Oldenburger lernen prüfen, rufen, drücken

Stefan Greiber - Oldenburg, 16. Oktober 2016

Als gegen Mittag der Regen einsetzte, ließ das Interesse am Aktionstag „Oldenburg rettet Leben!“ auf dem Oldenburger Schlossplatz deutlich nach. Doch vormittags verfolgten teilweise mehr als hundert Menschen die Interviews und Vorführungen rund um die Laienreanimation, also die Herzdruckmassage durch zufällige Zeugen eines Notfalls, wenn bei einem Mensch das Herz aufhört zu schlagen. „Die Bereitschaft der Oldenburger bei einem Kreislaufstillstand aktiv zu werden, steigt weiter an. Der Aktionstag ‚Oldenburg rettet Leben!‘ hat dazu einen großen Beitrag geleistet“, sagt Prof. Dr. Andreas Weyland, Direktor der AINS-Klinik am Klinikum Oldenburg. „Wir werden weiter daran arbeiten, dass die Zahl der Laienreanimationen in Oldenburg weiter zunimmt.“ Zurzeit erleiden durchschnittlich in Oldenburg zehn Menschen im Monat. Nur bei rund 30 Prozent beginnen schon vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes Umstehende mit der Reanimation. "Das wollen wir weiter steigern. Und deshalb unterstützen wir seitens der Stadt diesen Aktionstag", sagt Annalen Meyer, Bürgermeisterin der Stadt Oldenburg, bei der Eröffnung.

„Trotz des nicht optimalen Wetters haben wir viele Oldenburger erreicht und konnten die hohe Bedeutung der ersten schnellen Hilfe vermitteln. Wir werden auf jeden Fall weitermachen, denn nach dem Aktionstag ist bekanntlich vor dem Aktionstag. Es wird definitiv auch 2018 wieder einen geben“, versprach Thomas Timphus, Funktionsoberarzt AINS am Klinikum Oldenburg. Er würde sich wünschen, wenn irgendwann in 60 oder 70 Prozent der Fälle reanimiert werden. Zahlen, die in Skandinavien schon Realität sind. Jörg Gellern, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst in der Stadt Oldenburg, geht noch einen Schritt weiter. „Ich will 100 Prozent erreichen“, sagt er. „Wir haben vielleicht noch nicht jeden erreicht, aber wir werden weiter am Ball bleiben, um immer mehr Menschen zu Ersthelfern zu machen.“ Besonders begeistert war er über die Vorführungen der Kinder von Johannitern und DRK, die zeigten, wie kinderleicht das Leben retten eigentlich ist. „Man muss sich nur merken: prüfen, rufen, drücken. Also den Betroffenen ansprechen, 112 anrufen und mit der Reanimation beginnen“, erklärt Gellern. „Wir haben jeder Altersgruppe gezeigt, wie wichtig es ist, zu wissen, wie man erste Hilfe bei einem Kreislaufstillstand leistet.“

Das Besondere am Aktionstag „Oldenburg rettet Leben!“ ist die enge Zusammenarbeit aller an der Rettungskette beteiligten Organisationen. „Wir haben im Laufe des Aktionstages 40 bis 50 Reanimationsübungen gemacht. Mich hat vor allen Dingen gefreut, dass sich so viele junge Menschen für das Thema interessiert haben“, erzählt Roderik Bojanowski vom Malteser Hilfsdienst. Die Johanniter-Unfall-Hilfe rund um Ausbildungsleiterin Sonja Stolle stellte den Automatischen Externen Defibrillator vor. Ein kleines Gerät, mit dem ein aus dem Takt geratenes Herz wieder in den richtigen Rhythmus gebracht und das auch von Laien bedient werden kann: „Bei uns waren den ganzen Tag über Menschen im Zelt, die sich die Benutzung des Defibrillators erklären ließen. Im Unterschied zum ersten Aktionstag kannten diesmal bereits deutlich mehr Menschen das Gerät, wollten sich aber noch einmal in Ruhe zeigen lassen, wie es funktioniert und was man beachten muss, damit sie es im Ernstfall auch benutzen können.“

Gut angenommen wurden auch die mehrsprachigen Notfall-Flyer der Großleitstelle Oldenburger Land (GOL). Sie vermitteln auch Mitbürgern, die die deutsche Sprache noch nicht beherrschen, was sie zum einen im Notfall tun müssen und zum anderem am Telefon sagen müssen. Denn die Großleitstelle bildet im Notfall die Schnittstelle zwischen Rettungsdienst und Laienhelfern vor Ort. „Bei uns im Zelt war viel los“, sagt Stefan Abshof von der GOL. „Es gab viele interessierte Fragen und wir konnten den Menschen vermitteln, welche Abläufe bei einem Notruf 112 in Gang gesetzt werden.“ Die Berufsfeuerwehr stellte den neuen Rettungswagen vor und war den ganzen Tag über dicht umlagert. „Vor allem Familien mit Kindern haben die Gelegenheit genutzt, sich den Rettungswagen einmal ausführlich erklären zu lassen“, erzählt Eike Mischker von der Berufsfeuerwehr Stadt Oldenburg. Betroffenen machten hingegen die Schilderungen von Ersthelfern, die Zeugen eines Notfalls geworden waren und sofort halfen. Ralf Steenken-Singel war einer der Ersthelfer, die ihren Kollegen Enno Kook ins Leben zurückgeholt hatten. Kook war beim gemeinsamen Fußballspielen tot zusammen gebrochen. „Wir haben gar nicht nachgedacht, sondern sofort gehandelt“, erinnert er sich. Als Lehrer bilden sie sich allerdings auch regelmäßig in Erster Hilfe fort. „Das“, sagt Steenken-Singel, „kann ich jedem Menschen nur dringend raten.“ Denn durchschnittlich zwei von drei Notfällen passieren im Freundeskreis, unter Arbeitskollegen oder im häuslichen Umfeld.