufgrund immer wiederkehrender bewaffneter Auseinandersetzungen flohen bereits über zwei Millionen Menschen in die Nachbarländer. Die Johanniter-Auslandshilfe sah sich Mitte Juli 2016 gezwungen, sechs internationale Mitarbeiter aus dem Land vorübergehend abzuziehen. Einige Regionen sind aus Sicherheitsgründen unregelmäßig oder überhaupt nicht erreichbar. Personelle und finanzielle Risiken sind enorm hoch, weshalb die Johanniter ihr Engagement permanent überdenken und anpassen müssen.

Für die Menschen vor Ort sein: im Südsudan wird das aufgrund der Gewalt immer schwieriger. (Foto: F. Gutierrez)

2011 erlangte der Südsudan seine Unabhängigkeit, seitdem ist die Johanniter-Auslandshilfe dort aktiv. Seit 2013 kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Regierungsarmee und oppositionellen Gruppen. Zehntausende Menschen sind seitdem verletzt und getötet worden und jeder zweite Bewohner des an Erdöl reichen Landes ist von Unterernährung bedroht. Trotz eines Friedensabkommens eskalierten die Kämpfe im Juni 2016 abermals, rund 100.000 Menschen flohen in kürzester Zeit.

Die Johanniter-Auslandshilfe reagierte und verstärkte ihre Nothilfe. In der Stadt Wau, im Westen des Landes, wo es Ende Juni zu größeren Kampfhandlungen kam, wurden Flüchtlinge bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln unterstützt. Knapp 35 lokale Mitarbeiter leisteten hier unermüdlichen Einsatz. Aus Sicherheitsgründen mussten die sechs internationalen Mitarbeiter der Johanniter – genauso wie die Mehrzahl der internationalen Mitarbeiter anderer NGOs und Botschaften – das Land verlassen. Erst im September konnten sie zurückkehren. In der Zwischenzeit hatten sie vom Johanniter-Büro in Kenia aus ihre Arbeit machen können.

Hier erfahren Sie, wie wir nach dem Ausbruch der Gewalt in Wau Hilfe geleistet haben.

Ohne Sicherheit der Mitarbeiter ist Hilfe kaum möglich

Die Sicherheitslage im Blick behalten: Mitarbeiter Rodewald und Esders im Austausch mit dem deutschen Botschafter (mi).

Gerade die Aufrechterhaltung der Grundversorgung ist in Katastrophen- und Konfliktgebieten existenziell. „Wir haben deshalb überlebenswichtige Hilfsaktivitäten aufrechterhalten, mussten aber aufgrund der Sicherheitslage einige langfristige Projekte kurzzeitig aussetzen. Im Mittelpunkt der Entscheidung, was durchführbar ist und was nicht, stand die Sicherheit unserer Mitarbeiter. Denn ihre Unversehrtheit ist die Voraussetzung dafür, überhaupt Hilfe leisten zu können“, bringt es Oliver Rodewald auf den Punkt, der als stellvertretender Leiter der Auslandshilfe auch für die Sicherheit zuständig ist. Bei einem Projektbesuch von Rodewald im Dezember im Südsudan prüfte er deshalb, wie und ob die Johanniter weiter im Land tätig sein können. In Gesprächen mit der Botschaft, NGO-Netzwerken und lokalen Behörden kamen die Johanniter zu dem Entschluss, wegen des steigenden Bedarfs an humanitärer Hilfe weiter tätig zu bleiben, „auch wenn wir die Sicherheitslage weiter sehr genau im Blick behalten“, so Rodewald.

Vertragliche Bedingungen unzumutbar

Projekte zur Gesundheitsversorgung werden wegen Vertragsbedingungen abgegeben.

Den anhaltenden Risiken ist jedoch bereits ein Projekt zum Opfer gefallen - aus vertraglicher Sicht: „Die Bedingungen einiger Geldgeber tragen den schwierigen Gegebenheiten vor Ort nicht Rechnung und die Risiken werden auf die ausführenden Organisationen abgewälzt“, erklärt Monika Esders, Fachbereichsleiterin für Afrika bei der Johanniter-Auslandshilfe. „Unser jahrelang betriebenes Projekt zur Unterstützung der Basisgesundheitsversorgung in Western Equatoria müssen wir demnächst einstellen, weil die Vertragsbedingungen uns, unseren Kollegen und Partnern vor Ort in Zukunft nicht mehr zuzumuten sind.“ So hätte der Geldgeber in diesem Fall das Recht gehabt, die Projektfinanzierung in wenigen Tagen einseitig einstellen zu können. Die Haftungsverantwortung hätte dagegen fast allein bei den Johannitern gelegen. „So lässt sich unter den gegebenen Umständen nicht zusammenarbeiten“, erklärt Esders den Schritt.

Benzinmangel und Nahrungsmittelknappheit als Folge der Kampfhandlungen

Gut läuft dagegen das gemeinsame Engagement mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ). Nachdem die GIZ in 2016 ihre internationalen Mitarbeiter bis auf weiteres ebenfalls abziehen musste, setzen sie ihre Arbeit weiter mit nationalem Personal im Land um. Die Johanniter führen aktuell einige Aktivitäten der GIZ im Bereich der Ernährungssicherung fort. Diese sind nötiger denn je, denn es droht eine Verschärfung der Nahrungsmittelkrise.

Aufgrund erneut aufflammender Gewalt sind wichtige Zufahrtsstraßen in die verschiedensten Regionen des Landes nicht mehr befahrbar. Auch Benzin oder Grundnahrungsmittel kommen nicht mehr überall an. „Die meisten Geschäfte sind geschlossen, weil es nichts zu verkaufen gibt. Auf den Märkten gibt es nur noch ein paar Kartoffeln, sehr teures Cassava-Mehl und vielleicht ein paar Orangen“, berichten die Johanniter-Mitarbeiter aus Nagero im Süden des Landes. Und auch in Wau sind zwar Geschäfte geöffnet, das Angebot ist aber gering und die Preise sind extrem gestiegen. „Wenn es etwas gibt, ist es für die lokale Bevölkerung kaum zu bezahlen“, fassen die Kollegen zusammen.

Auch langfristig sind die Folgen der Kampfhandlungen gravierend: Viele Menschen sind geflohen und konnten deshalb ihre Felder nicht bestellen und pflegen, so dass die Ernte nun vielerorts ausfällt. „Schon jetzt sind 4,6 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Die ausbleibenden Ernten werden zu einer weiteren Verschärfung der Nahrungsmittelkrise in den betroffenen Regionen führen,“ ist sich Monika Esders sicher.

Bedrohte Existenz: laut WFP sind über 4,6 Millionen Südsudanesen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. (Foto: J. Studnar)

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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