Der falsche, richtige Adventskranz

Der etwas andere Adventskranz von Johann Hinrich Wichern (1808–1881), dem evangelisch-lutherischen Theologen, Erzieher und Mitbegründer der Inneren Mission und Begründer der Evangelischen Diakonie.

Natürlich weiß ich, dass die Weihnachtszeit eigentlich erst am 25. Dezember beginnt. Und eigentlich – wenn man es genau nehmen will – ein Adventskranz in die Foyers und ein Stern vor die Gebäude gehört. Der inzwischen so verbreitete Weihnachtsbaum gehört da eigentlich gar nicht hin. Denn vor der weihnachtlichen Festzeit steht seit der Antike eine Fastenzeit, eine Zeit der Besinnung und Ruhe, vor Ostern die Passionszeit und vor Weihnachten eben die Adventszeit.

Der Stern erinnert an das, was kommt; die Kerzen des Kranzes gliedern die Zeit des Wartens. Man muss es ja nicht gar so üppig treiben wie eine Stiftung in der Mitte Berlins, die jedes Fenster ihrer rekonstruierten Fassade aus dem neunzehnten Jahrhundert mit einem Stern dekoriert und das ganze auch noch adventlich lila ausleuchten lässt. Wer je einmal versucht hat, einen einzelnen Herrnhuter Stern aus den einzelnen Papierzacken zusammen zu stecken und es glücklich zu Ende gebracht hat, weiß nicht nur, wie benachbart Freude und Erleichterung sind. Man freut sich dann auch schon über einen Stern.

Auch beim Adventskranz können wie beim Herrnhuter Stern allerlei Fehler passieren. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal in einer Institution, für die ich Verantwortung trug, bat, einen Adventskranz aufzuhängen. Am Freitag vor dem ersten Advent sah ich, als ich das Gebäude ins adventliche Wochenende verließ, einen prächtigen Kranz, der gehalten von breiten, lila Bändern, von der Decke herab hing. Buschige, frische Zweige, elegant dekoriert. Ein Adventskranz nach meinem Geschmack. Dachte ich. Bis ich bemerkte, dass er zwölf statt vier großen lila Kerzen trug. „Vier Kerzen sehen so mickrig aus“, sagte der Hausmeister, der für das sehr besondere Kunstwerk verantwortlich war. „Vier Kerzen sehen so mickrig aus, da habe ich an den vier Stellen jeweils drei Stück nebeneinander gestellt“.

Dieser besondere Adventskranz hing nicht nur ein Jahr in der Eingangshalle des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität Unter den Linden. Und war eigentlich ein bezauberndes Zeichen für die typische unkonventionelle Berliner Spontaneität und erinnerte mich immer daran, dass die schönsten Weihnachtsgeschenke eigentlich die gänzlich unerwarteten, vollkommen überraschenden Präsente sind. Und so schenkte mir der falsche Adventskranz immer vor Weihnachten einen wunderbaren Vorschein des Weihnachtsfestes – wie es sich für einen richtigen Adventskranz gehört.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies, Ordensdekan des Johanniterordens