25 Jahre Johanniter in Ost und West

Hamburg, 31. August 2016

Mit viel Herzblut entwickeln sich die Johanniter zu einer starken Hilfsorganisation in den alten und neuen Bundesländern

Foto: Johanniter

Deutschland, Herbst 1989: Nach der Öffnung der Grenzen herrscht im ganzen Land Aufbruchsstimmung. Bei den Johannitern im Norden entwickelt sich die Idee, in Mecklenburg-Vorpommern Johanniter-Standorte aufzubauen.

Gesagt, getan. Der damalige Landesverband Schleswig-Holstein konzentrierte sich auf das Gebiet Mecklenburg, während die Kollegen aus dem damaligen Landesverband Hamburg die Region Vorpommern unterstützten, um dort Sozialstationen aufzubauen. Udo Neumann, Regionalvorstand Schleswig-Holstein Nord/West, erinnert sich: "Wir waren damals selbst noch eine kleine Hilfsorganisation. Aber wir haben geholfen, wo es ging. Es gab Materialtransporte an Krankenhäuser, zum Beispiel mit Medizintechnik." Auch den Fahr- und Rettungsdienst haben die Schleswig-Holsteiner mit Rat und Tat und vor allem mit Fahrzeugen unterstützt. Beim Aufbau eines professionellen Rettungsdienstes half Neumann vor Ort: "Ich konnte einige Male bei Verhandlungen und Ausschreibungen unterstützen. Aber die Kollegen gewannen schnell an Wissen und Sicherheit, so dass bald keine Hilfe mehr nötig war."

Vom Fahrdienst zum Regionalvorstand
Jürgen Fäßler, heute Regionalvorstand in Mecklenburg-Vorpommern Nord, Südost und West, begann seine Karriere bei den Johannitern als Fahrer im Fahrdienst für Menschen mit Behinderungen. 1991 benötigten die Ramper Werkstätten einen Fahrdienst für die dort tätigen. Fäßler übernahm die Leitung des Fahrdienstes, den die Johanniter dort anboten. "Wir hatten damals einen bunten Strauß an Fahrzeugen von den Johanniter-Kollegen bekommen. So konnten wir diesen Bereich schnell ausbauen und weitere Touren anbieten", berichtet er. Über den Werkstattleiter der Ramper Werkstätten, der auch Bürgermeister in der Gemeinde Leezen war, erhielten die Johanniter die Möglichkeit, in Leezen ihre Geschäftsstelle in der Lindenallee 2 einzurichten. Schon bald folgten neben Fahrdienst und Verwaltung dort die Kindertagesstätte und die Tagespflege. Mittlerweile sind die Johanniter zu einem professionellen Anbieter sozialer Dienstleistungen und zu einem wichtigen Arbeitgeber in der Region geworden. "Eine positive Entwicklung", so Fäßler. "Schade ist nur, dass ich als Vorstand viel weniger Zeit habe, mit unseren Kunden persönlich in Kontakt zu treten. Aber wenn ich in den Ramper Werkstätten zu Besuch bin, gibt es noch einige, die mich als ihren Fahrer von vor 25 Jahren wiedererkennen! Das ist ein schönes Gefühl."

Von der Gemeindeschwester zur Pflegedienstleitung
Im April 1991 übernehmen die Johanniter die Sozialstation Groß Polzin. Gerhild Buttler arbeitete dort bereits als Gemeindeschwester, zusammen mit zwei weiteren Schwestern. Heute beschäftigt der Ambulante Pflegedienst 15 Pflegekräfte und betreut rund 100 Pflegekunden. Alle drei Kolleginnen von früher sind noch dabei. Gerhild Buttler berichtet: "In einer Schulung bei den Hamburger Johannitern haben wir unter anderem gelernt, wie eine Sozialstation geführt wird." Für die Mitarbeiterinnen ändern sich die Tätigkeiten: Während die Gemeindeschwestern zu DDR-Zeiten bei Pflegebedürftigen vor allem fürs Blutdruckmessen und die Medikamentengabe zuständig waren, nehmen sie ab 1991 den Angehörigen auch zunehmend die Pflege ab. Für die Angehörigen ist das zunächst eine Umstellung, aber auch eine große Entlastung. Schließlich können die Pflegebedürftigen so länger zuhause wohnen bleiben.

Hilfe im Mittelpunkt
Dass die Johanniter als christliche Hilfsorganisation so schnell in Mecklenburg-Vorpommern Fuß fassen konnten, führt Jürgen Fäßler auf ihre zupackende und pragmatische Ausrichtung zurück. "Immer stand die Hilfe für die Menschen im Vordergrund unserer Arbeit. Diese Werte haben wir vermittelt und das haben die Menschen gespürt", sagt er.

Anpacken im Rettungsdienst
In der Aufbruchsstimmung der frühen 1990er Jahre haben die Helfer in Mecklenburg-Vorpommern vieles selbst in die Hand genommen: "Wir haben die Telefonkabel in der neuen Rostocker Rettungswache verlegt und auch die Möbel zum Teil selbst zusammen gebaut. Die Medikamentenschränke konnten wir von der Poliklinik übernehmen, die Umkleideschränke kamen von der Armee. Später haben wir dann auch unsere erste Garage selbst gebaut", sagt Rainer Mattern, der bis 2015 Leiter der Rettungswache war. Die selbst gebaute Garage war allerdings so schmal, dass es kaum möglich war, in der Garage die Trage aus dem Rettungswagen herauszunehmen. Doch von Jahr zu Jahr verbesserten sich die Bedingungen für die Rettungsdienstmitarbeiter: Heute sind sie in einer modernen Rettungswache am Fritz-Tiddelfitz-Weg untergebracht.

