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Luftrettung | Wenn’s schnell gehen muss

Wenn es ein Notfall erfordert, heben die Johanniter auch mal ab. Im Luftrettungszentrum Gießen ist das an der Tagesordnung. Von dort aus gehen die Einsätze der Rettungshubschrauber in die ganze Bundesrepublik.

Auf Hochglanz poliert steht er auf der Landeplattform und beeindruckt durch Größe und Eleganz: Der in den Johanniterfarben Weiß-Rot lackierte Intensivtransporthubschrauber (ITH) „Christoph Gießen“ mit einer Gesamtleistung von 2.000 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 280 Stundenkilometern ist ein außergewöhnlicher Helikopter. Ohne Auftanken kann er mehr als drei Stunden am Stück fliegen. Patienten können so nonstop an jeden Ort in Deutschland transportiert werden. Der Raum hinter dem Piloten ist doppelt so groß wie in einem herkömmlichen Rettungshubschrauber. Das ist nötig, um schwerst verletzte oder erkrankte Patienten optimal versorgen zu können.
„Die Ausstattung der Maschinen und die exzellente Ausbildung des Personals machen unsere Höchstleistung bei der medizinischen Versorgung aus“, erklärt Günther Lohre, Geschäftsführer der Johanniter Luftrettung in Gießen. „Unsere Hubschrauber sind fliegende Intensivstationen.“ Je nach Bedarf können auch weitere Geräte an Bord transportiert werden – sei es ein Inkubator oder ein spezielles Isoliersystem, etwa bei ansteckenden Krankheiten.

Als Co-Pilot und Rettungsassistent hat Markus Ortner (re.) alle Hände voll zu tun. Pilot Henry Bründl sorgt derweil mit sicherer Hand für perfekte Starts und Landungen.

Fliegen fürs Leben

Es ist 8 Uhr im Luftrettungszentrum, noch steht „Christoph Gießen“ am Boden. Ein sonniger Tag soll es werden. Doch davon ist vorerst nichts zu sehen. Nebel verhindert die Sicht – und damit auch den Einsatz des Rettungshubschraubers. Daran ändert auch der erste Einsatzruf kurz vor neun nichts. Schade“, sagt Rettungsassistent Markus Ortner, „aber das können wir nicht übernehmen.“ Das Wetter lässt einen Start nicht zu, Pilot Henry Bründl fliegt seinen Helikopter „auf Sicht“. Nur Hindernisse, die er wahrnimmt, kann er umfliegen. Bründl zieht sich erst mal in sein Büro zurück. Markus Ortner hat ein bisschen Zeit, vom Fliegen zu berichten.
„Ich war Rettungsassistent im Ruhrgebiet. Eines Tages habe ich einen Rundflug über Essen gemacht –  und meine Liebe zum Fliegen entdeckt“, erzählt Ortner. Doch bevor aus der Liebe ein echter Job wurde, dauerte es: Nach sechs Jahren Rettungsdienst zog es ihn nach Hessen, wo er anfangs den Rettungswagen fuhr und sich bis zum Einsatzleiter hocharbeitete. „Und dann … “ – Ortner stockt, der nächste Notruf geht ein. Sofort herrscht geschäftiges Treiben überall, Pilot Bründl prüft das Wetter: Der Nebel hat sich verzogen. Ortner bespricht mit dem Dritten im Bunde, Notarzt Dr. Tim Jäcker, den Einsatz: einen dringenden Transport von der Main-Kinzig-Klinik in Gelnhausen nach Offenbach. Kurze Rücksprache mit den Ärzten in Gelnhausen, dann geht es für die drei Männer aufs Dach des Luftrettungszentrums. Notarzt und Pilot steigen schon ein in ihren Heli, Markus Ortner bleibt draußen auf der Plattform. Denn der Johanniter ist nicht nur Rettungsassistent.

