Oldenburg rettet Leben!

Greiber/Delvalle/Fotos: Greiber (2), von Reeken (1) - Oldenburg, 03. Oktober 2016

Die Reanimationszahlen in Oldenburg bildlich dargestellt. Im Schnitt finden zehn Reanimationen pro Monat in Oldenburg statt. Fünf Betroffene sterben, zwei überleben. Drei weitere könnten durch schnelle Hilfe von Laien überleben.

Sieben an der Rettungskette beteiligte Organisationen veranstalten den Aktionstag "Oldenburg rettet Leben!".

Sonja Stolle von den Johannitern stellt das AED-Gerät vor.

Menschen, die einen Herzstillstand erleiden, sind auf sofortige Hilfe angewiesen. Für sie zählt jede Sekunde. Deshalb sollte möglichst jeder die Handgriffe zur Wiederbelebung beherrschen. Mit einer großen Gemeinschaftsaktion in Oldenburg wollen sieben Organisationen auf die Notwendigkeit der Laien-Reanimation aufmerksam machen. Am Sonnabend, 15. Oktober, veranstalten die Universitätsklinik für Anästhesiologie (AINS) des Klinikums Oldenburg, die Johanniter-Unfall-Hilfe, der Malteser Hilfsdienst, das Deutsche Rote Kreuz, die Berufsfeuerwehr der Stadt Oldenburg, die Großleitstelle Oldenburg Land und die Polizei von 10 bis 16 Uhr gemeinsam auf dem Schlossplatz in Oldenburg den Aktionstag „Oldenburg rettet Leben!“ Es gibt viele spannende Mitmachaktionen zur Reanimation, Übungen am Dummy, Defibrillator-Vorführungen, Interviews mit Betroffenen und vieles mehr. Unter anderem wird eine Gruppe von Menschen durch die Stadt gehen. Sie besteht aus Personen, die nach einem Herzstillstand diejenigen darstellen, die gestorben sind, die überlebt haben und die hätten überleben können - wenn die Laienreanimation rechtzeitig eingesetzt worden wäre. Auch zeigen Kindern den Erwachsenen, wie kinderleicht es eigentlich ist, ein Leben zu retten.

„Dieses enge Zusammenspiel aller im Rettungswesen engagieren Akteure ist einmalig“, betont Jörg Gellern, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst in Oldenburg und Oberarzt am Klinikum Oldenburg. „Dass sich die in der Ausbildung von Ersthelfern aktiven Organisationen, der Rettungsdienst, die Leitstelle und das Klinikum  gegenseitig unterstützen, gemeinsam an Trainings teilnehmen und im ständigen engen Austausch miteinander stehen, gibt es bundesweit kein zweites Mal.“ Gellern appelliert an die Menschen in Oldenburg und Umgebung, sich in der Reanimation fortzubilden, um im Notfall als Laienhelfer eingreifen zu können. Die Zahlen zeigen, dass von zehn Menschen, die jeden Monat in Oldenburg den Herztod erleiden, zwei gerettet werden und drei weitere hätten gerettet werden können, wenn Laienhelfer sofort mit der Reanimation begonnen hätten. „Jeder dieser Toten ist einer zu viel“, betont Gellern.

Den Aktionstag unterstützt auch Enno Kook. Der Lehrer an der Berufsbildenden Schule Haarentor erlitt im Januar beim Hobbyfußball einen Herzstillstand. Seine Freunde und Arbeitskollegen Ralf Steenken-Singel und Franz Becker retteten ihn. „Ein Herzstillstand kann jeden treffen“, erklärt Prof. Dr. Andreas Weyland, Direktor der Universitätsklinik AINS am Klinikum Oldenburg. Danach dauere es nur wenige Minuten, bis das Gehirn irreparablen Schaden nimmt. „Es reicht nicht, auf den professionellen Rettungsdienst zu warten. Die Reanimation muss schon durch die Laien vor Ort beginnen.“ Das erfolge in Deutschland aber bisher nur in rund 30 Prozent der beobachteten Herzstillstände. In anderen europäischen Ländern ist die Quote deutlich höher, geht bis an 80 Prozent heran. „Wir wollen die Quote in Oldenburg steigern, und dabei soll uns der Aktionstag helfen“, sagt Weyland. Zwei Dinge machen den Aktionstag „Oldenburg rettet Leben!“ aus. Zum einen sei es eine konzertierte Aktion aller Beteiligten an der Rettungskette. „Und wir haben die Möglichkeit, Betroffene zu Wort kommen zu lassen – Patienten und ihre Laienhelfer“, sagt Weyland.

