Nachgefragt: Der Notfallsanitäter in Niedersachsen – wie schaut’s aus?

Hannover, 05. Januar 2018

Interview mit Kersten Enke, Leiter der Johanniter-Akademie Bildungsinstitut Niedersachsen/Bremen und erster Notfallsanitäter Niedersachsens, zum aktuellen Sachstand der Notfallsanitäterausbildung, dem Personalmangel im Rettungsdienst und den Auswirkungen der Telemedizin auf das Berufsbild.

Rückblickend auf die letzten drei Jahre - wie sieht der aktuelle Sachstand bei der Umsetzung des neuen Berufsbildes zum Notfallsanitäter aus?

Enke: Wir haben in Hannover an der Johanniter-Akademie im Augenblick 160 Schüler in drei Jahrgängen. Das erscheint erstmal viel. Wir müssen aber auch die Fluktuation von den älteren Kollegen ersetzen, die z.B. in den Ruhestand gehen. Es kommen jetzt viele an die Altersgrenze, die im Rettungsdienst 65 Jahre beträgt, im Gegensatz zur Feuerwehr, bei der die Mitarbeiter bereits mit 60 Jahren in Pension gehen können. Da haben unsere Mitarbeiter ein größeres Päckchen zu tragen.

Die Notfallsanitäter-Ergänzungsprüfungen laufen planmäßig. Wir sind da gut in der Zeit. Man muss auch im Blick behalten, dass der Rettungsdienst deutlich mehr Einsätze abwickelt als noch vor zehn Jahren. Wir haben bundesweit die Entwicklung von ungefähr 50 Prozent Einsatzanstieg innerhalb der letzten zehn Jahre. Und daraus resultiert natürlich auch ein Anstieg der Rettungsfahrzeuge. Jedes Jahr werden mehr Rettungswagen etabliert. Und wir brauchen deutlich mehr Personal, um die Wagen zu besetzten. Da müssen wir gegen an ausbilden – das ist schon ein Kraftakt. Hier müssen die Kostenträger, die Hilfsorganisationen, Behörden wie die Landesschulbehörde, die für die Ausbildung zuständig ist, das Niedersächsische Innenministerium, das für den Rettungsdienst verantwortlich ist, eng und gut verzahnt zusammen arbeiten.

Wie sieht es in den nächsten drei Jahren aus? Ist 2020 mit einem Personalmangel im Rettungsdienst zu rechnen?

Enke: Ja, das bildet sich schon ab. Laut Medienberichten haben wir in Süddeutschland schon einen akuten Personalmangel im Rettungsdienst. In Norddeutschland ist es definitiv auch so, dass Stellen deutlich schwerer besetzt werden. Früher hatte man in der Personalabteilung einen großen Karton mit Bewerbungen, aus dem man einfach den Bewerber seiner Wahl herausziehen konnte. Heute nicht mehr. Das hat sich schon deutlich verändert.

Wie sind wir in Niedersachsen aufgestellt?

Enke: Wir sind in Niedersachsen gut aufgestellt. Wir sind auch in Deutschland gut aufgestellt. Ich denke, dass sich der Rettungsdienst hier auf einem recht hohen Niveau bewegt. Wir brauchen uns da nicht zu verstecken. Wir müssen aber dafür sorgen, dass wir diesen Beruf auch zukünftig attraktiv halten. Wir müssen uns um den Nachwuchs bemühen und den Rettern auch entsprechende Aufstiegschancen anbieten. Letztendlich kann nicht jeder Medizin studieren. Das würde auch zu einem großen Kompetenzverlust an jungen Kräften führen.

Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, um dem Personalmangel entgegenzuwirken?

Enke: Ich will nicht sagen, wir sind am Limit. Wir haben immer noch Kapazitäten, die sind aber nicht unendlich. Es macht auch keinen Sinn immer neue, immer mehr Retter zu qualifizieren. Man muss an den Stellschrauben unten ansetzen. D.h. die Rettungsfahrzeuge müssen vernünftig disponiert werden. Das bedeutet, dass nicht zu jeder Befindlichkeitsstörung gleich ein Rettungswagen geschickt werden muss. Der Bürger muss aber auch informiert werden. Wir erleben es zunehmend, dass für Lappalien der Rettungsdienst gerufen wird – für Dinge, die durchaus noch einen Tag Zeit haben und für die man ohne Probleme am nächsten Tag zum Hausarzt gehen kann oder vielleicht mal drei Stunden auf den Kassenärztlichen Notdienst warten kann. Wird hier die 112 gewählt, dann wird damit ein hochmodernes Rettungsmittel gebunden, das so für den akuten Notfall nicht zur Verfügung steht. Da müssen wir ansetzen.

In Hannover gibt es den Versuch des Notfallkrankenwagens, der die Rettungswagen entlasten soll. Er ist nicht nur für den Patiententransport, sondern auch für die medizinische Behandlung ausgestattet und übernimmt weniger zeitkritische Einsätze. Im Bereich Ammerland soll es den Gemeindenotfallsanitäter geben, der in der Primärversorgung eine Filterfunktion hat und entscheiden soll, ob der Patient einen Tag wartet, um dann den nächsten Tag zum Hausarzt zu gehen oder aber ihn zum Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst schickt. Das sind alles Ansätze, die hoffnungsvoll stimmen, die aber auch nötig sind, damit der Rettungsdienst weiterhin funktionsfähig bleibt.

Wird zukünftig die Telemedizin Auswirkungen auf das Berufsbild haben?

Enke: Nein, ich denke nicht. Die Telemedizin ist auch kein Königsweg bzw. Allheilmittel. Ich halte die Telemedizin für sehr sinnvoll, vor allem im Bereich von extremen Einsatzsituationen wie z.B. auf Windparks in der Nordsee. Die Johanniter sind hier im Bereich der Offshorerettung tätig. Die Notfallsanitäter sind teilweise tagelang auf sich alleine gestellt. In der Großstadt ist sowas sicherlich nicht erforderlich. Mit den sehr kurzen Transportzeiten kommen wir ohne Telemedizin aus und die meisten Geräte, die wir einsetzen – wie z.B. Defibrillatoren – haben auch intelligente Interpretationssysteme, die etwa Herzinfarkte auf Facharztniveau erkennen können und die Daten dann auch über ein Smartphone in die Klinik schicken können, wenn dort Bedarf besteht.

Ich denke, es ist wichtig, dass man das Rettungspersonal unter Nutzung der vorhandenen Rettungsmittel und Technik adäquat ausbildet.

Wir brauchen auch nicht unnötige Notarzteinsätze. Es ist die gleiche Situation, die wir beim Rettungswagen erleben. Viel zu oft werden Notärzte für Einsätze verlangt, die gar keine Notarztindikation darstellen. Man spricht von ungefähr 75 Prozent der Notarzteinsätze, die nicht indiziert sind. Das heißt, in Zukunft wird es sicherlich weniger Notarztanforderungen geben, dafür aber qualifiziertere. Es ist ein wichtiger Weg, auch um dem Notarztmangel irgendwie Paroli zu bieten.

Die Aufgaben eines Notfallsanitäters

Ausbildung zum Notfallsanitäter an der Johanniter-Akademie Bildungsinsitut Niedersachsen/Bremen

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