Vier Stunden sind eine große Hilfe

München, 16. August 2017

Johanniter suche ehrenamtliche Leiter für Demenzgruppen

Die Begleitung und Unterstützung von Menschen mit dementiellen Erkrankungen ist ein brandaktuelles Thema – und eines, dem sich die Johanniter in München mit großem Engagement widmen. Nun sucht die Hilfsorganisation pädagogische oder pflegerische Fachkräfte als ehrenamtliche Leitungen von Demenzgruppen. Der Zeitaufwand ist überschaubar und die Sinnhaftigkeit und Erleichterung, die die Arbeit für die Betroffenen bedeutet, ist immens.

Eva-Maria Schädler ist die Leiterin der Fachstelle für pflegende Angehörige bei den Johannitern. Sie umreißt die Aufgaben und nötigen Qualifikationen der potenziellen Bewerber: „Für unsere bereits bestehenden und sehr gut angenommenen Demenzgruppen, die einmal pro Woche für je drei Stunden im Alten-und Servicezentrum (ASZ) Fürstenried sowie im ASZ Neuhausen stattfinden, suchen wir stellvertretende Gruppenleiter oder -leiterinnen. In Solln, wo im Herbst eine ganz neue Demenzgruppe mit maximal sieben Teilnehmern ins Leben gerufen werden soll, suchen wir sowohl eine Gruppenleitung als auch deren Stellvertretung.

„Der Zeitaufwand pro Woche beträgt zirka vier Stunden“

Deren Aufgabe wird es sein, die Inhalte der Betreuungsnachmittage vorzugeben und die Stunden vorzubereiten und die Ehrenamtlichen anzuleiten, sowie den Kontakt im Rahmen des Betreuungsnachmittags zu den Angehörigen zu halten. „Der Zeitaufwand pro Woche beträgt zirka vier Stunden“, so Eva-Maria Schädler. Das Angebot selbst umfasse in der Regel eine Begrüßung, gemeinsames Kaffeetrinken sowie niederschwellige gemeinsame Aktivitäten wie beispielsweise Singen, Spiele, kreatives Gestalten, Spaziergänge und Ähnliches, wobei Kaffeegeschirr und Beschäftigungsmaterialen in den Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. „Ganz wichtig in der Betreuung dementiell erkrankter Menschen ist eine klare Durchstrukturierung und ein fester Ablauf der Treffen“, betont Eva-Maria Schädler. „Selbstverständlich müssen die Leiter die Gruppenstunden nicht alleine schultern“, ergänzt sie. „Bei Gruppen mit erhöhtem Betreuungsbedarf sind stets genügend Ehrenamtliche dabei, sowie wir, die hauptamtlichen Fachkräfte im Hintergrund.“

„Ganz wunderbar - aber kein Muss - wäre es, jemanden zu finden, der musiktherapeutisch oder kunsttherapeutisch ausgebildet ist“

Für die Leitung der Gruppen kommen pflegerische oder pädagogische Fachkräfte wie etwa Sozialpädagogen, Heilpädagogen oder Pflegefachkräfte mit Erfahrung in Betracht. „Ganz wunderbar - aber kein Muss - wäre es, jemanden zu finden, der musiktherapeutisch oder kunsttherapeutisch ausgebildet ist“, hofft Eva-Maria Schädler. „Ideal wäre zudem Erfahrung in der Leitung von Gruppen sowie vorliegende Demenzqualifikationen nach §45 SGB 11. Die Basis-Demenzschulung kann gegebenenfalls aber auch nachfolgend erworben werden.“

Selbstverständlich, so Eva-Maria Schädler weiter, erführen die neuen Ehrenamtlichen große Unterstützung seitens der Johanniter. „Wir stehen in regelmäßigen Teamgesprächen, Helfertreffen und Vier-Augen-Gesprächen für alle Fragen bereit. Zudem gibt es natürlich Weiterbildungen. Die Aufwandsentschädigung liegt bei 60 Euro pro Nachmittag.“

Interessenten können sich bei Eva-Maria Schädler informieren und bewerben. Telefon: 089 374104-602 oder per Mail

Interview mit Eva-Maria Schädler

Frau Schädler, was ist das Besondere am Krankheitsbild Demenz?
Eva-Maria Schädler: Demenz ist ja ein Überbegriff für eine Vielzahl verschiedener Krankheitsbilder.  Sie alle sind gekennzeichnet durch zahlreiche Verluste, wie etwa den Verlust von Gedächtnisleistungen, den Verlust früherer Fähigkeiten und Fertigkeiten, der Sprache, bis hin zur eigenen Identität.

Kann man dem in der Demenzbetreuung überhaupt entgegenwirken?
Auf jeden Fall. Das soziale Miteinander z.B. in der Gruppe ist sehr wichtig, da bleiben Fähigkeiten wesentlich länger erhalten, feste Tagesstrukturen und ein verlässliches Umfeld bewirken eine Verzögerung des Fortschreitens der Krankheit. Zusätzlich haben die Erfahrungen aus unseren kunst- und musiktherapeutischen Betreuungsgruppen gezeigt, dass vor allem kreative Tätigkeiten wie z. B. Malen, Gestalten oder auch Musik, d.h. durch das Ansprechen der Sinne spürbare positive Wirkung entfalten.

Welches sind die Effekte dieser Art der Betreuung?
Wir erleben immer wieder, wie Musik es schafft, einen direkten Weg zur Seele, zu den Gefühlen, zu den Erinnerungen aus der Kindheit und den eigenen Sinnen wieder-herzustellen. Auch bei schwer erkrankten Menschen können über vertraute Lieder und Melodien Erinnerungen wachgerufen werden. Dann kommen die Menschen oft ins Erzählen über lange zurückliegende Ereignisse, die mit Musik verbunden sind und sie wieder jung und lebendig werden lassen. Wenn sich Menschen mit Demenz selbst singen oder musizieren, werden verschiedene Bedürfnisse direkt angesprochen: das Gefühl etwas wert zu sein, der Wunsch nach Kontakt und Zugehörigkeit, aber auch nach Trost, Hoffnung und das Gefühl von Urvertrauen.
Auch bei der Kunst- und Gestaltungstherapie erleben sich die Betroffenen als selbstbestimmt und aktiv. Neue Fähigkeiten, aber auch vorhandene Ressourcen werden entdeckt. Zugleich wirkt die kreative Beschäftigung sehr entspannend. Auch die Angehörigen können den an Demenz erkrankten Menschen aus einer anderen Perspektive erleben und sind oft positiv überrascht von dessen künstlerischem Potenzial.

Und wie wirkt sich das auf den Alltag aus?

All dies trägt dazu bei, das Selbstvertrauen der Erkrankten zu stärken. Diese Tatsache wiederum kann dazu führen, dass sie sich auch bei Alltagstätigkeiten mehr trauen bzw. ihnen mehr zugetraut wird, mit der Folge, dass die noch vorhandenen Fähigkeiten länger aufrechterhalten bleiben.

Was ist für Sie das Schönste an der Arbeit mit Demenzerkrankten?
Da gibt es sehr viele besondere Momente. Für mich persönlich ist es am schönsten, wenn ich den Menschen ein Lächeln entlocke oder ein herzhaftes Lachen. Oder auch, wenn einer der Gäste ganz lebhaft von seinem Leben, seinem Beruf, seiner Familie berichtet. Ich erfahre immer wieder, dass der Spruch stimmt: Das Herz wird nicht dement.