Johanniter-Mitarbeiterin in Haiti: „Es ist schlimmer als ich dachte“

Berlin / Port-au-Prince, 18. November 2016

Einen Monat nach dem Hurrikan "Matthew", der Haiti getroffen hat, ist die Situation in den betroffenen Gebieten noch immer verheerend. Unterernährung und die Ausbreitung von Epidemien drohen. Johanniter-Mitarbeiterin Nicole Bergmann, die derzeit in Haiti ist, um die Hilfe der Johanniter zu koordinieren, ist erschüttert: „Es ist schlimmer als ich dachte. Ich glaube, es ist sogar schlimmer, als alle dachten.“ Hier berichtet sie von ihren Eindrücken.

Tagebucheintrag: 16.11.2016

Wir fahren von Les Cayes früh morgens los Richtung Tiburon - die südlichste Spitze von Haiti, auf die der Hurrikan zuerst getroffen ist. Es sind ca. 60 Kilometer und wir brauchen ungefähr vier Stunden! Wieder geht es durch einen Fluss, über unbefestigte Straßen, durch Schlaglöcher so groß, dass Kleinwagen problemlos  darin versinken könnten. Wir passieren Straßensperren aus Palmenstämmen oder aufgeschütteter Erde, errichtet von den Dorfbewohnern in der Hoffnung vielleicht doch etwas abgreifen zu können von den wenigen vorbeifahrenden Autos, aber eigentlich wissend, dass dem wohl nicht so sein wird!

Wir fahren diese 60 Kilometer entlang der Küste und ich kann kaum glauben, was ich sehe. Als wir nach Port Salut kommen, verstehe ich zum ersten Mal wirklich, was hier passiert ist. Als wir in den Ort kommen sehen wir zusammengebrochenen Ruinen, die mal ein Hotel waren. Dass selbst die festen Steinstrukturen unter dem Sturm zusammengebrochen sind, macht mich fassungslos - fast mutlos! Ich sehe die Hütten, die notdürftig zusammen gebauten Unterkünfte -  als Dächer werden zumeist Plastikplanen genutzt. Nicht nur die Häuser liegen zerfallen und zerbröckelt am Boden - auch die Natur!

Die sonst majestätisch im Wind wiegenden Kokospalmen - abgeknickt, braun, leblos!

12 Stunden lang hat der Hurrikan Matthew getobt und ein Bild der Verwüstung hinterlassen.

Wir fahren und fahren und der Anblick von Blechhütten, zum Teil  eher Ställen ähnelnden Behausungen sowie verwüstete Vegetation lässt einfach nicht nach. Wie schaffen es die Menschen damit umzugehen, mit all dem zu leben?!? Wie überleben sie es? Es gibt weder ein richtiges Dach über dem Kopf, noch Wasser - von fließendem Wasser, kann man hier nur träumen. Es gibt keinen Strom, keine bis sehr mangelhafte Gesundheitsversorgung.

Das wohl allerschlimmste ist jedoch, dass die Menschen nicht wissen, woher sie Essen bekommen sollen! Ihre Ernte wurde zerstört, die Bäume und Pflanzen liegen genauso am Boden wie die Reste ihrer Häuser!

Ohne Essen zu sein, schwächt die Menschen zusätzlich, aber eigentlich müssten sie ihre Häuser wieder aufbauen um ein Dach über dem Kopf zu haben. Jedoch gibt es keine Ersparnisse, von denen sie das nötige Material kaufen könnten für die Reparatur oder den Neubau.

In Tiburon, nach vierstündiger Fahrt angekommen sprechen wir kurz mit der Bürgermeisterin  - auch hier mangelt es an allem und es ist nicht klar, wie man die nächsten Monate überleben soll. Es ist schwierig all das zu sehen und zu wissen, dass unsere Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein wird.

Tagebucheintrag: 12.11.2016

Am Freitag startete der gemeinsame Hilfsflug von sieben Hilfsorganisationen, darunter auch wir, mit 73 Tonnen Hilfsgütern. Am Freitagabend landete die Maschine am Flughafen in Port-au-Prince. Bereits die Tage davor hatte ich damit zugebracht den Abtransport der Güter vom Flughafen in die Projektregion zu organisieren. Da unsere Hilfsmaterialien am Freitagabend nicht durch den Zoll gekommen sind, verbringe ich auch den Samstag am Flughafen in Port-au-Prince und versuche gemeinsam mit den Kollegen von World Vision die Sachen zu regeln. Die Mitarbeiter am Flughafen kennen mich bereits vom Vortag, sie sind hilfsbereit und geben mir ohne zu zögern eine Plakette, mit der ich Zugang zu diesen sonst zugangsbeschränkten Hallen bekomme.

Wie ich erfahre, gibt es die Papiere und die dazugehörigen Unterschriften 'eigentlich' nur von Montag bis Freitag. Trotzdem warte ich am Flughafengebäude, denn ich habe die Vermutung, dass meine Hartnäckigkeit und meine Anwesenheit hilfreich sein könnten. Es ist heiß und staubig und ich kontrolliere hin- und wieder die Anzahl der Kisten, die geliefert wurde und die über Nacht auf dem Flugfeld standen, nun aber nach und nach in das Warenhaus transportiert werden. Ich werte das als einen guten Schritt in die richtige Richtung, denn in dem Warenhaus möchten die Betreiber die Güter nur möglichste kurze Zeit haben, da sie sonst den Platz okkupieren. Nach einigen Stunden warten wird uns tatsächlich das Zeichen gegeben, dass die Güter abtransportiert werden können! Super wir haben es geschafft und die Hilfsgüter können abtransportiert werden. Am nächsten Tag werde ich die nötigen Dokumente und die Gesundheitskits an die Partnerorganisation „Ärzte der Welt“ übergeben und ich weiß, dass die Medikamente in den mobilen Kliniken von „Ärzte der Welt“, die sie im Süden von Haiti einsetzen werden, mehr als gut gebraucht werden können.

