Afghanistan: „Eine Gesundheitsstation darf kein Ziel von Angriffen sein.“

Berlin / Kabul, 20. August 2019

Vijay Raghavan, Büroleiter in Kabul. Foto: C. Kraus

Vijay Raghavan, Büroleiter in Kabul. Foto: C. Kraus

Zwar hat sich die Gesundheitsversorgung in den letzten Jahren in Afghanistan deutlich verbessert, doch wirtschaftlich stagniert das Land. Gründe dafür sind unter anderem Dürren, politische Instabilität und Kürzungen internationaler Mittel. Die anhaltend hohe Unsicherheit im Land stellt die Durchführung von wichtigen Hilfsmaßnahmen vor große Herausforderungen und jedes neue Projektgebiet birgt eigene Risiken. Vijay Raghavan leitet seit knapp vier Jahren das Johanniter-Büro in Afghanistan. Im Interview schildert er die Zugangsbedingungen in den Projektregionen, in denen die Johanniter vor allem Basisgesundheitsdienste unterstützen.

Herr Raghavan, wie beeinflusst die momentane Lage die Sicherheit bei der Arbeit?

Im Laufe der letzten Jahre hat sich die Sicherheitslage deutlich verändert. Nach der Wahl 2014 hat die anschließende Regierung an Rückhalt verloren und das stärkte die Taliban, die bedeutende Teile des Landes kontrollieren. Gleichzeitig trat auch der sogenannte Islamische Staat (IS) auf, wenn auch nicht geeint. Der IS agiert in Kabul anders als im Osten oder Nordwesten Afghanistans.

Haben Sie in ihrer Arbeit zwangsläufig Kontakt zu bewaffneten Gruppen wie dem IS oder den Taliban?

Nein. Wir arbeiten zwar teils in von den Taliban kontrollierten Gebieten, aber unsere lokalen Partnerorganisationen haben eine gute Zugangsstrategie in die jeweiligen Gemeinden. Dadurch ist es uns möglich, dort Hilfe zu leisten. Eine direkte Bedrohung gibt es für die Johanniter vor Ort somit nicht.

Wie sieht diese Zugangsstrategie der Partnerorganisationen konkret aus?

Unsere Strategie als humanitäre Akteure ist, dass wir kein direktes Gespräch mit den Taliban führen. Stattdessen gehen wir in die Gemeinden und kontaktieren deren Vorsteher. Das sind entweder die Communities Development Counties (CDCs), oder die traditionellen Shuras. Die Shuras setzen sich aus den Ältesten in den Gemeinden zusammen. Mit diesen Parteien sprechen wir über ihre Bedarfe und stellen unser Unterstützungsangebot vor. Wir erfahren also direkt, was gebraucht wird und versuchen, passend Hilfe anzubieten. Egal ob beim Zugang zur Gesundheitsversorgung, zu Trinkwasser oder der Hygieneförderung: Wir beraten die Gemeinden und bitten sie, dass sie die Sicherheit am Standort unseres Projekts gewährleisten, damit es funktioniert. Die Verantwortung liegt also bei den Gemeinden, sich mit den Taliban zu verständigen.

Absprachen und Vereinbarungen mit Ältestenräten sind vielerorts eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Projektarbeit. Foto: V. Raghavan

Absprachen und Vereinbarungen mit Ältestenräten sind vielerorts eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Projektarbeit. Foto: V. Raghavan

Haben Sie diesen Ansatz auch in hochriskanten Regionen wie Kunduz angewandt?

Ja. Dort haben wir zunächst eine Schutz- und Risikoanalyse durchgeführt. Wir haben Diskussionen mit anderen Interessengruppen geführt, einschließlich der Regierung und den Vereinten Nationen, die vor Ort vertreten sind. Zusätzlich standen wir im Dialog mit lokalen Partnern und anderen in diesem Bereich tätigen NGOs. Auch dort hatten wir viele Konsultationen mit den Gemeindevorstehern. Wir baten sie nach Kunduz und stellten in den Gesprächen unsere Ziele und die für das Projekt notwendigen Voraussetzungen vor. Denn erst wenn sie uns akzeptieren, können wir unser Projekt beginnen. In weiteren Treffen mit den Mitarbeitenden und der Gemeindevertretung diskutierten wir die Umsetzung. Alle beteiligten Parteien wurden einbezogen, um die Sicherheit bei unseren Projektaktivitäten zu gewährleisten. Es wurde vorher in den Gesprächen klargestellt, dass zum Beispiel eine Gesundheitsstation kein Ziel für Angriffe sein darf.

Gab es solche Zwischenfälle?

Leider ja. Im Juni 2018 ist eine Gesundheitsstation ins Kreuzfeuer geraten. Wir meldeten den Vorfall an die UN-Stellen sowie den Health Cluster, da internationale Truppen beteiligt waren. Der Zwischenfall wurde dann den Behörden vorgetragen, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt.

Interview: Constanze Kraus

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