Kenia: "Es wird nie mehr sein wie früher"

Nairobi, 16. Januar 2018

Dürren lassen regelmäßig ganze Viehherden zugrunde gehen. Die Lebensgrundlage vieler Nomaden-Familien im Norden Kenias sind ihre Viehherden. Doch immer häufiger auftretende Dürren richten diese zugrunde oder dezimieren sie. Alternativen zur Ernährung und Versorgung müssen gefunden werden. Daran arbeiten die Johanniter seit sechs Jahren gemeinsam mit Nomadenfamilien in Turkana. Trotz Erfolgen bei der Eigenversorgung und der angepassten Landwirtschaft gilt Vieh dort weiter als Statussymbol und Zahlungsmittel für die Brautgabe. Der kulturelle Wandel braucht viel Zeit. John Loyielel hat den beschwerlichen Weg eingeschlagen.

„Vielleicht werde ich als Junggeselle sterben. In der Gemeinde werde ich ausgelacht, denn gemäß den Traditionen in Turkana bin ich schon sehr alt, um verheiratet zu werden“, beschreibt der 28-jährige John Loyielel sein Dilemma.  Er habe zwar schon seit Jahren eine Verlobte, aber heiraten durfte er sie bisher nicht, da er kein Vieh für die traditionelle Brautgabe besitzt. „Ich habe Angst, dass sie mir jemand mit genügend Vieh irgendwann wegschnappt.“

„Verlust einer kompletten Generation“

John Loyielel (links) erzählt unserem Kollegen und Autor in Nasinyono von seinem Leidensweg als Junggeselle. ©JUH

Loyielel lebt in der Nomaden-Gemeinde Nasinyono in der Turkana-Region und steht damit nicht allein. Es sei ein Generationenproblem, sagt er, und verweist auf viele andere Männer, die dasselbe durchleben. Entweder haben sie wie er der Viehwirtschaft abgeschworen, um Ackerbau zu betreiben. Oder die Familien haben ihren Bestand bei der Dürre 2011 und 2017 verloren und können die teuren traditionellen Brautgaben einfach nicht mehr zahlen. „Viele sterben als Junggesellen, weil sie das Vieh in Nachbargemeinden zu stehlen versuchen. Sie werden dabei oft festgenommen oder umgebracht“, sagt Loyielel. „Wenn sich diese Tradition nicht ändert, läuft unsere Gemeinde Gefahr, eine komplette Generation zu verlieren.“
Seit 2014 liegt das gesetzliche Heirats-Mindestalter für Frauen und Männer in Kenia bei 18 Jahre. Trotzdem werden vor allem in ländlichen Regionen des Landes Mädchen und Jungen schon ab 16 Jahren oder noch jünger verheiratet, mit oftmals schwerwiegenden negativen Folgen. Jüngere Mädchen werden aus wirtschaftlicher Not verheiratet, um die Brautgabe zu erhalten. Die weit verbreitete Polygamie erlaubt es älteren Männern, eine weitere jüngere Frau zur Braut zu nehmen. Wenn dafür die Brautgabe geleistet wird: Bei Kleintierbestand werden meist  bis zu 150 Ziegen oder Schafe fällig. Bei „großen Tieren“ sind es zwischen 30 und 50 Kamele, Kühe oder Esel.

Neue Lebensstrategien zum Überleben notwendig

Die Sorghum-Hirse hat den Menschen in Nasinyono durch die Dürrezeit geholfen. Ende 2017 konnte endlich wieder geerntet werden. ©JUH

Bis vor einigen Jahren konnten Familien diese Brautgaben noch aufbringen, doch die letzten beiden Dürren haben dramatische Änderungen mit sich gebracht. Drei Regenzeiten fielen im Norden Kenias in den vergangenen zwei Jahren hintereinander aus, die Tiere verdursteten oder verhungerten. Landesweit haben heute rund 2,5 Millionen Kenianer keinen gesicherten Zugang zu Nahrungsmitteln mehr, das Risiko einer Hungerkrise besteht vor allem für die trockene Turkana-Region. Denn die Folgen einer schweren Dürre halten auch lange nach Einsetzen des Regens an, die Viehbestände erholen sich nur langsam. „Die Dinge werden nie mehr so sein wie früher“, ist sich Loyielel sicher. Die Menschen müssten sich deshalb wie schon nach der Dürre 2011 zusammensetzen und eine neue Lebensstrategie entwickeln.

Seine Standhaftigkeit und die Erfahrungen der letzten Jahre könnten dabei als Vorbild dienen. Er hat sich als einziges Mitglied seiner großen Familie der Landwirtschaft gewidmet und konnte sie durch die Erträge seines Ackerbaus weitgehend ernähren. Hirse, Mais oder sogar Wassermelonen haben er und andere engagierte Gemeindemitglieder in den letzten Jahren bereits erfolgreich geerntet. „Langsam lassen sich meine Familienangehörigen von dem Agrarprojekt begeistern“, sagt Loyielel, welches seit 2012 durch die Johanniter und die lokale Partnerorganisation AICHM implementiert und unterstützt wird. Und auch für seine Verlobte war immer etwas von der Ernte übrig, um sie und ihre Familie zu unterstützen. Vielleicht wird irgendwann der Tag kommen, an dem die Landwirtschaft die Viehhaltung ablöst und die Brautgabe überflüssig wird.

Für die Projekte in Kenia sind die Johanniter auch auf Spenden angewiesen.

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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