Geflüchtete starten in SAL-Kurs an der Johanniter-Akademie in Hannover

Hannover, 18. August 2017

Gemeinsam mit dem ASB bieten die Johanniter Geflohenen eine Ausbildung zum Rettungssanitäter an

Johanniterin Nastassja Bracke (in Rot) und Samariter Dominik Ritter (6. v. li., stehend) haben das Projekt federführend geplant. Daher freuten sie sich besonders, die Teilnehmer in der Johanniter-Akademie mit zu begrüßen. (Foto: Johanniter/Tanja Quedenbaum)

Am 12. Juni begannen die 21 Teilnehmer mit Migrationshintergrund die 14-monatige Weiterbildung an der Johanniter-Akademie in Hannover. Begrüßt wurden sie von Nastassja Bracke, Projektleiterin und Pädagogin an der Johanniter-Akademie, und Dominik Ritter, Sozialpädagoge beim ASB, die federführend das Ausbildungsprogramm "SAL - Schutzsuchender als Lebensretter" ins Leben gerufen haben. Neben 20 Männern wagt auch eine junge Frau den Schritt in ein neues Leben in Deutschland. Die Berufsperspektiven sind vielfältig und die Chance, mit der Ausbildung im Anschluss einen Arbeitsplatz zu finden, stehen nicht schlecht. Die angehenden Rettungssanitäter kommen aus dem Irak, dem Iran, Syrien und Afghanistan. Einige von ihnen haben medizinische Vorkenntnisse und möchten mit dem Ausbildungsangebot die Wartezeit auf ein Medizinstudium verkürzen, andere haben keine Erfahrungen und fangen neu an - in der Hoffnung auf ein neues (Arbeits-)Leben in Frieden.

Majed Haji-Abdullah (23) aus dem Irak hat in seinem Leben schon viel gearbeitet. Als ältester Sohn seiner Eltern kümmerte er sich schon mit neun Jahren um seinen herzkranken Vater, mit zwölf half er täglich auf der Tankstelle seines Onkels und zur Schule ging er auch noch. Schon als Kind beschloss Majed: "Ich will später Arzt werden." Dann kamen die Islamisten. Mitten in seinen Schulabschlussprüfungen musste Majed abbrechen und aus seiner Heimat flüchten. Inzwischen lebt er mit seiner Mutter und drei Geschwistern in der Südstadt Hannovers. Er hörte von dem SAL-Programm und bewarb sich sofort. "Als die Zusage kam, habe ich gefeiert", sagt der junge Mann. Diese Ausbildung sei ein riesengroßes Glück: "Ich kenne so viele Leute aus meinem Land, die trotz einer guten Ausbildung jetzt auf Baustellen oder in Restaurants arbeiten und keine Chance bekommen." Seinen Traum gibt Majed nicht auf. Nach der Ausbildung zum Rettungssanitäter will er Medizin studieren und Arzt werden.

Als er noch im Irak lebte, arbeitete Hassan Dhahi Aday (23) als Buchhalter. Aber das ist eine gefühlte Ewigkeit her. Mit seiner Familie floh er in die Türkei, lebte dort mehr als drei Jahre lang, ging wieder zurück in den Irak und beschloss nach diesem Hin und Her irgendwann, dass seine Zukunft nur in Europa liegen kann. Er floh alleine, schaffte es mit dem Boot über das Mittelmeer und lebt jetzt in einer Wohngemeinschaft in Hannover-Mitte. "Das ist so cool", sagt Hassan über die Ausbildung zum SAL. "Deutschunterricht, eine Berufsausbildung und dann noch den Führerschein!" Noch wichtiger aber ist für Hassan die Perspektive für seine Zukunft: "Wenn ich SAL schaffe, möchte ich noch den Notfallsanitäter machen", sagt er, das ist die anspruchsvolle, dreijährige Ausbildung im Rettungswesen.

Er spricht sehr gut Englisch und arbeitete im Irak als Dolmetscher für die US-Armee. Als der IS kam, war für Farhad "Sam" Sharif klar, dass er weggehen muss, um zu überleben. Im Oktober 2015 kam der heute 34-Jährige nach Deutschland. Die Ausbildung SAL ist das letzte i-Tüpfelchen auf seinem Glück. Sam verliebte sich in Jenny. Seine deutsche Freundin hilft ihm täglich beim Kennenlernen des Landes und der fremden Sprache. Beim TuS Ricklingen fand er als Torwart in der Altherren-Mannschaft schnell neue Freunde. Wie es mit ihm weitergeht, kann Sam noch gar nicht sagen: "Erstmal möchte ich SAL schaffen und arbeiten", sagt er.

Bestandteil bei SAL ist neben dem medizinischen Unterricht der berufsbezogene Deutschunterricht sowie Praktika in Rettungswachen der Johanniter sowie des ASB und die kontinuierliche sozialpädagogische Betreuung der Teilnehmer. Die Ausbildung findet in drei Modulen statt: Zuerst erfolgt die dreimonatige Ausbildung zum Sanitätshelfer, anschließend die zehnmonatige Ausbildung zum Rettungssanitäter und schließlich wird nach vierwöchigem Unterricht in der Fahrschule der Führerschein Klasse C1 erworben. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, bereits innerhalb der Maßnahme den Führerschein Klasse B zu machen.

Der Kurs "SAL - Schutzsuchender als Lebensretter" ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) und dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in der Region Hannover. Die Kosten werden teilweise durch die Agentur für Arbeit/das Jobcenter und zum größten Teil durch die Kooperationspartner getragen. Parallel engagieren sich die Geflüchteten im Bevölkerungsschutz in verschiedenen Ortsverbänden der beteiligten Organisationen und sammeln so weitere wertvolle praktische Erfahrungen.

Neben dem SAL-Kurs gibt es für Geflüchtete noch weitere Möglichkeiten, sich in der deutschen Berufswelt umzuschauen. Im Kindergarten helfen, im Krankentransport oder Menüdienst arbeiten, in der Pflege assistieren - es gibt viele verschiedene Arbeitsorte. Um in diese Bereiche reinzuschnuppern, hat der Bund Ende 2015 das Sonderprogramm Bundesfreiwilligendienst (BFD) mit Flüchtlingsbezug ins Leben gerufen. Hier gibt es noch viele offene Stellen zu besetzen, so auch bei den Johannitern in Hannover.