Ständig erreichbarer Rettungsdienst als bequemer Helfer in allen Krankheitslagen?

Hannover, 05. März 2018

Dr. Andreas Flemming referierte zum Thema "Notfallkrankenwagen - Möglichkeiten, Grenzen, Kosten".
Foto: Johanniter/Linus Mandl

Über 500 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet besuchten am 3. März das 20. Hannoversche Notfallsymposium der Johanniter-Unfall-Hilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Neben medizinischen Referaten zur „Notfallhypnose im Rettungsdienst“, Herzinsuffizienz oder richtigen Anwendung von Sauerstoff bei bestimmten Krankheitsbildern lag ein Hauptschwerpunkt der Fortbildungsveranstaltung auf der immer bedeutender werdenden Rolle der Kommunikation im Einsatzfall und auf der Zukunftsperspektive des hochkompetenten Notfallsanitäters: Zwar steigen allgemein die Einsatzzahlen, aber nicht die der akuten Notfälle, sondern die der „normalen“ Krankheitssituationen. Der Bürger lässt sich außerhalb der Erreichbarkeit seines Hausarztes – auch in Bagatellfällen – lieber zur Sicherheit ins Krankenhaus transportieren und sorgt dort unwillkürlich für eine Überfüllung der Notaufnahmen.

Notfallsanitäter – auch ein sozialpflegerischer Beruf

Gastgeber Kersten Enke, Leiter der Johanniter-Akademie Bildungsinstitut Niedersachsen/Bremen, eröffnete das Symposium mit seinem Vortrag „Und was bringt das nun? Notfallsanitäter – mit Kompetenz aber ohne Notfall?“. Ein überaus hochaktuelles Thema, da zunehmend die 112 zweckentfremdet kontaktiert und der Rettungsdienst quasi als Taxi missbraucht wird. Allein 75 Prozent der sogenannten Notfalleinsätze haben keine Indikation für die Entsendung eines Rettungswagens. 40 Prozent sind sogar psychologisch überlagert. Ärztemangel, der geringe Bekanntheitsgrad des kassenärztlichen Notdienstes und eine alternde Bevölkerung sind nur drei der vielen Faktoren, die zu diesem Problem beitragen.

„Wähl’ die 112 und Hilfe kommt sofort!“ –  der Rettungsdienst entwickelt sich zum niedrigschwelligen und ständig verfügbaren Service für die Bevölkerung! Damit liegt die Primärversorgung außerhalb der Öffnungszeiten von Hausarztpraxen zum großen Teil beim Rettungsdienst und damit auch zunehmend bei den hochqualifizierten Notfallsanitätern. Doch wie sollte dieser Problematik begegnet werden? Enke rät, den Part der Sozialkompetenz des Notfallsanitäters noch weiter auszubauen. Auch wird sich bis 2030 die allgemeine Situation eher noch zuspitzen – angesichts der fortschreitenden Alterung der Babyboomer-Generation. Vernetzen mit anderen Gesundheitsfachberufen, Kommunizieren, Beraten und Interagieren werden für den Berufsstand der Retter immer wichtiger. „Der Notfallsanitäter ist auch ein sozialpflegerischer Beruf. Dieses Bewusstsein sollte geschärft werden“, sagt Enke. „Wir müssen die Gatekeeper-Funktion des Notfallsanitäters nutzen und ein stärkeres Augenmerk auf das Screening des Hilfeersuchens legen.“ Schließlich sei der Notfallsanitäter oft der erste und einzige Ansprechpartner für Hilfesuchende, und ein Strategiewechsel, d.h. weg von der zwangsläufigen Einlieferung in eine Klinik, unerlässlich. Die zukunftssichere Ausbildung müsse sich nicht nur auf akute Fälle von Polytraumata oder Reanimationen fokussieren, sondern die Lotsenfunktion in den Vordergrund stellen. Auch seien Konzepte mit Notfallkrankenwagen oder Gemeindesanitäter weiterzuverfolgen.

