Trost

Die Predigt von Markus Schwab-Godel anlässlich des Gottesdienstes zur Johannisfeier am 26. Juni 2010 in der evangelischen Sonnenbergkirche, Stuttgart-Sonnenberg.

 

Wir danken ihm für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung im Internet.

Predigt

Liebe Gemeinschaft der Johanniter, liebe Gemeinde,

 

was ist für Sie Trost? Das heißt: wann fühlen Sie sich wirklich ge-tröstet und nicht nur ver-tröstet? Brauchen Sie überhaupt Trost? Ich halte es für eine wichtige Frage, wann ich als Mensch Trost brauche. Brauche ich Trost erst dann, wenn ich völlig am Ende bin, nicht mehr kann, mir vor lauter Weinen der ganze Körper weh tut, oder setzt Trost viel früher ein? Trösten wird ja oft mit traurig sein in Verbindung gebracht. Wenn jemand traurig ist, dann möchte ich sie oder ihn trösten. Wenn ein kleines Kind weint, dann haben wir als Menschen den Reflex, das Kind zu trösten. Aber ich als Erwachsener – wann brauche ich Trost? Was sind die Situationen in meinem Leben, in denen ich eigentlich jemand an meiner Seite brauche, der mir Trost bietet, bei dem ich mich verstanden fühle? Sich verstanden fühlen – das könnte eigentlich eine ganz gute Übersetzung für das Wort „Trost“ sein, ich bin getröstet, wenn mich jemand in meiner momentanen Gefühlslage versteht. Es gibt „Trost“ auch anders gebraucht mit „bei Trost sein“, da wird es ja eher negativ verwendet: „Ist der noch ganz bei Trost?“ Wenn ich das aber positiv nehme, bin ich bei Trost, wenn ich meine fünf Sinne beisammen habe und man mit mir rechnen kann.

Sie merken schon: Trost kann unglaublich viele Facetten haben. Doch woher kommt mir Trost, wenn ich ihn brauche?

 

Hören Sie den Predigttext zum Johannistag aus Jesaja 40, die Verse 1-8:

 

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.

3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!

4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;

5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.

6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.

7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!

8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

 

„Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.“ Gott selbst also gibt den Auftrag zum Trösten. „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.“ Kann es einen größeren Trost geben, als dass jemand freundlich mit mir redet und sagt: Du bist frei! Ich vergebe Dir!? Kommt darauf an, wenn ich mich nicht so geknechtet fühle oder nicht so schuldig, dann zucke ich nur mit den Achseln und sage: „Was soll’s? Das interessiert mich nicht.“ Aber moderne Knechtschaft oder Abhängigkeit oder Schuld sieht ja anders aus als in der Antike.

Gott gibt einen Auftrag zum Trösten des gefangenen und sich schuldig fühlenden Volkes. Der Auftrag geht an seinen Propheten Jesaja. Die oberen Zehntausend aus dem Volk Israel waren zu der Zeit, in die der Text hineinspricht, etwa um 550 v.Chr., von den Babyloniern in deren Land deportiert worden. Israel verstand dieses Schicksal der Gefangenschaft im Babylonischen Exil als Strafe Gottes für das Volk. Wenn nun Gott durch den Propheten in diese Situation hineinspricht: „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist“, dann ist das wirklich tröstlich, weil es den Menschen genau das zuspricht, was sie in dem Moment brauchen. Wenn es heißt „Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden“, dann bedeutet das: Gott selbst will das, was die Menschen wie Berge oder Hügel von ihm trennt, einreißen, sozusagen die Schuld eben machen, also seinen Frieden mit dem Volk machen.

