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Barrierefrei am Flughafen
Flughäfen innerhalb der Europäischen Union sind seit eineinhalb Jahren verpflichtet, Menschen, die einen Rollstuhl benötigen, keine Treppen mehr steigen können, sehbehindert oder geistig benachteiligt sind, kostenfrei Begleiter zu vermitteln. Die sächsischen Johanniter haben auf dem Flughafen Leipzig-Halle die Ausschreibung gewonnen. Seit August 2008 sind sie täglich im Einsatz. Im ersten Jahr betreuten sie bereits mehr als 3300 Passagiere.
Wie der Schalter einer Luftfahrtgesellschaft sieht die Johanniter-Station am Terminal B aus. Im kleinen Büro dahinter sitzt Ilona Erfurt und schaut im Computer nach, welche Aufträge an diesem Donnerstag anstehen: „Um zehn Uhr wird eine Maschine der Lufthansa landen. Eine Amerikanerin muss direkt vom Flugzeug abgeholt werden“, erklärt sie. Dann macht sie sich auf den Weg, muss wie immer durch den Sicherheitscheck. Also: Einsatz-Jacke ablegen, Uhr ablegen, Handy aufs Band, die Schuhe mit den Stahlkappen ausziehen – manchmal mehr als 20 Mal am Tag. Erst dann darf sie weiter bis zur Fluggastbrücke und über sie bis an die Maschine heran.
Dort überrascht sie die Flugbegleiterin mit einem weiteren Passagier, der nicht laufen kann. Eigentlich sollte sich jeder Fahrgast beim Kauf des Tickets oder etwa 36 Stunden vor Abreise anmelden. Aber das klappt nicht immer. Zum Glück ist Kollege Mario Schmidt gleich mitgekommen. Er arbeitete früher für die Sicherheit auf dem Flughafen, lernte dort die Johanniter kennen und beschloss, bei deren Begleitdienst mitzumachen. Er übernimmt den unangekündigten Passagier und besorgt schnell einen zweiten Rollstuhl. Ilona Erfurt begrüßt die Amerikanerin aus Atlanta. Diese ist müde, freut sich aber darauf, ihre Freunde zu besuchen und zu sehen, was sich 20 Jahre nach dem Mauerfall in und um Leipzig getan hat. Doch jetzt ist sie erst einmal froh, dass die Johanniterin mit einem Lächeln vor ihr steht, sie stützt, in den Rollstuhl hebt, quer über den ganzen Flughafen fährt, an der Toilette Halt macht und das Gepäck abholt. Weiter geht es zum Auto-Mietservice, schließlich zur Garage, wo die Begleiterin die Frau beim Einsteigen in den gemieteten Wagen abstützt. Mario Schmidt lädt das Gepäck ab. Dann ist es geschafft. Fast eine Stunde ist Ilona Erfurt für das alles unterwegs.
Ein Glück, dass heute die Nachfrage mal nicht so groß ist. Durchschnittlich betreuen die insgesamt zehn Johanniter auf dem Leipziger Flughafen – in der Regel immer zu zweit – 13 Fluggäste am Tag, in der Urlaubszeit sind es oft mehr als 20. „An solchen Tagen“, hat Ilona Erfurt gemessen, „lege ich gut zehn Kilometer zu Fuß zurück. Elf von zwölf Stunden bin ich auf den Beinen.“ Sie arbeitet an vier Tagen in der Woche, entweder von sechs bis 18 oder von 18 bis sechs Uhr. Dass die Johanniter Mitarbeiter auf dem Flughafen suchen, hatte sie in einer Anzeige gelesen und wusste gleich: „Ich kann das, das ist mein Ding.“ Sie macht die Arbeit immer noch gern, denn: „Man kriegt viel zurück, das ist Wahnsinn!“ Auch dieses Mal: Freudige und zufriedene Gesichter, eine feste Umarmung. Das ist es, was sie motiviert. Der Mann der Amerikanerin ist so glücklich, dass er unbedingt noch seinen Koffer aufmachen will, um ein Kochbuch als Geschenk herauszuziehen. Ilona Erfurt freut sich, dass ihre amerikanischen Kunden so „happy“ sind, und beschließt – als sie anschließend ihre Brotbüchse mit dem Mittagessen auspackt – auf jeden Fall mehr Englisch zu lernen.
Wieder geht der Blick zum Computer. Nein, es sind keine neuen Aufträge dazwischengekommen. Sie kann noch einen Kaffee trinken, bevor sie sich wieder auf die Beine macht. Sie lächelt: „Der nächste Kunde erwartet mich.“
Regina Villavicencio