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Johannitergut in Beinrode: Modern in historischen Mauern

Zu Besuch in Thüringens einzigem Johannitergut in Beinrode - wie sich eine evangelische Einrichtung im katholischen Eichsfeld etabliert.

Ulf Biedler schmunzelt. Diese Frage kennt er von neugierigen Schülern. In welchem der Zimmer wohl der Gutsherr wohnte? "Den gab es nie", muss der Geschäftsführer des Johannitergutes Beinrode einräumen. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit der Einrichtung.

Tief im katholischen Eichsfeld weht auf den historischen Gebäuden die rote Fahne des evangelischen Johanniter-Ordens. Dessen Provinzial-Sächsische Genossenschaft betreibt den Gutshof, der eine Sonderstellung einnimmt. Die Johanniter sind bekannt durch ihre Seniorenzentren oder den Rettungsdienst, den sie in einigen Landkreisen fahren. Dass sie ein Schullandheim betreiben, kommt deutschlandweit nur hier vor. "Ziel der Johanniter ist, Kranken und Schwachen zu helfen", sagt Biedler. In diesem Sinne bemühe sich die Einrichtung um Kinder und benachteiligte Jugendliche.

Das Johannitergut engagiert sich in drei Bereichen. So leben bis zu fünf benachteiligte Jugendliche auf dem Hof, die hier von Pädagogen an ein selbstständiges Leben herangeführt werden. Als Hilfe zur Wiedereingliederung sieht der Träger dieses Angebot, das jungen Menschen ermöglichen soll, eine geregelte Ausbildung zu absolvieren.

Der zweite Bereich widmet sich dem Seminarbetrieb. Schulklassen vergleichen die Werte der Gegenwart mit denen aus dem Mittelalter. Diese Kurse sollen die Sozialkompetenz steigern und dazu beitragen, innerhalb der Klassen zu einem besseren Klima zu kommen. Die Begeisterung hält sich zumeist in Grenzen, wenn die Reise nach Beinrode in Nordthüringen ansteht. Was sollen wir in der Pampa? Ohne Geschäfte, ohne Disko? "Sicherlich sind die Großstädte anziehender für Jugendliche, aber durch eine geschickte Rahmenhandlung versuchen wir, die jungen Gäste zu begeistern", sagt Biedler. Und das gelingt. "Am Ende der Woche ist den Schülern gar nicht aufgefallen, dass sie kaum Fernsehen geschaut haben", sagt der Einrichtungsleiter.

Drittes Standbein ist das Schullandheim. Waldschule, Landwoche oder Mittelalterwoche heißen die Programme für Schulklassen, in denen sie die Natur unter die Lupe nehmen, historisches Handwerk oder das Ritterleben kennenlernen.

Mit den Bildungsthemen liegt das Johannitergut in der Tradition des Hauses. Dessen Wurzeln reichen zurück ins Jahr 1554, als ein Müller ohne Genehmigung eine Wassermühle errichtete. Der Abt des ältesten eichsfeldischen Zisterzienserklosters Reifenstein kaufte das Gut im 18. Jahrhundert. Es wurde zum Filialkloster mit barockem Konventsgebäude. Ab 1918 richtete der Reifensteiner-Verband eine Frauenschule ein. Nach dem zweiten Weltkrieg folgte eine Spezialschule für Tierzucht, die Nutzung als Grundschule und als Sonderschule. Nach der Wende versuchten sich mehrere Träger mit verschiedenen Ansätzen, bevor im Jahr 2004 das Schullandheim einzog.

Im gleichen Jahr übernahmen die Johanniter die Verantwortung über das Gut. Sie investierten seitdem 3,5 Millionen Euro in die Sanierung. Der Aufwand lohnt sich. "Es ist ein richtiges Kinderhotel geworden", lobt Sylvia Müller, Lehrerin an der Pestalozzi-Schule Mühlhausen. Mit ihren Schülern verbringt sie ein paar Tage im Schullandheim. Die Mädchen und Jungen basteln in der Kreativwerkstatt oder backen Plätzchen in der Küche. "Ist cool hier", sagt Christopher Reis, als er mit Ulrike Fricke ein Herzmuster auf frischgeschöpftes Papier drückt. Die BWL-Studentin leitet ab und zu solche Kurse im Johannitergut. Als Ausgleich fürs straffe Lernen, wie sie sagt.

Das Gut zählte im vorigen Jahr 7800 Übernachtungen. Mit 62 Prozent Auslastung steht es auf Platz vier der 23 Schullandheime in Thüringen. "Wir wollen den Seminarbereich ausbauen", sagt Biedler, dessen Haus 75 Betten hat und auch Pilgerern eine Unterkunft bietet. Zehn Mitarbeiter arbeiten auf dem Hof, der über einen kleinen Streichelzoo verfügt.

"Hauptsache etwas Christliches", gibt Biedler wieder, was die Einwohner des katholischen Eichsfeldes damals bei der Übernahme durch die Johanniter sagten. Die Bürger von Beinrode kommen zu ökumenischen Gottesdiensten, sagt Biedler und deutet in die hauseigene Kapelle. Nur das Zimmer des Gutsherren kann er beim besten Willen nicht zeigen. Obwohl er als "moderner Gutsherr" eigentlich sein Büro vorführen könnte. Aber das würde jede Vorstellung sprengen: Es gehört zu den kleinsten Räumen auf dem Areal.

 

Tino Zippel / 09.01.11 / OTZ