 

Fast 600 Jahre später steht ein etwas wild aussehender Mann mit Kamelhaarmantel und ledernem Gürtel am Ufer des Jordans, der sich von Heuschrecken und Honig ernährt, – Johannes, der Täufer – und er benutzt genau dieselben Worte wie der Prophet Jesaja: „Bereitet dem Herrn einen Weg in der Wüste und macht eben seine Steige.“ Und er lädt die Menschen ein, sich ihre Sünden vergeben zu lassen, sich trösten zu lassen. Die vermeintlich Frommen lädt er mit etwas deutlicheren Worten ein: „Ihr Schlangenbrut, was hat euch denn sicher gemacht, dass ihr dem Zorn Gottes entkommen werdet. Seht zu, dass ihr rechtschaffene Früchte der Buße bringt.“ In einer Situation der psychosozialen Notfallversorgung würden wir jetzt wahrscheinlich sagen: „War nicht ganz so geschickt auf die Menschen eingegangen.“ Aber für die Menschen, die Johannes begegnen, setzt das wirklich etwas in Gang, weil sie merken, dass Johannes ihnen zutraut, dass sie „verbesserlich“, also „wandelbar“ sind, wie unser Regionalvorstand Thomas Hanisch in den letzten News so trefflich formuliert hat. Ich glaube das Wort „Zutrauen“ ist hier genau richtig, denn das trifft mich doch mitten ins Herz, wenn mir jemand etwas zutraut. Johannes ist das Sprachrohr Gottes, also traut Gott mir etwas zu. Gott traut mir das Gute zu. Das kann ein Trost sein – wenn ich ängstlich oder unsicher bin, wenn ich nicht weiß, welchen Weg ich gehen soll. Gott traut mir das Gute zu!

„Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ Diesen Trost, dass Gott mir das Gute zutraut, muss ich mir von ihm auf den Kopf zusagen lassen, das geht nur über das Wort, über das Wort Gottes. Wort und Tat gehören von jeher für die Johanniter zusammen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie, werte Ritter des Ordens, stolz auf die Werke sind, weil sie ja sichtbares Zeichen für die aus Gottes Wort sich ableitende tätige Nächstenliebe sind. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Johanniter-Gemeinschaften stolz sind auf die 900-jährige Tradition des Ordens, in der sie stehen. Viel Gutes fließt aus dieser Verbindung von Wort und Tat. Die Johanniter in Stuttgart sind ja in einer Feuerwehr-Zeitschrift vor kurzem mit der Überschrift „Die Tausendsassas“ bedacht worden. Und wenn ich mir den Regionalverband anschaue mit seinen vielen Dienststellen, Einrichtungen, Gruppen, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden dann gibt es da viel tatkräftigen Trost für die Menschen. Das fängt an beim Rettungsdienst, wo nach bangen Minuten der Angst das professionelle Auftreten der Mitarbeitenden den Patienten und ihren Angehörigen viel Trost gibt. Und dieser tatkräftige Trost hört nicht beim Menü-Dienst oder beim Hausnotruf auf, durch den viele alte Menschen ihre Lebensqualität verbessern und getrost in der Ihnen vertrauten Umgebung bleiben können. Das ist auch Trost. Vielleicht haben Sie alle sich das noch nicht klar gemacht, aber der Regionalverband bietet viel Trost in allen Bereichen, und dieser Trost lässt sich auf den Trost in Gottes Wort zurückführen und wird von uns Johannitern in die Tat umsetzt. „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.“ Dass das geschieht ist bei der Arbeit des KIT oder des Hospiz vielleicht offensichtlicher als bei manchem der anderen Arbeitsbereiche. Aber für Trost in Wort und Tat – dafür stehen alle Johanniter gemeinsam. Aber nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst. [...] Den Trost, den nur Gott uns geben kann in seinem Wort. Aber auch den gegenseitigen Trost, das Einander-Verstehen in unserer unterschiedlichen Trauer, das Einander-Beistehen über unserem Verlust.

 

Dazu hilft uns Gott.

 

Amen.

Regionalpfarrer des RV Stuttgart Regionalpfarrer Stuttgart

Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
Regionalverband Stuttgart
Regionalgeschäftsstelle
73734 Esslingen

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