Jordanien: Linderung für verletzte Seelen

Kai Mirjam Kappes (ADH) - Ramtha, 15. Juni 2016

Es ist eine Flucht aus dem tristen Alltag: Jordanische und syrische Kinder haben gemeinsam in einem Kindergarten und Jugendzentrum nahe der syrischen Grenze die Chance, sich anzufreunden, zusammen zu spielen und zu lernen. Die Erinnerungen an den Krieg und die Trauer können für einen Moment ausgeblendet werden. Das Projekt der Johanniter zusammen mit United Muslim Relief in der Region Irbid läuft seit April 2015. 

Die 35-jährige Kauther floh mit ihrem kleinen Sohn Ismael nach Jordanien. Foto: F. Zanettini/ADH

Die alte Heimat ist nicht weit. Man könnte zu Fuß hinübergehen, müsste nur ein kleines Tal durchschreiten und anschließend die kargen Felder überqueren. Nach drei Kilometern wäre sie erreicht: die syrische Grenze und gleich dahinter die Stadt Dar'a.  Doch dazwischen liegen Welten. Immer wieder musste die 35-jährige Kauthar mit ihren vier Kindern das Nötigste zusammenpacken. Sie flohen von Dorf zu Dorf, vor den Bomben, dem Terror, der Gefahr. Im Januar diesen Jahres sah sie keinen anderen Ausweg mehr: Zu fünft fuhren sie zur jordanischen Grenze, um ihr Heimatland zu verlassen.

Dicht an dicht neben 2000 anderen Menschen harrte die Familie in einem zugigen Zelt aus. „Wir mussten dort 15 Tage warten, bis wir ins Land durften“, erzählt sie. Am 18. Januar konnten sie endlich ein neues Leben in Frieden und ohne ständige Angst beginnen, in Ramtha, einem Ort so nah an ihrer alten Heimatstadt.  Sie sitzt auf einer dünnen Matratze auf dem Boden eines kargen Zimmers, in dem sie gemeinsam mit ihren zwei Söhnen und zwei Töchtern wohnt. An den Wänden hängen an Nägeln ein paar Kleidungsstücke, in einer Ecke steht ein wenig Geschirr. Viel ist ihnen nicht geblieben.

Alle Kinder sind traumatisiert

„Meine Kinder haben gesehen, wie vor ihren Augen Menschen umgebracht wurden“, berichtet sie mit brüchiger Stimme. Auch der Vater wurde getötet, ein Cousin schickte Fotos von der Leiche. Die Wut und die Eindrücke der Gewalt haben Wirkung auch auf die Kleinsten. Ihr jüngster Sohn Ismael, der erst fünf Jahre alt ist, habe ihr gesagt, dass er nach Syrien zurückgehen und dafür Rache üben wolle.

„Es ist sehr hart für mich, mit anzusehen, wie meine Kinder vor meinen Augen ihre Zukunft verlieren“, sagt Kauthar.

Alle ihre Kinder waren wegen der Erlebnisse traumatisiert und sind es noch bis heute. „Sie können sich nicht konzentrieren, haben Probleme zu lernen“, sagt die Mutter. Die 15-jährige Abeer will gar nicht mehr zur Schule. Der älteste Sohn, 17 Jahre alt, versucht mit Gelegenheitsjobs die Familie finanziell zu unterstützen.

"Flucht aus dem tristen Alltag" für die Kinder in Sajara. Foto: F. Zanettini/ADH

Gute Betreuung entlastet Familien
Ein Lichtblick für die Mutter ist deshalb das Projekt, das die Johanniter gemeinsam mit United Muslim Relief in dem Ort Sajara auf die Beine gestellt haben. Ein Kindergarten ermöglicht 155 syrischen und jordanischen Kindern kostenlos Bildung, Essen und eine unbeschwerte Zeit. Die Johanniter haben zudem einen Fahrdienst auf die Beine gestellt, der die Kinder in den Kindergarten und zurück nach Hause bringt. „Das entlastet die Familien enorm, wenn sie wissen, dass ihre Kinder gut betreut werden“, sagt Walter Berier, Johanniter-Regionalbüroleiter für Jordanien und Libanon. „Es ist eine Flucht aus dem tristen Alltag.“ Später wollen die Johanniter die Verantwortung Stück für Stück an die Gemeinde abgeben. Damit ist ein wichtiger Schritt in Richtung Integration getan, weil auch die jordanische Bevölkerung davon profitiert. Schon jetzt arbeiten Syrer und Jordanier in den Einrichtungen zusammen. Traumatisierte Kinder wie Ismael erhalten zudem in der Hauptstadt Amman psychosoziale Unterstützung.

Ismaels Schwester Duha ist mit elf Jahren zwar längst zu alt für den Kindergarten, aber sie besucht am Nachmittag das Jugendzentrum im Ort. Dort kann sie tanzen, singen, am Computer spielen oder in der Werkstatt malen und basteln. „Das verbindet“, weiß Ahmad Alahmar von United Muslim Relief. Kauthars größter Wunsch ist es, dass ihre Kinder ein normales Leben führen und zur Schule gehen können. Mit dem Projekt der Johanniter ist sie der Verwirklichung einen wichtigen Schritt nähergekommen. Vielleicht klappt es dann auch mit dem Berufswunsch ihrer Tochter Duha: Sie möchte Augenärztin werden und anderen Menschen helfen.


Das Projekt haben Spenden an die Johanniter-Auslandshilfe und Aktion Deutschland Hilft ermöglicht.

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