Krisenintervention - Erste Hilfe für die Seele

Sie helfen Menschen in Not, ersten Schmerz zu überstehen. Das Kriseninterventionsteam (KIT)  der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. in Stuttgart versucht den Tod erträglicher zu machen.

 

Eine Reportage von Natalie Kuras, Studentin an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Stuttgart, 2010

 

 

 

Schrill hallt das Fiepen des Piepsers durch die Wohnung. Zeitgleich klingelt das Einsatzhandy. Es ist 16.31 Uhr. Martin Merz vom KIT Stuttgart springt auf und eilt in den Flur. ´“Zieh bitte schnell deine Schuhe an, Natalie.“

 

Martin Merz greift zum Handy. Ein häuslicher Todesfall in Stuttgart-Feuerbach, die Ehefrau und der Notarzt sind vor Ort lautet die Fallbeschreibung der ILS (Integrierte Leitstelle Stuttgart), mehr Info gibt es zunächst nicht. Wir eilen aus der Wohnung direkt zum Einsatzfahrzeug, das in der Einfahrt steht. Martin Merz tippt die Adresse in das Navigationssystem ein, die er per Sms auf das Einsatzhandy erhalten hat, ändert für die Leitstelle den Status in „auf Anfahrt“ und fährt los.

 

Martin Merz ist 39 Jahre alt und seit März 2009 ehrenamtlich beim Kriseninterventionsteam der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. Stuttgart. Hauptberuflich ist er als Systemtechniker bei einer Mobilfunkgesellschaft tätig. Zehn Jahre war er bei der Freiwilligen Feuerwehr, bevor er zu KIT gewechselt hat. „Um bei KIT antreten zu können bedarf es einer offiziellen Genehmigung der Personalstelle, es muss beruflich vereinbar sein“, berichtet Martin mir. „Minimum 24 Stunden sollte man auf Bereitschaft zur Verfügung stehen, wobei sich die meisten direkt zur Doppelschicht in den Online-Dienstplan eintragen.“

 

Auf der Fahrt ertönt immer wieder das Funkgerät, wodurch ich deutlich zu spüren bekomme, dass ununterbrochen etwas passiert. Martin telefoniert mit einer Kollegin, die ihm jedoch auch keine genaueren Details sagen kann. „Man weiß, dass man gleich eine sehr private Situation erlebt, ein sehr komisches Gefühl“, erzählt Martin. „Eine Ungewissheit, was jetzt kommt. Sind noch andere Menschen vor Ort oder nur die Frau? Wie sind die familiären Umstände?“.

 

Seit 1997 betreuen die Stuttgarter Johanniter Menschen, die körperlich unverletzt, jedoch - verursacht durch den besonderen Eindruck eines Unglücksfalles - unter akutem seelischen Schock stehen und ohne fremde Hilfe das Erlebte psychisch nicht überwinden können.

 

Als wir am Einsatzort ankommen, stehen Notarzt und Rettungswagen mit Warnblinklicht vor dem Haus. Ein bedrückendes Gefühl. Ein Mann mit roter Jacke läuft auf uns zu. Die weißen Streifen seiner Dienstkleidung blitzen im Scheinwerferlicht. Martin kurbelt das Fenster runter und fragt auch ihn nach der Lage. Dieser erwidert etwas distanziert: „Ja, was soll ich dir sagen, der Mann, Alter 50-60 Jahre lag verstorben im Bett, als die Ehefrau nach Hause kam.“

 

Martin Merz und ich laufen die Treppe des Mehrfamilienhauses hoch in den ersten Stock. Ein Polizist öffnet uns die Tür und erkundigt sich mit besorgtem Blick wer ich bin. Martin erwidert, dass ich eine Praktikantin bin und läuft weiter ins Wohnzimmer, in dem sich viele Menschen befinden. Nach einem zustimmenden Nicken des Beamten folge ich ihm.

 

Auch die Angehörigen brauchen Hilfe

 

Eine kleine Frau mit Brille sitzt aufgelöst auf dem Sofa, die Haare etwas zerzaust. Die Ehefrau des Verstorbenen. Eine andere Frau, ihre Nachbarin und Freundin hält sie fest im Arm und spricht beruhigend ihr zu. Zigarettenrauch liegt in der Luft. Auch ein älterer Herr steht mit gesenktem Blick im Wohnzimmer und streichelt den Hund, ein Freund. Zwei Polizisten warten im Flur auf die Ankunft des Arztes, der die Todesbescheinigung ausstellen muss und bestätigt, dass der Tod ohne Fremdeinwirkung erfolgt ist, erst dann kann der Leichnam vom Bestattungsunternehmen abgeholt werden.

