Weltkrebstag: Onkologischer Fortschritt steigert Lebenserwartung / Interview mit Chefarzt Prof. Dr. Yon-Dschun Ko

Bonn, 09. Februar 2018

Der 4. Februar ist Weltkrebstag: Jedes Jahr erkranken deutschlandweit etwa 500.000 Menschen neu an Krebs. Dabei haben sich in den letzten Jahren die Lebenserwartungen bei einigen Krebsarten deutlich verbessert. Denn: Neben den üblichen Behandlungsoptionen wie Operation, Chemotherapie und Bestrahlung sind jetzt neue Strategien in der Onkologie auf dem Vormarsch. Besonders die zielgerichtete Therapie und die Immuntherapie avanciert im Kampf gegen Krebs zum Hoffnungsträger. Statt Chemotherapie wird dabei das körpereigene Immunsystem gegen Krebszellen eingesetzt. Ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Yon-Dschun Ko. Ärztlicher Direktor, Chefarzt, der internistischen Onkologie des Bonner Johanniter-Krankenhauses und Leiter des Onkologischen Zentrums Bonn / Rhein-Sieg und Partner.

Herr Prof. Ko, wie funktioniert die Immuntherapie zur Behandlung von Krebs?

Wir lassen das Immunsystem des Patienten selber den Krebs bekämpfen. Normalerweise schaltet sich das Immunsystem bei der Bekämpfung einer Krankheit nach einiger Zeit wieder aus. Das ist völlig normal. Bein Schnupfen zum Beispiel wird das Immunsystem angeschaltet, aber auch gleich wieder abgeschaltet. Denn wir brauchen für den Schnupfen 3 bis 4 Tage Hilfe und dann nicht mehr. In der Regel wird mit dem Anschalten des Immunsystem das Abschalten direkt mit vorprogrammiert. Und das kann man mit der modernen Immuntherapie verhindert werden.

Wie genau wird dieses Abschalten verhindert und haben Sie bereits Erfahrung damit?

Jetzt stellen wir uns vor, es entsteht Tumor. Das Immunsystem wird angeschaltet, aber auch wieder abgeschaltet, obwohl der Tumor bleibt. In den letzten Jahren wurde ein Mittel entwickelt, das dieses Abschalten blockieren kann. Es gibt so genannte Checkpoints, insgesamt zwei. An diesen zwei Positionen kann die Medizin jetzt das Abschalten der Immunität verhindern.

Zuerst ist das bei einem Patienten mit schwarzem Hautkrebs gelungen. Wir haben den Patienten in eine gute Situation bekommen. Keine Chemo- oder auch Strahlentherapie hat angeschlagen. Durch die Immuntherapie kam der Patienten in eine sogenannte Remission. Das heißt die Krankheit geht zurück. Das sehen wir auch bei vielen anderen Tumoren, wie zum Beispiel Lungenkrebs. Wenn eine Immunität ganz stark vorhanden ist, dann können wir das heute messen und somit bei der primären Therapie auf eine Chemotherapie verzichten. Wir erreichen so Ansprechraten von über 60 Prozent. Normalerweise hat eine Chemotherapie bei Lungenkrebs eine Ansprechrate von 30 Prozent.

Dann gibt es neben der Immuntherapie noch eine genetische Therapie, was ist das?

Man nennt es besser eine Targettherapie, also eine zielgerichtete Therapie. Wir haben ein Gen mit einer Mutation, das Target also, und gegen diese Veränderung gehen wir vor. Diese Methode wird zum Beispiel bei Leukämie erfolgreich angewendet. Bei der chronischen Leukämie führt eine genetische Störung zur chronischen Vermehrung des Blutes, was schließlich den Tod zur Folge hat. Es gibt bereits ein Medikament, das die klassischen Knochenmarktransplantation ersetzt. Und es habe sich herausgestellt, dass 50 Prozent der Patient geheilt sind, nachdem bei ihnen das Medikament abgesetzt wurde

Was bedeutet das für die Krebsmedizin?

Das kommt einer Revolution gleich. Wir haben heute drei Beine bei der Behandlung von Krebserkrankungen: Der Standard, bestehend aus Operation, Strahlen- und Chemotherapie, wird jetzt ergänzt durch die genetisch getriebene Therapie gegen Mutationen und Immuntherapien. Wir haben eine gigantische Erweiterung. Es sind ganz viele andere Substanzen hinzugekommen im Vergleich zur Zeit der reinen Chemotherapie. 2000 ist therapeutisch nicht mehr zu vergleichen mit 2017/18. Damit wird die Lebensqualität der Patienten verbessert und die Lebenszeit verlängert. Und wir sind erst am Anfang. Ich schätze, in zehn Jahren kommt die zellspezifische Immuntherapie. Dann programmieren wir Immunzellen, eine bestimmte Tumorzelle als Zielorgan zu erkennen und zu eliminieren. Da stehen wir gerade am Anfang. Das wird das Ganze noch einmal revolutionieren.