Kannten Sie meinen Vater?

Wenn Kinder trauern.

Bei Lacrima finden Kinder einen geschützten Raum, in dem sie über ihre Trauer sprechen können.

von Jo Klemens

Es ist später Nachmittag. Im noch leeren Turnraum des Kindergartens ist ein Kreis aus Sitzkissen ausgelegt, in dessen Mitte liegen Kerzen und Karten mit Engels- motiven. Eine große Handpuppe, Oskar genannt, und ein Stofflöwe liegen auch im Kreis. Die Utensilien schaffen eine beruhigende Atmosphäre, einen kleinen geschützten Ort zum Wohlfühlen.

Gleich kommen Naomi, Vanessa, Marlen, Lea, Paul und Diyar herein. Ich bin angespannt, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Alle Kinder haben vor kurzem Vater, Mutter oder Geschwister verloren. Sie kommen bei Lacrima zusammen,  um Raum und Zeit zum gemeinsamen Trauern zu haben. „Es ist keine Therapie“, wurde ich zuvor eingewiesen, „denn Kinder trauern anders als Erwachsene.“ Ich soll nun dabei sein, mich dazusetzen, davon erzählen, wie es mir ging, als ich einen lieben Menschen verlor.  Wie soll ich mich verhalten und werden sie mich akzeptieren?

Dann ist es soweit, nach und nach füllt sich der Raum. Wir setzen uns im Kreis zusammen. „Ich bin Jo“, beginne ich, „und ich habe ein klein wenig Angst“. Damit ist das Eis gebrochen und ich fühle mich direkt wohler. Die Kinder erzählen, was sie über Ostern erlebt haben. Anschließend  zünden sie der Reihe nach eine Kerze für ihre verstorbenen Angehörigen an. Das ist das Ritual, mit dem jedes Treffen bei Lacrima beginnt. Die kleine Naomi ist erst 4 Jahre alt. Ihre Mutter erlitt eine Hirnblutung  und verstarb nach wenigen Wochen im Koma. Jetzt sitzt Naomi hier mit ihren Geschwistern im Kreis und spricht darüber. Vanessa hatte einen kleinen Bruder, der mit nur vier Monaten am plötzlichen Kindstod starb. Diyar hatte eine Schwester, die sich vor kurzem das Leben nahm.  Nach dem Kerzenritual zieht jedes Kind eine Engelskarte vom Stapel und liest vor, was darauf steht. Die Karten helfen den Kindern ihre Gedanken mitzuteilen. „Was denkst Du über den Tod“, steht auf meiner Karte. „Eine ganz schwierige Frage“, sage ich. „Es kommt mir vor, als ob der Tod immer näher kommt, je älter man wird und häufiger dran denkt“, fahre ich fort. „Was für eine blöde Antwort“, denke ich mir, aber in dieser Situation….

Nach der Gesprächsrunde wird den Kindern eine gemeinsame Aktivität angeboten. Heute werden in einem Nebenraum Blumentöpfe mit bunten Farben bemalt und anschließend Blumenzwiebeln für die Verstorbenen darin eingepflanzt. 

Jo Klemens zu Besuch bei Lacrima.

Die Schicksale berühren mich zutiefst. Doch trotz allem strahlen die Kinder einen starken Lebensmut aus und ich frage mich, wie ihnen das gelingt.
Ich unterhalte mich mit einer der ehrenamtlichen Betreuerinnen. „Es macht mir zu schaffen, die Kinder zu erleben“, gesteht mir eine von ihnen. „Ich hoffe, dass ich mich davon freimachen kann.“ Und dann sagt sie noch etwas ganz Bewegendes: „Wir lernen von diesen Kindern“. Auf meine Frage, warum sie sich in dieser Arbeit ehrenamtlich engagiert, sagt sie mir: „Weil mir Kinder wichtig sind. Und weil wir doch alle unsere Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben. Trauerarbeit, so etwas gab es früher nicht. Wir müssen Kinder dafür sensibilisieren, dass Tod und Trauer zum Leben dazu gehören.“ 

Nach zwei Stunden gehen die Kinder mit ihren Angehörigen wieder nach Hause. Da kommt ein Mädchen, Lea, noch einmal auf mich zu und fragt: „Kannten Sie meinen Vater? – er war ehrenamtlicher Sanitäter bei den Johannitern“. Ich sehe die Enttäuschung in ihren Augen, als ich ihr erkläre, dass ich weit weg in Berlin lebe und ihn nicht kannte — wie gerne hätte ich ihr etwas über ihren Vater erzählt.

 

Jo Klemens ist Leiter der Fundraising-Abteilung in der Bundesgeschäftsstelle der Johanniter in Berlin. Im Mai 2011 besuchte er Lacrima in Darmstadt/Dieburg.

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