13.08.2021 | Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen - Campus Hannover

Nichts von der Stange – Johanniter stellen zwölf Gerätewagen Sanität mit neuem Beladungskonzept in den Dienst

In den überwiegenden Fällen erfordern Bevölkerungsschutzeinsätze und MANV-Einsätze einen hohen Grad an Flexibilität.

Einsatzlagen können sich in kürzester Zeit dynamisch verändern und müssen bewältigt werden – eine besondere Herausforderung an Mensch und Material. Dieser begegnet die Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. (JUH) in Niedersachsen und Bremen mit einem neu entwickelten Gerätewagen Sanität Johanniter (GW-San JUH). Offensichtlich unterscheidet sich der neue GW-San JUH in erster Linie durch ein kleineres Führerhaus. Anstelle einer sechssitzigen Truppkabine findet dort nur der Fahrer samt Beifahrer Platz. Doch der Zehntonner auf Basis eines MAN-Fahrwerks mit den Maßen 7,9 Meter Länge, 2,3 Meter Breite und 2,75 Meter Höhe hat es in sich.

Zehntonner mit optimiertem Innenleben

„In den zurückliegenden zwei Jahren haben wir ein Fahrzeug mit einem neuen und flexiblen Beladungskonzept entwickelt. Das gesamte Material kann jetzt von nur einer Einsatzkraft bequem abgeladen werden, und das Fahrzeug kann anschließend als weitere Transportkomponente genutzt werden“, sagt Thorsten Ernst, Bereichsleiter Einsatzdienste der Johanniter im Landesverband Niedersachsen/Bremen.In der materiellen Bestückung ist den Vorgaben der Konzeption des Landes Niedersachsen für den Katastrophenschutz gefolgt worden – angelehnt an die Materialausstattung der Gerätewagen Sanität Bund.

In zwei Jahren von der Planung zum fertigen Fahrzeug

Insgesamt wurden in den vergangenen Monaten zwölf dieses neuen Typs Fahrzeug in den Dienst gestellt. Erste Planungsgrundlagen wurden bereits 2018 gelegt. „Im Wesentlichen ging es uns um ein effektives Beladungskonzept und die Optimierung des „Personalbedarfs“, sagt Thorsten Ernst. Grundlage für das Lastenheft des neuen GW-San JUH waren die umfangreichen Erfahrungen der Johanniter-Bevölkerungsschützenden aus den diversen Einsätzen. Da der Markt kein geeignetes Fahrzeug zu bieten hatte, haben sich die Johanniter für eine Neuentwicklung entschieden. Zusammen mit der Firma Freytag Karosseriebau in Elze (Landkreis Hildesheim) haben die Johanniter das neue Konzept auf die Straße gesetzt. Ende 2019 wurde ein erster Entwurf präsentiert. Nach weiteren Optimierungsrunden konnte im Juli 2020 der erste Prototyp die Werkhallen in Elze verlassen – ein Ergebnis voller individueller Lösungen, die überwiegend in Handarbeit gefertigt worden sind.

Einsatztaktische Vorteile durch neues Beladungskonzept

Am Ende des Entwicklungs- und Produktionsprozesses steht jetzt ein Gerätewagen Sanitätsdienst, der sich an vielen Stellen von den bisher am Markt verfügbaren Modellen unterscheidet. Das Material ist thematisch auf Rollwagen verlastet nach Bereichen wie beispielsweise Infusion, Trauma, Atmung geordnet. Dazu kommen Rollcontainer bestück mit Zelt- und Sanitätsmaterial sowie alles für die Sauerstoffversorgung. Die bis zu 259 Kilogramm schwer beladenen Rollwagen können von nur einer Person bequem bewegt und abgeladen werden.

Ein Großteil der Rollwagen ist wie die bekannten „Notfallwagen“ aus Notaufnahmen aufgebaut. Den Einsatzkräften wird somit eine schnelle Orientierung unter anderem durch Farbkennungen im Einsatz ermöglicht. Abgeladen können die Notfallwagen als gesamte Einheit an einem Behandlungsplatz eingesetzt werden. Das Material steht schnell zur Verwendung bereit. Zur Vereinfachung der Abläufe wurde eine zentrale Sauerstoffversorgung der Patienten geplant und umgesetzt.

Zudem ist in einem „Schnellauszug“ auf der Fahrerseite das Material zur Absicherung der Einsatzstelle für einen schnellen Zugriff durch den Fahrzeugführer zu finden. Platz gefunden haben dort Stromaggregat, Kabeltrommeln, Pylone und mehr.

Auf der Beifahrerseite befindet sich einer weiterer „Schnellauszug“ mit notfallmedizinischem Material und Gerät – Sauerstoff, Beatmungsgeräte und Material für den Patiententransport sind dort griffbereit verstaut. Eine schnelle Versorgung von Verletzten ist somit ebenfalls umsetzbar.

Gerätewagen Sanität als zusätzliche Logistikkomponente

Das Fahrzeug und das Material des Gerätewagens Sanität ist insgesamt so konzipiert und ausgelegt, dass nach Alarmierung der GW-San mit zwei Einsatzkräften zum Einsatzort ausrücken kann, um das Material abzuladen und aufzubauen. Durch diese umfassende Neukonzeption des GW-San JUH kann eine Patientenablage mit deutlich weniger Personal (auch fachfremd) eingerichtet werden. Das Personal für die Versorgung von Patienten fährt die Einsatzstelle mit einem Mannschaftstransportwagen (MTW) an.

Das Fahrzeug selbst ist für den Betrieb nicht notwendig und kann als zusätzliche Transportkomponente in der Einsatzlogistik eingesetzt werden. Durch die geänderte Beladungskonzeption ist im hinteren Teil ein Laderaum entstanden, der mehrere Europaletten mit Material aufnehmen kann.

„Mit den Gerätewagen Sanität haben wir Johanniter ein flexibles und neuartiges Einsatzmittel in den Dienst gestellt, das speziell auf unsere Einsatzbedürfnisse abgestimmt ist. Somit sind wir Johanniter Vorreiter, was den neuen Fahrzeugtyp GW-San angeht“, sagt Thorsten Ernst. Insgesamt sind elf dieser Fahrzeuge in die Regionalverbände Niedersachsen-Mitte, Südniedersachsen, Bremen-Verden und Weser-Ems ausgeliefert worden. Ein weiterer GW-San JUH steht zu Schulungszwecken an der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen in Hannover.Die Investition in die Zukunft des Bevölkerungsschutzes in Niedersachsen und Bremen hat ein Volumen von rund 2,64 Millionen Euro. 

Autor und Bildnachweis: Jan Klaassen