Vertriebene in Kabul: Mit dem Winter kommt der Hunger

Berlin / Kabul, 07. Dezember 2017

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Krieg und Unsicherheit zwingen Menschen aus allen Teilen Afghanistans zur Flucht. Ihr Ziel ist vor allem Kabul. Die afghanische Hauptstadt platzt aus allen Nähten, seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Einwohner mit fünf Millionen fast verdreifacht. Die Johanniter-Auslandshilfe stellt nun Basisgesundheitsdienste für rund 38.000 Vertriebene zur Verfügung. Kleidung, Decken und Material zum Verstärken der Häuser sollen in den kommenden Wochen Schutz vor dem nahenden Winter leisten.

Der Preis für mehr Sicherheit ist der Verlust würdiger Lebensbedingungen: In rund 50 informellen Siedlungen an den Rändern Kabuls leben tausende Familien auf engstem Raum in Lehmhütten. Strom und fließend Wasser gibt es nicht. Dächer bestehen aus dünnen Blechen oder Planen. Wegen der schlechten hygienischen Bedingungen grassieren Krankheiten wie Malaria, Typhus sowie Atemwegs- und Durchfallerkrankungen.

„Wir haben keine Toiletten hier. Die Notdurft müssen wir draußen erledigen. Für Frauen ist das nur nachts möglich“, erzählt Mariyam, die mit ihren sechs Kindern in der Siedlung Sabzi Baghrami lebt. Ihre Lehmbehausung umfasst einen Raum für alle, der Fußboden besteht aus gestampfter Erde. Sie sind aus einem Dorf in der Provinz Nangarhar geflohen, nachdem ihr Mann dort wegen einer Familienfehde festgenommen wurde. Nun müssen zwei ihrer Söhne auf den Straßen Lumpen und Abfälle sammeln, um die Rolle des fehlenden Vaters zu ersetzen und die Familie zu ernähren. Meist barfüßig oder in ausgetretenen Latschen. Auf den bevorstehenden Winter ist niemand von ihnen vorbereitet.

Mariyams Söhne sammeln Lumpen und Abfall, um die Familie zu unterstützen. ©Vijay R./JUH

600 Familien leben in Mariyams Siedlung, viele von ihnen sind Afghanen, die einst in Pakistan Schutz gesucht hatten und nun zur Rückkehr gedrängt wurden. Hier stehen viele vor dem Nichts. „Jedes Jahr sterben in unserem Viertel mindestens 25 Kinder an den Folgen des Winters“, sagt Moulavi Allah Dad, Vorsteher der Siedlung. Sein Kollege Haji Mohammad Ibrahim aus dem Nachbarviertel fügt hinzu: „In den nächsten Monaten wird sich hier alles um Essen und Feuerholz drehen. Noch erhalten die meisten Kinder drei Mahlzeiten am Tag, aber wenn der Winter ohne Hilfe von außen kommt, wird sich die Situation für viele Menschen verschlimmern.“

Gesundheitsversorgung für fast 40.000 Bewohner

Seit Oktober ist die Johanniter-Auslandshilfe für die Gesundheitsversorgung in 21 Siedlungen zuständig. Zwei Basisgesundheitsstationen und drei mobile Kliniken werden betrieben, um knapp 40.000 Menschen den Zugang zu einer Basisgesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Die Gesundheitsversorgung war seit Mai dieses Jahres wegen Geldmangels unterbrochen gewesen“, sagt Jens Schwalb, zuständiger Fachbereichsleiter bei der Johanniter-Auslandshilfe. „Gerade jetzt im Winter sind funktionierende Basisdienste wichtig, damit die Menschen nicht an behandelbaren Krankheiten sterben müssen.“

Hausarbeit statt Schule: Für Maria traurige Realität nach der Flucht ©Vijay R./JUH

Mehr als die Hälfte der Siedlungsbewohner sind Kinder unter 16 Jahre. Mit Kindheit hat ihr Leben aber längst nichts mehr zu tun. Das Mädchen Maria floh mit ihren Eltern nach Kabul, nachdem ihr Dorf in der Provinz Kapisa von den Taliban angegriffen wurde. Dort konnte sie noch zur Schule gehen. „Das geht jetzt nicht mehr, weil meine Eltern das Geld dafür nicht aufbringen können“, sagt sie, während sie große Wasserkanister schleppt. Stattdessen müsse sie nun ihre Familie im Haushalt unterstützen.

Rückkehr ist zu gefährlich

Mohammad Khan: "Rückkehr ist keine Option." ©Vijay R./JUH

Zurück in die Heimat wollen die Wenigsten. „Die Regierung fordert uns auf zurückzukehren: um dort von den Taliban getötet zu werden? Oder ihnen beizutreten? Beides sind keine Optionen, deshalb bleiben wir hier“, sagt Mohammad Khan, der mit seinen Kindern hier lebt. Sie kamen aus südlich gelegenen Taliban-Hochburg Kandahar, wo diese ihn bei einem Angriff misshandelten und Hände und Beine abtrennten. Jetzt züchtet und verkauft er zusammen mit einem Mitbewohner Singvögel, ihre Hütte besteht aus zusammengesteckten Planen, Stoffen und Teppichen. Genauso wie eine Rückkehr scheint ausreichender Schutz vor dem Winter auch bei ihm unmöglich.

Die meisten hatten keine gute Arbeit in diesem Sommer“, erklärt Zaidullah, der aus Badakhshan geflüchtet ist. „Alles was die Menschen hier haben, stecken sie jetzt in die Reparatur ihrer Lehmhütten, um dem Winter standzuhalten. Niemand hat Geld übrig, um in den kommenden Monaten Essen oder Feuerholz zu kaufen.“

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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