Dabei kann Enno Kook gar nicht viel erzählen. „Irgendwann bin ich im Krankenhaus aufgewacht“, berichtet er. Die Erinnerung an den Vorfall fehlt, ebenso an die beiden Tage zuvor. Er weiß nur: „Es gab keinerlei Anzeichen, dass sowas passieren könnte.“ Ralf Steenken-Singel, einer der Männer, die ihm das Leben retteten, erinnert sich dafür umso deutlicher. „Wir haben im Soccerland Fußball gespielt, und plötzlich lag er zwischen uns. Wie vom Schlag getroffen.“ Kook sei sofort blau angelaufen, er habe weder Puls noch Atmung gehabt. Steenken-Singel und Frank Becker haben Kook auf den Rücken gedreht und mit der Wiederbelebung begonnen, andere seien losgelaufen und haben die 112 anrufen lassen. Inzwischen hatte der Besitzer des Soccerlands einen Automatischen Externen Defibrillator (AED-Gerät) gebracht. „Das war Lebensrettung mit Sternchen – Prüfen, Rufen, Drücken. Und dann noch ein AED einsetzen“, sagt Jörg Gellern. „Deshalb konnte das optimale Ergebnis erreicht werden mit einer vollständigen Gesundung ohne Folgeschäden“, sagt Gellern.

Die Zeitfrage bewegt auch die Großleitstelle Oldenburger Land (GOL). Sie hat eine strukturierte Notrufabfrage entwickelt. „Unsere erste Frage ist immer: Wo ist der Einsatzort? Alles andere kommt dann“, sagt Stefan Abshof von der GOL. So können die Rettungskräfte zur Hilfe eilen, auch wenn zum Beispiel die Telefonverbindung abgerissen ist und sie nicht wissen, welcher Notfall eigentlich vorliegt. Bleibt der Anrufer dran und es besteht der Verdacht auf Herzstillstand, fordert die Leitstelle zur Reanimation auf. „Wir haben unsere Disponenten entsprechend trainiert, damit sie eine Sprache verwenden, die Laienhelfer auch in dieser Stresssituation verstehen“, erläutert Abshof. Die GOL informiert die Laienhelfer auch über den nächstgelegenen Standort eines zugänglichen AED. „Wir bitten deshalb alle Besitzer eines AED, es der Leitstelle zu melden“, sagt Gellern, mahnt aber: „Niemals die Reanimation unterbrechen, sondern immer einen Umstehenden auffordern, das AED zu holen.“ Ist niemand anderes da, besser mit der Wiederbelebung fortfahren.

Setzen die Zeugen eines Herzstillstandes keine Reanimation ein, nimmt das Gehirn nach drei Minuten nie wieder gutzumachenden Schaden. „Die Zeit holen wir nie wieder auf“, bringt es Gellern auf den Punkt. Das sei im Falle von Enno Kook anders gelaufen. „Wir haben gar nicht überlegt, wir haben sofort angefangen“, berichtet Franz Becker. Enno Kook ist seinen Rettern, vom Ersthelfer über die Rettungskräfte der Berufsfeuerwehr bis hin zum Klinikum, trotz fehlender Erinnerung zutiefst dankbar. „Man freut sich schon“, gesteht er, „auf den eigenen Beinen die Klinik wieder verlassen zu können.“