Kurz, klar, konkret, konstruktiv und kontrolliert: Kommunikation ist fast alles

Prof. Dr. Gordon Heringshausen von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin referierte zum Thema „Kooperative Kommunikation: Die Sprache der Zusammenarbeit“. Ganz gleich ob im Team oder als Führungsqualifikation, wer fähig ist kooperativ zu kommunizieren, wird durch die verbesserte Eigenwahrnehmung auch das Miteinander fördern. Der Beruf des Retters berge insbesondere in der Akutsituation hohe Herausforderungen, aber auch ein hohes Konfliktpotenzial. Auch wer meine, sich „glasklar“ auszudrücken, stehe doch manches Mal verblüfft vor Verständnisproblemen. Außerordentlich viele unterschiedliche Gesprächspartner (Patient, Ärzte, Pfleger, Einweisende, Polizei, Feuerwehr, Leistelle etc.), scheinbar mangelnder Respekt, verschiedene Kommunikationsstile, unterschiedliche Fachausdrücke, andere Ziele, hoher Stresspegel usw. führten häufig zu unnötigen Irritationen. Deswegen empfiehlt der Verhaltenswissenschaftler Heringshausen unbedingt, sich eingehend mit den Aspekten der Kommunikation auseinanderzusetzen und den gemeinsamen Nenner, den Patienten, gut versorgt zu wissen, nicht aus dem Auge zu verlieren. Positive Formulierungen gegenüber den Betroffenen, gegenseitige Akzeptanz der Kompetenzen und Gleichberechtigung der Disziplinen, klar verteilte Rollen, Flexibilität und Aufgeschlossenheit – das Kennen des „Partners“ und seiner Aufgaben – können Konflikte minimieren. Kooperation als Schlüsselanforderung und Grundvoraussetzung vereinfachen die Zusammenarbeit – mit den bekannten fünf Ks der Kommunikation (kurz, klar, konkret…).

Rettungsdienst & Leitstelle – Freunde fürs Leben!

Als mitreißender Redner erwies sich wieder einmal Achim Hackstein, Leiter Kooperative Regionalleitstelle Nord. Diesmal unterhielt er das Publikum mit seinen Ausführungen über das reale Miteinander von Leitstellendisponenten und Rettungsdienstmitarbeitern. In seinem Vortrag warb Hackstein für mehr Verständnis zwischen den Partnern. „Die Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und Leitstelle ist nicht immer von Harmonie geprägt, oftmals treffen viele verschiedene Blickwinkel und Bedürfnisse auf eine Einsatzentscheidung der Leitstelle zusammen“, erklärte Hackstein und führte fort: „Auch die Leitstelle kann nicht immer die Bedürfnisse des Rettungsdienstes gut einschätzen. Das grundsätzliche Problem scheint zu sein, dass der Arbeitsplatz des Partners, mit allen seinen Herausforderungen, nicht eingeschätzt werden kann.“ Hackstein warb für gegenseitige Hospitationen, Schulungen und auch für den Austausch bei fachlichen Stammtischen. Das Kennenlernen der Perspektive des anderen vereinfache die Kommunikation und mache „gemeinsam stark!“

Ein Modellversuch: Hannoverscher Notfallkrankenwagen

Dr. med. Andreas Flemming, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Landeshauptstadt Hannover, widmete sich in seinem Vortrag „Notfallkrankenwagen – Möglichkeiten, Grenzen, Kosten“ ebenfalls dem Thema der ansteigenden Rettungsdiensteinsätze. Die Stadt Hannover setzt im Rahmen eines zweijährigen Pilotprojekts zwei Notfallkrankenwagen (NKTW) 24/7 – also rund um die Uhr – als zusätzliche Rettungsmittel ein. Dabei handelt es sich um genormte Krankenkraftwagen (Typ B Ambulanz), die u.a. nicht nur für den Patiententransport, sondern auch für die notfallmedizinische Erstversorgung ausgestattet sind. Aktuell stellen die Johanniter Mitarbeiter und Fahrzeuge.