Tagebucheintrag 11.11.16

Ich erinnere mich so genau an diese Strecke zwischen Port-au-Prince und Petit Goave. Jedes Schlagloch kannte ich auf dieser Strecke. Jetzt - vier Jahre später - fahre ich wieder hier entlang und es hat sich nichts verändert, was mich irgendwie auf seltsame Weise zugleich erschüttert aber auch beruhigt.

An Tag drei in Haiti fühlt sich alles schon wieder so normal an, als wäre ich nie weg gewesen!

Unfassbar überladene Autos und Busse an denen die Hühner und Ziegen an den Seiten kopfüber hängen, Müll überall - Plastikmüll,  Staub, Hitze.

Wir fahren in die Berge bei Aquin. Dreimal müssen wir den Fluss überqueren - Brücken gibt es nicht. Wahlweise bleiben wir auf dem Motorrad sitzen oder waten durch das erstaunlich klare Wasser.

Die Gegend ist wunderschön grün und doch ist mir klar, dass es für die Menschen hier ein unfassbar hartes Leben ist. Zusammengezimmerte Holzhäuser, von denen die meisten den Hurrikan nicht überstanden haben.

Bei der Fahrt durch die Gegend rufen die Menschen mir ein Hallo zu und Herzlich willkommen - sie lächeln mich an und ich bin fasziniert, dass sie eben dieses über ihre Lippen bringen in dieser Situation.

Eine Familie die wir besuchen ist gerade dabei aus Holz, welches nach dem Sturm übrig geblieben scheint, ein Gerüst für ihre neue Unterkunft zu bauen. Ich schaue mir das Gerüst an und  weiß, dass diese Konstruktion den nächsten Sturm nicht überstehen wird.

Die lokale Organisation, die mich an diesen Ort gebracht hat, verteilt in dieser Gegend Wellblechdächer und Nägel für die am schlimmsten betroffenen Familien. Außerdem versuchen sie bei der Erwirtschaftung von Lebensmitteln beizutragen, indem sie mit den Familien kleine Gärten anbauen und ihnen das dafür nötige Saatgut schenken. In zirka drei Monaten sollte die erste Ernte möglich sein.

Ich hoffe es und wünsche es den Menschen sehr, denn es ist bitter nötig. Die bergige Landschaft um Aquin ist der Lieferant für Früchte, Gemüse, Reis in der Gegend - durch den  Hurrikan ist die Ernte ausgefallen - eine Katastrophe für die ganze Region.

Als wir die Bergregion verlassen, beginnt es zu regnen und ich frage mich wie es den Menschen dort unter ihrer Plastikbehausung wohl ergehen mag?

Auf dem Rückweg Richtung Port-au-Prince versuche ich die letzten Dinge zu erledigen, um die morgen ankommende Hilfslieferung entgegennehmen zu können und an die richtige Stelle zu bringen.

Tagebucheintrag vom 08.11.16

Nach meiner Ankunft in Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis, traf ich mich mit dem Haitianer Dr. Foblas, der eine eigene NGO in Haiti gegründet hatte. Er macht sich Sorgen über die Entwicklungen im Süden Haitis.

‚Kein Wasser, keine Lebensmittel, die landwirtschaftlichen Flächen zerstört - keine Perspektiven und viel zu wenig Unterstützung von außen. Hoffnungslosigkeit breitet sich aus‘, berichtet er mir.  

Die Berichte und Zahlen aus der Koordinationsgruppe für Gesundheit der Vereinten Nationen, an deren Treffen ich danach teilnahm, bestätigten die alarmierende Entwicklung:

- 3.500 Cholera-Fälle wurden bereits gemeldet

- rund 70 Prozent der erkundeten Gesundheitsstationen in den betroffenen Regionen haben leichte bis schwere Schäden durch Hurrikan Matthew erlitten

- Fälle von Unterernährung steigen an, da die Agrarflächen und die Ernte zerstört wurden. Besonders in den armen Regionen im Süden haben die Menschen keine anderen Einkommensmöglichkeiten und somit kaum eine Chance, an Nahrungsmittel zu kommen.

Leider schlägt diese Hoffnungslosigkeit in Haiti schnell in Gewaltbereitschaft um. Es mussten bereits einige Hilfslieferungen abgesagt oder abgebrochen werden, da die Gefahr von Plünderungen zu groß war. Doch es muss dringend geholfen werden, da die Menschen es von alleine nicht schaffen können, von Neuem zu beginnen.
Denn vor allem die langfristigen Auswirkungen des Hurrikan – zerstörte Felder, Brunnen und kaputte Infrastruktur – werden das Land und die Bevölkerung weiter schwächen, die sie anfälliger vor Naturkatastrophen und Krankheiten machen. So könnte sich die Cholera zu einem ernsthaften Problem in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln, wenn nicht schnell gehandelt wird. So haben die Vereinten Nationen eine umfassende Impfkampagne gegen Cholera gestartet und auch wir Johanniter schicken diese Woche medizinisches Material zur Prävention und Behandlung von Durchfallerkrankungen wie Cholera, nach Haiti.

Informationen über die Arbeit der Johanniter in Haiti finden Sie hier.

 

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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