Auch technisch hat sich einiges in den vergangenen 25 Jahren getan: "Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: In den Anfangsjahren war das Defibrillationsgerät schwer wie eine Autobatterie - allerdings nicht nur bei uns, das war überall der Stand der Technik", erinnert sich Mattern schmunzelnd.

Einen ähnlichen Werdegang verzeichnet die Johanniter-Rettungswache in Neuburg, die als zweite Wache im November 1991 gegründet wurde. Direkt an der stark befahrenen Bundesstraße 105 gelegen, gehörten Verkehrsunfälle in den ersten Jahren zu den häufigsten Einsätzen der Helfer. Wie in Rostock erhielten auch die Helfer in Neuburg bei Wismar zum Start Unterstützung von ihren Johanniter-Kollegen aus Schleswig-Holstein: Das erste Fahrzeug stammt aus dem Ortsverband Eutin. Rettungsassistent Karsten Müller ist seit dem 1. Januar 1992 bei den Johannitern dabei. Er erinnert sich an die Anfangszeit: "Im ersten Monat hatten wir nur ein bis zwei Einsätze. Das neue Rettungssystem wurde gerade eingeführt und musste sich erst etablieren", so Müller. "Viele unserer Kollegen stammten damals aus der Berufsfeuerwehr. Sie absolvierten bei der Johanniter-Unfall-Hilfe die Ausbildung zum Rettungssanitäter bzw. -assistenten."

Hilfen für Osteuropa
Als die Grenzen offen waren, fuhren die Johanniter zahlreiche Hilfstransporte im Konvoi nach Osteuropa, unter anderem nach Polen oder Lettland. 1992 transportierten die Harburger Johanniter zum Beispiel die erste Feldküche nach Riga, damit die dort neu gegründete Suppenküche der Schwesterorganisation Sveta Jana Palidziba Essen ausgeben konnte. Noch heute ist die Suppenküche dank der Spenden zahlreicher fördernder Mitglieder aktiv - allerdings mit neuerer Ausstattung. Heute wird sie regelmäßig von der Osteuropahilfe der Hamburger Johanniter mit Spenden versorgt.

Fahrdienst als erster hauptamtlicher Dienst
Auch bei den Kollegen in den Regionalverbänden in Schleswig-Holstein, Hamburg oder Harburg hat sich in den letzten 25 Jahren viel getan. Annegret Räthke aus Harburg ist seit 1991 bei den Johannitern. "Der erste Dienst, der nicht mehr rein ehrenamtlich lief, war der Fahrdienst für Menschen mit Behinderungen." Ihr erstes Hebebühnenfahrzeug tauften die Harburger liebevoll "Berta". Räthke fuhr damals selbst Touren zu den Einrichtungen. "Auch die Sanitätsdienste wurden langsam ausgebaut"; erinnert sie sich. Waren es zunächst zehn bis 15 kleinere Dienste pro Jahr, werden heute 140 bis 150 Sanitätsdienste von den Ehrenamtlichen geleistet. "Damals hatten unsere ehrenamtlichen Sanitäter keinen eigenen Krankentransportwagen. Den mussten wir von den Kollegen aus Hamburg ausleihen und nach dem Dienst zurückbringen." Auch das ist heute längst anders.

Der Ursprung der Schwesternhelferinnenausbildung
Vor 37 Jahren hat Petra Krause bei den Johannitern in Kiel als Schreibkraft angefangen. Wichtiges Standbein der Hilfsorganisation war früher neben dem Fahrdienst für Menschen mit Behinderungen vor allem die Schwesternhelferinnenausbildung. Das Bundesamt für Zivilschutz hatte den Bundesländern Vorgaben für die Vorhaltung von Helfern für den Katastrophenschutz gemacht. Die medizinisch Geschulten sollten als Personalreserve für den potenziellen Kriegsfall bereitstehen und Ärzte und Krankenschwestern bei der Versorgung von Verletzten unterstützen. "Über 1000 Fortbildungen pro Jahr haben wir durchgeführt, die Nachfrage war riesig", berichtet Krause. Die Ausbildung war staatlich gefördert. Nach Ende des Kalten Krieges hat sich die Bedeutung der Schwesternhelferinnenausbildung gewandelt. Noch heute ist sie die Mindestvoraussetzung für die Arbeit in der Pflege oder im Krankenhaus.

Kurzer Streifzug durch die Geschichte
Dies ist nur ein kleiner Auszug aus der langen Geschichte der Johanniter und den vergangenen 25 Jahren. Auch in allen anderen Dienstleistungsbereichen hat sich viel getan: Die Inhalte der Erste-Hilfe-Ausbildung haben sich gemäß der neuesten medizinischen Erkenntnisse weiterentwickelt. Neue Bereiche wie etwa die Kindertagesstätten oder die Flüchtlingshilfe sind hinzugekommen. Hauptamtliche Strukturen unterstützen heute den ehemals rein ehrenamtlich getragenen Verein: Sie haben den Ehrenamtlichen unter anderem die Buchhaltung, Organisation und Verwaltung abgenommen, so dass sich die Ehrenamtlichen auf ihre Dienste und Projekte konzentrieren können.