 

Martin stellt sich der Frau vor, spricht sein Beileid aus und redet ihr gut zu. Sie ist völlig aufgelöst und macht sich Vorwürfe. Sie ist arbeiten gewesen und war anschließend noch mit Kollegen unterwegs. Ihr Mann, der bereits in Rente war, sei im Bett liegen geblieben, da er sich krank gefühlt habe. Als sie am späten Nachmittag heim kam, lag er reglos im Bett. Die Frau sitzt wie gelähmt da und blickt ins Leere.

 

Martin erklärt ihr, dass ihr Mann bereits recht früh am Morgen einen plötzlichen Herztod erlitt und laut Notarzt ganz friedlich eingeschlafen ist. „Ihr Mann hatte keinerlei Schmerzen und sie hätten daneben stehen und nichts tun können“, tröstet Martin Merz sie.

 

Mit Leid und Schmerz umgehen

 

„Es gibt ständig Situationen, die den Mitarbeitern viel Stärke abverlangen, zum Beispiel die Trauer von Eltern zu ertragen, wenn sie gerade ihr Kind verloren haben,“ sagt Martin Merz und denkt dabei an den letzten Einsatz, „oder wenn Menschen aus unerklärlichen Gründen aus dem Leben gerissen werden. Einerseits ist es ein Job, andererseits stehen trauernde Menschen vor einem, denen man versucht sein Mitgefühl und Hilfe zu schenken, sonst würde man die Arbeit nicht ehrenamtlich leisten.“

 

„Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil er nicht ans Telefon gegangen ist“, erzählt die Frau schluchzend. „Trifft jetzt alles viel zu schnell auf sie ein?“ fragt Martin Merz die Frau. Sie nickt und Tränen laufen in ihre geschwollenen Augen. Es folgen einige Fragen, um einen persönlichen Draht herzustellen.

 

Es klingelt an der Tür. Die Polizisten öffnen. Der Hund der Familie läuft durch die Wohnung. Weitere Familienmitglieder treffen ein, die beiden Kinder mit ihren Partnern und eine Freundin mit einem Baby auf dem Arm. Die Ehefrau hat sie direkt kontaktiert. Die Wohnung füllt sich mit immer mehr Menschen. Martin Merz hält sich bewusst zurück. „Wir bleiben im Wohnzimmer sitzen und bieten den Angehörigen Rückzugsmöglichkeiten, Trauer sollte man zulassen und Trost spenden, “ erklärt mir Martin Merz. Alle fallen sich in die Arme und weinen. Es wird laut. Nach geraumer Zeit setzt sich eine Tochter des Verstorbenen zu uns auf die Couch, zündet sich eine Zigarette an und schweigt. Ihre dunklen langen Haare fallen ihr ins Gesicht. Ruhe kehrt ein, alles verharrt. Ein erdrückendes Gefühl, ich fühle mich Fehl am Platz. Plötzlich klingelt ein Handy, keiner reagiert, alles ist stumm.

 

Die Ehefrau begibt sich in ein Nebenzimmer und spricht über Situationen der letzten Tage. Martin Merz kümmert sich um die beiden Kinder. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein.

 

Eine Ausbildung ist essentiell

 

Einen wesentlichen Schwerpunkt stellt die Aus- und Weiterbildung der Helferschaft dar. Nicht nur der Aufbau des eigenen und weiteren Teams, sondern auch die Schulung von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern liegt dabei im Fokus. Seminare zur Stressbewältigung, psychischen Ersten Hilfe und Informationsveranstaltungen stellen einen Teil des Angebotes dar. Dazu steht das KIT Stuttgart in enger Verbindung mit dem Bildungswerk der Johanniter, um eine bundesweite, einheitliche und qualifizierte Ausbildung garantieren zu können.

 

Es klingelt erneut an der Tür. Ein großer, dunkelhaariger Mann läuft direkt ins Schlafzimmer, das sich gegenüber von der Eingangstür befindet. Der bereits erwartete Arzt ist eingetroffen. Nach ein paar Minuten kommt er ins Wohnzimmer, spricht sein Beileid aus und macht seine Arbeit. Alle scheinen sehr nervös. Nachdem alle Formulare lückenlos ausgefüllt sind, informiert er die Ehefrau über die Bestattung. Die Frau entscheidet, dass sich alle in der Wohnung von ihrem Mann verabschieden sollen, dass sei sein letzter Wille. Auch wünschte er sich eine anonyme Bestattung.

Als der Arzt und die Polizei gegangen sind, beginnen die Angehörigen nach und nach das Schlafzimmer zu betreten, um sich von ihrem Vater, Schwiegervater und Mann zu verabschieden. Einer der Schwiegersöhne sorgt sich um seinen Sohn, der nicht mehr die Möglichkeit haben wird seinen Großvater zu sehen, um sich zu verabschieden.

