Kenia: Fluchtursachen auf der Spur (3)

Tag 3: Nahrungsmittelsicherheit durch neue Anbaumethoden

Heute trennt sich die Gruppe. Gladys und ich wollen noch einmal versuchen, das Dorf zu erreichen. Früher lebten die Menschen dort ausschließlich von der Viehzucht und zogen als Nomaden mit ihren Herden über das Land, von Weidegrund zu Weidegrund. Heute machen die zunehmenden Dürreperioden und die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Grenzregion das Überleben in dieser entlegenen Region immer schwieriger. Die Nomaden in Turkana konnten sich nicht mehr selbst versorgen und waren immer wieder auf Nahrungsmittelspenden angewiesen. 

Seit drei Jahren gehen die Johanniter dort einen anderen Weg: Sie versuchen, den Menschen zusätzliche Einkommensquellen zu verschaffen.300 Familien rodeten zusammen rund 40 Hektar Land. Es war komplett mit Dornenbüschen überwuchert, keine andere Pflanze hatte eine Chance. Unter Anleitung der Mitarbeiter von AICHM lernten die Nomaden den Anbau und die Pflege der Sorghum-Hirse zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage. Nun wollen wir uns selber davon überzeugen, wie es mit dem Ackerbau läuft. 

Vier Kollegen unserer Partnerorganisation AICHM begleiten uns. In zwei Jeeps brechen wir auf. Diesmal eine andere Route, aber nicht minder eindrucksvoll. Eine Straße gibt es wieder nicht, es geht über einen Trampelpfad durch die wunderschöne Savannen -Landschaft. Wir kommen immer wieder an kleinen Dörfern mit Rundhütten vorbei. Viehhirten treiben ihre Ziegen zur nächsten Wasserstelle. Kinder und Frauen transportieren Wasser oder Brennholz. Immer wieder fahren wir an Kamelherden vorbei.

Nach rund drei Stunden sind wir auf einmal da. Nun sind wir nur noch einen Katzensprung von der Südsudanesischen Grenze entfernt. Eine Gruppe von Menschen kommt auf uns zu. Als ich die Autotür öffne, höre ich, dass die Gruppe laut singt. Es sind die Mädchen des Dorfes, die uns begrüßen und unter Gesang und Tanz auf den Dorfplatz führen. 

Dort geht die Begrüßung weiter. Natürlich dürfen wir nicht nur zuschauen, sondern auch mitmachen. Viele Lieder werden angestimmt, immer unter der Regie des Dorfchefs. Mir fällt das achtspitzige Kreuz der Johanniter auf: Einige Dorfbewohner tragen das Logo auf ihren Hütten, einige tragen Johanniter-Westen. Nun geht es auf das Feld. Eine Gruppe von Frauen und ein paar Meter davon entfernt auch eine Gruppe von Männern haben unseren Besuch schon erwartet. Wieder werden wir musikalisch begrüßt. Jede Familie hat auf dem riesigen Feld ihre eigene Anbaufläche. Noch sieht man auf den Feldern nicht viel. Die Turkana erwarten die Regenzeit, um dann neu aussähen zu können. Einige Maispflanzen stehen noch aus dem letzten Jahr. Ich komme mit Magret ins Gespräch. 

Sie ist die Vorsteherin des Farm-Komitees. Sie erzählt mir von dem langen Weg bis zur ersten eigenen Ernte: Als alle Pflanzen in voller Blüte standen, wollten ihre Mitstreiter vom Vieh-Komitee die Ziegen auf die Felder lassen. Nur mit Mühe konnten sich die Frauen durchsetzen, einen Teil der Ernte nicht zu verfüttern, sondern als Saatgut für die nächste Aussaat aufzubewahren. Aber die Mühe hat sich gelohnt: In diesem Jahr musste die Dorfgemeinschaft keine Tiere verkaufen, um Mais und Hirse zu kaufen. Die eigene Ernte hat ausgereicht, um alle zu ernähren.

Tag 4: Rückkehr nach Deutschland

Heute geht es schon wieder zurück nach Deutschland. Zurück über die Schotterpiste in die Distrikthauptstadt, dann mit der Propellermaschine nach Nairobi und dann über Nacht zurück nach Berlin. Die Bilder von gestern sind noch ganz lebendig. Ich frage mich, wie lange die Menschen in der Region Turkana noch so leben werden. Ohne Strom, ohne medizinische Versorgung und ohne eine Schule für alle Kinder. Ich frage mich, ob in 20 Jahren noch jemand die Chance haben wird, diese fröhliche und starke Dorfgemeinschaft kennenlernen zu können. Ich bin mir nicht sicher. Dafür weiß ich, dass Projekte wie diese den Menschen in dieser entlegenen Region helfen können, nicht selber zum Flüchtling zu werden und ihnen damit hoffentlich ein Leben im Flüchtlingslager erspart bleibt.

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