Als sogenanntes „HEMS Crew-Member“, (Helicopter Emergency Medical Services), also ein in der Luftrettung tätiges Mitglied des Rettungsdienstpersonals, assistiert Ortner dem Piloten. Jetzt heißt es: Fluggerät sichern! Während der Pilot die Maschinen anlässt, steht er davor und stellt sicher, dass niemand Gefahr läuft, in die Rotorblätter zu geraten, oder sich zu nah am Heckrotor aufhält. Erst dann gibt er dem Piloten das Handzeichen: Alles okay, Heli funktioniert einwandfrei! Gleich darauf springt auch Ortner in den Rettungshubschrauber und hebt ab.
Schnell wird klar, warum ihr Heli für die drei Mitglieder der Besatzung ein so besonderer Arbeitsplatz ist: Die Maschine fegt nur so über die Stadt Gießen und das hessische Land und der Blick aus den Fenstern ist atemberaubend. Markus Ortner sorgt für Orientierung und Zielfindung, bedient die Bord-Navigationssysteme, beobachtet Luftraum und Hindernisse während des Fluges, hält den Funksprechverkehr mit den Leitstellen von Rettungsdiensten und Polizei. „Bei gutem Wetter sind viele Segelflieger unterwegs, da muss man schon genau aufpassen“, erklärt er.

Bis zur Übergabe im Krankenhaus: Markus Ortner (li.) und Dr. Tim Jäcker betreuen ihre Patienten fürsorglich.

Jede Landung ist heikel

In nur elf Minuten erreicht der Hubschrauber seinen Einsatzort: In einem Krankenhaus in Gelnhausen wartet ein junger Mann mit einer schweren Infektion auf die Retter. „Christoph Gießen“ landet etwas abseits des Krankenhauses auf einer grünen Wiese. Rettungsassistent Ortner ist der Erste, der von Bord springt: Fluggerät sichern. „Jeder Start und jede Landung sind heikel“, erklärt Pilot Bründl. Seit 33 Jahren fliegt der 54-Jährige schon, der seine Laufbahn zu Luft bei der Bundeswehr begonnen hat. Doch seine Konzentration darf nicht abnehmen. Denn bei jeder neuen Landung stellen sich wichtige Fragen: Wie ist der Untergrund? Bekomme ich den Hubschrauber auf eine ebene Fläche? Wo lauern eventuell Gefahren?

Zwischen Technik und Menschlichkeit

Kaum stehen die Rotorblätter still, eilt Notarzt Jäcker zum Patienten. „Der Helikopter ist nur das Transportmittel. Wirklich wichtig sind die Mediziner“, sagt der Pilot mit Respekt vor seinen beiden Teamkollegen. Markus Ortner ist inzwischen aus seiner Rolle als Cockpitassistent geschlüpft und leistet als Rettungsassistent Dienst am Patienten. Hier ist er ganz Johanniter: Der Familienvater beherrscht nicht nur sein Handwerk, sondern geht auch fürsorglich mit dem Menschen um, der intensiv betreut werden muss. Sobald dieser sicher im Hubschrauber untergebracht ist, geht es zügig weiter: Ortner sichert den Start ab und schon in wenigen Minuten ist „Christoph Gießen“ in Offenbach. Pilot Bründl liefert eine Punktlandung auf dem Heli-Landeplatz ab.

Auch in der Nacht unterwegs

Die Formalitäten zur Patientenübergabe sind noch nicht erledigt, da wird das Rettungsteam schon durch den nächsten Notruf angefordert: Eine Herzinfarkt-Patientin muss dringend von Aschaffenburg nach Offenbach. Insgesamt ist das Team von „Christoph Gießen“ bei dieser Tour knapp vier Stunden unterwegs, bevor es wieder wohlbehalten auf der Heimat-Plattform des Luftrettungszentrums in Gießen landet. Jetzt stehen die Auswertung der Einsätze und das Auftanken an. Denn jederzeit kann es wieder losgehen – selbst wenn es längst dunkel ist. Aber immer gilt: „Auch bei möglichen Nachteinsätzen ist Flugsicherheit oberstes Gebot“, erklärt Günther Lohre, „sowohl für die Patienten als auch für die Crew“.
Wie stark sich die Besatzung von „Christoph Gießen“ tatsächlich als Crew, als eingeschworenes Team versteht, zeigt sich kurz vor Feierabend: Nicht nur der Pilot, auch Rettungsassistent und Notarzt nehmen sich Eimer und Lappen. Gemeinsam machen sie ihn sauber, ihren Heli. Damit er glänzend bereitsteht für seinen nächsten Einsatz.

Ihr Ansprechpartner Günther Lohre

Lahnstraße 201
35398 Gießen