Wie spreche ich mit meinen Eltern oder Großeltern über das Thema „Sicherheit“?

Kürzlich wäre Gertrud Pieper fast über die Schwelle der Terrassentür gestolpert. Tochter Sabine, die zu Besuch war, konnte die 70-Jährige gerade noch halten. Seitdem geht Frau Pieper nicht mehr allein auf die Terrasse. Als Sabine vorschlägt, einen Hausnotruf zu installieren, reagiert die Mutter pikiert: „Ich bin zwar achtzig, aber ich kann sehr gut noch selbst auf mich aufpassen!“ Eine Situation, die sich in Deutschland so oder so ähnlich wahrscheinlich unzählige Male täglich ereignet.

Annika Steinert, Charite

Der Abbau der körperlichen Leistungsfähigkeit ist meistens ein schleichender Prozess.

Dr. Anika Steinert, Leiterin der Arbeitsgruppe „Alter und Technik“ an der Charité Berlin

„Der Abbau der körperlichen Leistungsfähigkeit ist meistens ein schleichender Prozess. Daher erkennen Senioren ihre Hilfsbedürftigkeit oft erst viel später als Angehörige“, sagt Dr. Anika Steinert, Leiterin der Arbeitsgruppe „Alter und Technik“ an der Charité Berlin. Das Problem ist auch ein psychisches: „Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, ist zunächst schwer mit dem Bild von sich selbst als aktivem, kompetenten Menschen in Einklang zu bringen. Das ist schmerzlich und oft mit einem Verlust von Selbstwert verbunden“, sagt Dr. Roland Rupprecht, Akademischer Direktor am Institut für Psychogerontologie der Universität Nürnberg-Erlangen.

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Das ist schmerzlich und oft mit einem Verlust von Selbstwert verbunden

Dr. Roland Rupprecht, Akademischer Direktor am Institut für Psychogerontologie der Universität Nürnberg-Erlangen

Daher sollten Angehörige das Thema Rollator, Treppenlift oder Hausnotruf sensibel angehen. „Es ist wichtig, den Senioren die Angst zu nehmen. Viele fürchten, verspottet zu werden oder etwas zu beschädigen“, erklärt Altersforscherin Steinert. "Das ist eher ein selbst gemachtes Problem", sagt Psychologe Rupprecht. Denn heute seien Gehhilfen, Hörgeräte oder Rollstühle in der Öffentlichkeit längst nicht mehr so stigmatisiert wie früher. In jedem Bus gebe es mittlerweile besondere Plätze für Gehbehinderte.

Oft helfe es schon, sich gemeinsam zu informieren und die Senioren dann bei der Bedienung und Wartung der Geräte zu unterstützen. Denn obwohl speziell für ältere Menschen entwickelt, seien viele Hilfsmittel nicht leicht zu handhaben oder die Anleitungen in zu kleiner Schriftgröße gedruckt, bemängelt Steinert.

Eine Internetrecherche verschafft einen ersten Überblick. Weitere Informationen geben Ärzte, Ergo-, Logo- und Physiotherapeuten, Apotheken und bei spezifischen Einschränkungen wie Seh- oder Hörbehinderung auch Selbsthilfevereine. Im Sanitätshaus kann man sich kompetent beraten lassen und Hilfsmittel zum Teil sogar ausleihen, um sie zu Hause ausprobieren. In Großstädten wie Berlin gibt es zudem Musterwohnungen, die mit den neusten Assistenzsystemen ausgestattet sind.

Alexander Jüptner

Wichtig ist, die Systeme an den individuellen Bedarf anzupassen“, rät Alexander Jüptner, Fachbereichsleiter Forschung und Entwicklung der Johanniter.

Alexander Jüptner, Fachbereichsleiter Forschung und Entwicklung der Johanniter

Bei Fragen zur Finanzierung lohnt eine Nachfrage beim Hausarzt oder der Kranken- und Pflegekasse: „Viele Senioren und Angehörige wissen gar nicht, dass ein Rollator oder ein Hausnotruf oft auch von der Krankenkasse bezahlt oder zumindest bezuschusst wird“, sagt Steinert. Die meisten Senioren ließen sich von den konkreten Vorteilen überzeugen, besonders wenn der Gebrauch der Hilfsmittel mit positiven Erlebnissen verbunden sei. Mit einem Hausnotruf etwa fühlen sich alleinstehende ältere Menschen sicher und können so lange wie möglich in den eigenen Wänden wohnen bleiben.

Die Senioren gewinnen sogar Freiheiten hinzu: Gertrud Pieper würde sich mit dem Hausnotruf sicher wieder allein auf die Terrasse trauen. Und Tochter Sabine wäre beruhigt, dass schnell jemand da ist, wenn die Mutter doch einmal stolpern sollte.