 

Die Tochter wendet sich an uns und fragt, was jetzt folgen wird. Martin Merz erklärt ihr vorsichtig die weiteren Schritte und kontaktiert mit ihr zusammen im Anschluss ein Bestattungsunternehmen, zu dem die Angehörigen am nächsten Morgen gehen müssen. Es wird noch eine Stunde brauchen bis die Bestatter eintreffen. „Zwei Stunden sind seid dem Einsatzbeginn vergangen und das Schwerste kommt noch“, flüstert Martin Merz mir zu. Ich bin innerlich total unruhig. Auch der Hund scheint die Nervosität im Raum zu spüren. Er gibt keinen Ton von sich und liegt auf dem Boden, den Kopf auf den Pfoten.

Dezent fragt Martin Merz die Familie: „Möchten Sie, dass wir noch bleiben, bis der Bestatter kommt oder wären Sie lieber allein?“ “Nein, bitte bleiben Sie Herr Merz“, erwidern die Angehörigen.

 

Das KIT Stuttgart hat zurzeit 25 Mitglieder. Davon fahren 12 aktiv im Einsatzdienst mit. Im Jahr 2007 wurden 229 Einsätze gefahren, bereits 306 waren es im Jahr 2008. Aktuell wurden 2009 ca. 370 Einsätze angefordert, Tendenz steigend. Das Kriseninterventionsteam ist damit die am häufigsten eingesetzte rein ehrenamtliche Einheit im Rettungsdienst der Landeshauptstadt.

 

Babygeschrei aus der Küche. Die Zeit scheint still zu stehen. Eine Zigarette nach der anderen wird geraucht, Qualm liegt in der Luft. Plötzlich, nach geraumer Zeit stürmt einer der Schwiegersöhne in das Wohnzimmer und sagt, dass die Bestatter kommen. Die Ehefrau läuft verwirrt ins Schlafzimmer zu ihrem verstorbenen Mann. Alle, bis auf eine der Töchter stehen auf und laufen in Richtung Tür. „Mama, jetzt komm doch bitte raus da!“, bitten die Töchter ihre Mutter. „Nein, ich will bei ihm bleiben, lasst mich!“, antwortet die Mutter sehr patzig.

 

Zwei große Männer des Bestattungsunternehmens tragen den Verstorbenen auf einer Trage aus dem Schlafzimmer. Es wird laut, sehr laut, bis schließlich die Haustür zuknallt. Einen Moment herrscht Ruhe bis alle in Tränen ausbrechen. Martin Merz spürt als erfahrener Helfer, dass die Familie sich gegenseitig unterstützt und ein stabiles, soziales Umfeld gegeben ist. Nachdem es etwas ruhiger geworden ist, sprechen  wir noch einmal unser Beileid aus, reichen abschließend noch Beratungsunterlagen und verabschieden uns bei der Familie. Es ist 19.45 Uhr als wir in das Einsatzfahrzeug steigen und erst einmal durchatmen.

 

Das Leid birgt auch schöne Momente

 

Trotz all der Trauer gibt es aber auch schöne Momente. Vor unserem gemeinsamen Einsatz, wurde Martin Merz in der Nacht bereits schon einmal alarmiert. Ein Kind war gestorben und der Vater, der anfangs sehr zornig und abweisend war, bedankte sich mit der Frau am Ende mit Tränen in den Augen bei Martin Merz. „Ich habe Ihnen meine Anteilnahme gezeigt und sie nach bestem Gewissen betreut, alle Aufmerksamkeit galt nur ihnen. Ein sehr schwerer und belastender Fall, besonders weil es um ein Kind geht“, erzählt Martin Merz. „Schließlich wurde ich von den Eltern zur Beerdigung ihrer Tochter eingeladen und ich werde natürlich dabei sein. Auch eine Form der Anerkennung unserer Arbeit und auch etwas, das zu unserem "Job" gehört.“

 

Oder der kleine Junge, um den er sich gekümmert hatte. Seine Mutter wurde nachts von ihrem Mann verprügelt, die Polizei und der Rettungsdienst hatten die Wohnung gestürmt. Der Vater wurde festgenommen, die Mutter musste wegen ihren Verletzungen ins Krankenhaus. „Der Sohn wachte in dieser brutalen und chaotischen Situation auf und wusste nicht, was um ihn passiert. Mein Kollege und ich wurden zum Einsatz gerufen, um nach dem Kind und dessen Verleib zu sehen.“

 

Während sie ihn beruhigen und darauf warten, dass die Mutter wieder entlassen wird, malt er ein Bild mit Tieren. Er schreibt seinen Namen darauf und schenkt es Martin Merz. „Immer wieder fällt es in meine Hände und ich denke an diesen Einsatz.“ Das seien die Momente, die anrühren, sagt Martin Merz. Und die Kraft geben, wenn der Piepser zum nächsten Einsatz ruft.

 

 

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