Kinderhaus „Pusteblume“ - Ein Interview mit Professor Dr. Ing. Ralf-R. Sommer

Burg (Spreewald), 11. Februar 2018

Was ist das Besondere und die Idee für das Kinderhaus „Pusteblume“?

Architektur erfüllt materiell-praktische und ideell-kommunikative Funktionen. Architekten schaffen Räume für menschliche Tätigkeiten und regen zur Beschäftigung mit architektonischen Formen an. In dieser Hinsicht sind die Herausforderungen für Planer immer die gleichen. Gerade darin liegt aber auch in unserem Fall die Besonderheit. Wir beschäftigen uns mit der Aufgabe der Planung des Kinderhauses "Pusteblume" in Burg sehr sensibel, insbesondere mit der Lebenswelt kranker Kinder, dem Leben mit Enttäuschungen und Hoffnungen sowie mit der Liebe der Eltern für ihre Kinder und deren Aufopferung für eine erfüllte Kindheit. Große Beachtung finden die damit verbundenen Belastungen und die Suche nach Möglichkeiten, in einem Kinderhaus Ruhe und Ablenkung zu finden. Die Planung steht im Spannungsfeld ganz konkreter persönlicher Schicksale in einem begrenzten Lebensraum und der Weite des Naturraumes im Spreewald. Die Architekten haben Räume geplant, die Familien Nähe bringen und Entlastungen von den täglichen Herausforderungen. Wir erzeugen in ganz besonderen Räumen und Formen Harmonie und Ruhe. Diese Stimmungen ergänzen die Materialien, die das Intereuer beschreiben. "Das Ganze leben." bedeutet auch Raum zu geben für Leben und Sterben, für Freude und Trauer. Wir schaffen eine introvertierte Welt des Kinderhauses und den Ausblick in die Freiheit des Außenraumes.

Wie spiegelt sich der Baustil der Region im Konzept des Kinderhauses „Pusteblume“ wieder?

Typus ist ein in der Architektur gebräuchlicher Begriff, um Bauaufgaben mit einer historisch bewährten Formoder Körpergruppierung zu beantworten. Der Bautypus ist geprägt sowohl durch die Funktionsansprüche der Nutzer als auch durch den Kontext zur stadträumlichen Situation in der Gemeinde Burg. Die Entwurfsverfasser führen die offene Siedlungsstruktur weiter und nehmen die Bautypologie des Drei-Seiten-Hofes, der die Lausitzer Landschaft prägt, auf. Diese Funktionsbausteine formieren einen Innenhof, der Rundgänge um einen geschützten, begrünten Freiraum ermöglicht und abgeschlossene Ruhesituationen schafft. Den höchsten Grad an Individualität weisen die Wohnbereiche auf. Sie befinden sich am Ende des Rundganges. Auf Grund ihrer exponierten Stellung im Drei-Seiten-Hof öffnen sie sich zum Park und Garten des Kinderhauses Pusteblume sowie zu den Wiesen und Baumhainen des Spreewaldes. Neben der Bauform werden die historischen Konstruktionen aus Holz und Stein, die im Spreewald prägend sind, weiter entwickelt. Gleichermaßen werden Dachformen aufgenommen und Materialien verwendet, die den Ort Burg geprägt haben.

Welche besonderen Bedingungen sind beim Bau des Kinderhauses „Pusteblume“ zu berücksichtigen?

Die Kubatur des Kinderhauses steht in einer korrelativen Einheit zum unverwechselbaren Landschaftsraum des Spreewaldes. Das ist eine besondere Bedingung, auf das das Projekt Rücksicht nehmen muss. Das Verhältnis von bebauter Fläche zum Freiraum ist ebenso bedeutsam wie die Höhenentwicklung des Gebäudes. Wir wollen Lebensraum für Pflanzen und Tiere erhalten und uns der Dominanz großer Bäume sowie Waldstücke unterordnen und das Gebäude als sekundäres Element des Landschaftsraumes verstehen. Wir wollen nicht nur die Auflagen des Natur- und Umweltschutzes einhalten, sondern die Natur als ein Element des Nutzungskonzeptes unserer Architektur sehen. Das Miteinander von Architektur und Landschaft besitzt nicht nur erzieherischen Wert. - Weite, Neuanfang, Vergänglichkeit werden vermittelt. Natur- und Umweltschutz gehören zum Konzept.

Cottbus, 8. Februar 2018, die Fragen stellte Giorgos Kalaitzis.

Prof. Dr.-Ing. Sommer, Jahrgang 1957, studierte Architektur und Bauwesen in Weimar und promovierte 1987 an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus. Heute hat er eine Professur an der BTU Cottbus inne. Sein kreatives Schaffen umfasst Verwaltungsgebäude, Gemeindehäuser, Schulen, Feuerwehren und Lösungen im Wohnungsbau. In seiner langjährigen Arbeit etablierte er eine dialogische Arbeitsweise: "Wir nutzen kooperative Verfahren, initiieren bereits im Prozess der Planung den Dialog zwischen Bauherrn und Kommune und bilden gemeinsame städtebaulich-architektonische Ziele." Dazu zählen ein umweltbewusstes Engagement und die Haltung als Baumeister Verantwortung für gebaute räumliche Wertigkeit zu übernehmen.

Ihr Ansprechpartner Roland Hauke

Werner-Seelenbinder-Ring 44
03048 Cottbus

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