„Der Rollator ist mein Rolls-Royce“

Hannah Schreckenbach in ihrer Bibliothek Foto: Stefan Deutsch

Wer über zwanzig Jahre in Afrika Häuser gebaut, alleine Sri Lanka und Ecuador bereist und mit 85 eine eigene Website hat, braucht keine Standleitung zu den Johannitern. So dachte Hannah Schreckenbach, Architektin, Dozentin und Buchautorin aus Magdeburg. Die Vorstellung, ihre Selbstständigkeit zu verlieren und offiziell „zum alten Eisen“ zu gehören, konnte die Seniorin lange nicht an sich heranlassen. Auch wenn ihre Nichte schon seit zwei Jahren darum bat, einen Hausnotruf in der Wohnung zu installieren.

Aber zu den Herzproblemen kamen Schwindelanfälle und Probleme beim Laufen. Als sie mit einer Rückenprellung wieder einmal beim Physiotherapeuten landete, stellte der sofort den Kontakt zu den Johannitern her. „Dann ging alles hopp-hopp“, erzählt Schreckenbach: „Innerhalb von ein paar Tagen war ich angedockt.“ Die kabellose Basisstation steht im Zentrum der Wohnung, einen mobilen Notfallknopf trägt Schreckenbach immer um den Hals. „Ein Armband würde mich bei der Computerarbeit nur stören“, sagt sie. „Man gibt zwar ein wenig ab, wird aber mit einer neuen wertvollen Gabe beschenkt: Beruhigende Sicherheit. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Ein angenehmes Gefühl am Ende eines sehr bewegten Lebens. Mitten im Architekturstudium floh Hannah Schreckenbach aus der DDR, um in Karlsruhe und London weiter zu lernen und in der englischen Hauptstadt als Stadtplanerin anzufangen.

Bücher über Afrika Foto: Stefan Deutsch

Es folgten 22 erfüllende Jahre als Architektin in Ghana, für die sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Zurück in Deutschland arbeitete sie als Gutachterin für die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (heute GIZ).

Nach ihrer Pensionierung kehrte Schreckenbach in die Madgeburger Siedlung zurück, in der sie aufgewachsen war. Sie fühlt sich wohl. Denn auch das Alter habe Vorteile, findet sie: „Endlich habe ich Zeit zum Schreiben.“ Auf ihrer Website dokumentiert Schreckenbach ihre Zeit in Afrika, die Reisen und ihre Zeichnungen. Als Afrika-Expertin schreibt sie Bücher und Fachartikel, hält Vorträge und Lesungen. Auf ihrem persönlichen „Hannahblog“ berichtet Schreckenbach über ihr jetziges Leben – wie sich die Liebe im Alter verändert zum Beispiel.

„Ich verstehe nicht, warum sich so viele ältere Menschen, besonders Frauen, gegen das Altern wehren und Hilfen wie einen Rollator ablehnen“, sagt Schreckenbach. „Nachdem ich zweimal vom Rad gefallen bin, war das für mich eine klare Sache.“ Der Rollator sei ihr Rolls-Royce, sagt sie lachend. Damit komme sie überall hin und könne sich bei einem Stadtbummel sogar zwischendurch mal darauf ausruhen.

„Wenn ich mit dem Rolli im Regionalzug nach Berlin, Potsdam oder an die Ostsee fahre, oder zu meiner Freundin nach Halle, trage ich einen Rucksack und habe beide Hände frei. Die Koffer verschicke ich mit dem Gepäckdienst der Bahn.“ Nur die Treppen im noch nicht umgebauten Magdeburger Bahnhof sind mit Rollator nicht zu schaffen. „Dann baggere ich einfach Passanten an. Die meisten freuen sich richtig, wenn sie mir helfen können“, erzählt Schreckenbach.

Demnächst geht es wieder auf große Tour. Statt Ghana und Namibia diesmal in nördliche Gefilde: Eine Ostsee-Kreuzfahrt über Kopenhagen, Stockholm, Helsinki, St. Petersburg, Tallin und Riga. „Das geht alles noch. Man muss sich nur ein wenig Unterstützung holen, wenn man sie braucht.“


Lesen Sie mehr von Hannah Schreckenbach auf www.schreckenbach.info