Hintergrund ist, dass auch in Hannover der Rettungsdienst viele Einsätze übernimmt, bei denen keine unmittelbar lebensbedrohliche Situation vorliegt oder schwere Gesundheitsschäden zu erwarten sind. Hierbei handelt es sich grundsätzlich um Einsätze ohne Sondersignal. Die Übernahme dieser weniger zeitkritischen Einsätze könnten die RTW entlasten und eine kontinuierlich steigenden Bedarf abfedern. Damit steht ein zusätzliches Rettungsmittel zur Auswahl. Die Entscheidung über den Einsatz im Einzelfall treffe die Leitstelle nach Vorgaben des Ärztlichen Leiters Rettungsdienst. Neben dem Ausbleiben einer Vitalbedrohung (ABCDE-Schema) sei die Transportfähigkeit des Patienten ein Kriterium für den Einsatz. Eine gute Abfrage und genaue Einschätzung der Situation sei ausschlaggebend für den Erfolg des Ganzen. Der Notfallkrankenwagen ist mit zwei Rettungssanitätern besetzt, von denen einer zukünftig über eine Zusatzqualifikation verfügen soll, deren Definition ein Teil der wissenschaftlichen Auswertung des Projekts sei (Rettungssanitäter/RS plus), so Flemming. Bis dahin kommt ein Rettungsassistent als zweiter Mitarbeiter zum Einsatz.

Kurzes Zwischenfazit nach den ersten vier Monaten: Durch Disposition von „Einsätzen ohne Sondersignal“ konnten die RTW-Einsätze (ohne Sondersignal) im Vergleichszeitraum reduziert werden. Notarztnachforderungen waren minimal und der NKTW wurde auch kaum als „aufgepeppter Krankentransport“ missbraucht. Die nächsten anderthalb Jahre werden zeigen, welche medizinische Maßnahmen ergriffen werden müssen und über welche erforderlichen Kompetenzen der RS plus verfügen muss. Außerdem soll der Bedarf bemessen und auch Wirtschaftsberechnungen durchgeführt werden. Das Projekt wird wissenschaftlich durch zwei Bachelorarbeiten der Akkon-Hochschule Berlin begleitet.

Aus der Praxis für die Praxis

Abgerundet wurde das Vortragsprogramm durch drei interaktive Fallbeispiele und sieben Workshops nach dem Motto „Aus der Praxis für die Praxis“. Thematisiert wurden in den Fallbeispielen Schwangere mit Atemnot (Dr. med. Hans-Peter Reiffen), der Motorradunfall (Dr. med. Oliver Keil) sowie der Kindernotfall (Dr. med. Holger Guericke). Die Workshops behandelten Themen wie Notfallhypnose im Rettungsdienst, Notfallsonografie, Thoraxdrainage, Atemwegsmanagement oder Führung im Rettungsdienst.

 Das Hannoversche Notfallsymposium

Die Fortbildungsveranstaltung für Notärzte und Fachleute aus Rettungsdienst, Notfallvorsorge und Intensivmedizin wird jährlich vom Landesverband der Johanniter-Unfall-Hilfe veranstaltet. Vorläufer war eine regionale Veranstaltung (seit 1992), die ab 1998 Schritt für Schritt zum nationalen Fachsymposium – auch durch die Zusammenarbeit mit der MHH – weiterentwickelt wurde. Die von der Johanniter-Akademie Bildungsinstitut Niedersachsen/Bremen in Kooperation mit den Kliniken für Anästhesiologie und Intensivmedizin und der Klinik für Unfallchirurgie organisierte Fachtagung zeichnet sich durch hochkarätige Referenten und ein breit gefächertes Programm aus aktuellen Themen und praxisnahen Workshops aus. Zusätzlich können sich die Teilnehmer bei den mehr als 30 Aussteller aus dem Bereich der Medizinprodukte und -geräte über Produktneuheiten, Dienstleistungen oder Studiengänge für ausgebildete Notfallsanitäter informieren.

Eindrücke vom 20. Hannoverschen Notfallsymposium

Ihr Ansprechpartner PR / Medienservice