20 Jahre innovative psychiatrische Versorgung durch das Johanniter-Krankenhaus Geesthacht

Geesthacht, 24. Januar 2017

Die Staatssekretärin des schleswig-holsteinischen Sozialministeriums Anette Langner brachte es bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen der psychiatrischen Abteilung im Johanniter-Krankenhaus Geesthacht auf den Punkt: Was von hieraus geleistet wird, stellt sich als ein „Leuchtturm“ für gute psychiatrische Versorgung in Schleswig-Holstein dar.

Blickt man auf die Anfänge der psychiatrischen Versorgung durch das Johanniter-Krankenhaus Geesthacht zurück, lassen sich zwei Zeiträume von jeweils zehn Jahren unterscheiden, nämlich die Zeit vor und die Zeit nach der erstmaligen Vereinbarung eines regionalen Budgets mit den Krankenkassen im Jahr 2007:

Der Maxime folgend, dass jeder Mensch – und damit ein psychisch erkrankter Bürger wie ein gesunder Bürger – in seinem Sein und Wirken beantwortet werden möchte, haben die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während der ersten zehn Jahre die psychiatrische Abteilung im Kreis Herzogtum Lauenburg aufgebaut. Der stationäre Bereich mit seinerzeit 50 Betten wurde trotz der bestehenden Pflichtversorgung konsequent an den Prinzipien einer offenen Psychiatrie ausgerichtet. Der sichtbare Erfolg dieses Konzepts war die Grundlage für die spätere Eröffnung von psychiatrischen Tageskliniken in Schwarzenbek und Mölln sowie der psychosomatischen Tagesklinik im Johanniter-Krankenhaus Geesthacht mit insgesamt 43 Plätzen. Die Tagesklinik in Geesthacht für Erkrankungen des psychosomatischen Formenkreises war dabei die erste ihrer Art in Schleswig-Holstein. Um die ambulante psychiatrische Versorgung gerade auch für die störanfälligsten und vulnerabelsten Patienten sicherzustellen können, hat man an jedem Standort Institutsambulanzen geschaffen. In Kooperation mit örtlichen Praxen wurde Ergotherapie als therapeutisches Mittel, eingesetzt im Lebensfeld des Betroffenen, für einen gelingenden Alltag entwickelt. Ausgehend von der Erkenntnis, dass jeder Mensch notwendig sein will bzw. jeder Mensch Bedeutung für andere haben möchte, haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der psychiatrischen Abteilung die Vereine „Verein Arbeit nach Maß“ und „Lebenswelten“ gegründet, die ihrerseits ein dezentrales Netz von Firmen aufgebaut haben, die einen Zuverdienst ermöglichen. Damit kann auch der kränkste Patient barrierefrei eine Tätigkeit bzw. Arbeit ausüben und sei es auch nur wenige Stunden am Tag. Aus dem Wunsch, jedem psychisch erkrankten Bürger auch eigenes Wohnen zu ermöglichen, entwickelte sich die „Immobilientherapie“. Als besondere Form von „Immobilientherapie“ wurden von der psychiatrischen Abteilung für alte Menschen, insbesondere für Bürger mit demenzieller Entwicklung, die nicht in ein Heim wollen bzw. nicht heimfähig sind, fortlaufend in Kooperation mit lokalen Pflegediensten ambulante Wohnpflegegruppen mit 24-Stunden-Assistenz (nach dem Kuratorium Deutsche Altershilfe als „Haushaltsgemeinschaften“ zu bezeichnen) gegründet, die dezentral über den Kreis verteilt sind. Eine nahtlose, kontinuierliche psychiatrische Versorgung der Bürger unabhängig von der Diagnose und dem Lebensalter im jeweiligen Lebensfeld gelang durch Schaffung fließender Übergänge zwischen den verschiedenen Elementen des psychiatrischen Versorgungsnetzes.

Das bis dahin Erreichte konnte 2007 nicht nur gesichert, sondern in wichtigen Punkten weiterentwickelt werden. Finanzielle Basis hierfür war ein mit den Krankenkassen ausgehandeltes regionales Budget für den gesamten Kreis Herzogtum Lauenburg. Die Krankenkassen stellten dem Johanniter-Krankenhaus Geesthacht eine Pauschalsumme zur Verfügung, um die Versorgung aller psychisch kranken Bürger in dieser Region sicherzustellen, und zwar unabhängig davon, ob die Patienten stationär, teilstationär, ambulant oder über mobile Kriseninterventionsteams versorgt werden. Pionierhaft wurde in Geesthacht die Theorie mobiler Kriseninterventionsteams als stationsäquivalente psychiatrische Behandlung entwickelt und in der Praxis erprobt. Über mobile Kriseninterventionsteams kann der „Ort des Lebens“ zum „Ort der Behandlung“ werden, qualitativ ohne weiteres vergleichbar mit einer Behandlung „auf Station“. Sobald mobile Kriseninterventionsteams vorhanden sind, muss kein Patient mehr „auf Station“, weil er auch in seinem Lebensfeld behandelt werden kann. Dieses therapeutische „Instrument“ eignet sich besonders gut für die Behandlung alter Menschen, weil diese sehr störanfällig für Veränderungen in ihrem alltäglichen Ablauf sind und sie die Verlegung in ein Krankenhaus zusätzlich verwirren könnte. „Über das regionale Budget gelingt es darüber hinaus, Menschen therapeutisch zu helfen, sehr persönliche Antworten auf Widerfahrnisse in ihrem Leben zu finden und dann zu konkreten Lösungen zu gelangen. Jeder psychisch erkrankte Bürger im Kreis kann dadurch zunehmend von jedem Ort der Region aus alle uns zur Verfügung stehenden Elemente des psychiatrischen Versorgungssystems passend nutzen“, sagt der heutige Chefarzt der psychiatrischen Abteilung, der die Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren vorangetrieben hat. Mittlerweile fügen sich in diesem Entwicklungsprozess alle bestehenden psychiatrischen Versorgungselemente zu einem organischen Ganzen zusammen, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Dieses „mehr“ lässt sich anhand von Fakten belegen. „2007 versorgten wir 1.749 Bürger - keine Fälle - im Kreis. 2016 waren es schon 2.184 Bürger. 2007 betrug die durchschnittliche Verweildauer 14 Tage, seit einigen Jahren bei uns ca. eine Woche. Bundesweit üblich sind 23 Tage. Trotzdem ist die Zahl der Wiederaufnahmen für den Kreis Herzogtum Lauenburg nicht angestiegen. Während bundesweit zwischen 40 und 66% der Patienten stationär wiederaufgenommen werden, waren es bei uns 2015 lediglich 25%. 2007 brauchten wir noch drei Stationen. Mittlerweile reicht für die Versorgung der 193.000 Bürger des Kreises eine Station mit 20 Betten aus – Europarekord, neben Birmingham und Triest. Im Krankenhausplan des Landes sind mittlerweile sogar nur noch 12 Betten für Psychiatrie und 8 für psychosomatische Behandlung vorgesehen. Kompensatorisch sind die teilstationären Plätze von 43 auf 82 angestiegen. Dabei ist der Medikamentenverbrauch erheblich zurückgegangen. Im Vergleich zu den anderen Ambulanzen in Schleswig-Holstein liegt er bei uns um 29% niedriger“, so Heißler weiter.