Afghanistan: Johanniter-Studie zeigt Gefahren für Frauen durch Corona-Pandemie auf

Kabul / Berlin, 27. Mai 2020

Das Johanniter-Team und Partnerorganisationen in Afghanistan haben eine repräsentative Umfrage zu COVID-19 unter afghanischem Gesundheitspersonal durchgeführt. Jeder 13. Infizierte arbeitet im Gesundheitsbereich. Bis Mitte Mai starben dreizehn Gesundheitsmitarbeitende in Afghanistan, mehr als 871 wurden positiv getestet. Vor allem für Frauen hat sich die Behandlungssituation durch die Pandemie verschlechtert. Die Johanniter weiten die Schutzmaßnahmen gegen das Virus aus. 

Jede/r 13. Infizierte ist ein Mitarbeitender im afghanischen Gesundheitssystem. Foto: Eva Beyer/Johanniter

Um die Ursachen für die hohen Infektionszahlen festzustellen und Maßnahmen zum Schutz des medizinischen Personals ergreifen zu können, haben die Johanniter gemeinsam mit fünf afghanischen Partnerorganisationen Ende April eine repräsentative Umfrage durchgeführt. 213 Personen in acht afghanischen Provinzen aus der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal, Hebammen und weiteren Bereichen wurden befragt.

Demnach fühlt sich das Personal gut über das Virus informiert. Allerdings erhielten nur 36 Prozent der Befragten hierzu Trainings von offiziellen Stellen. Weit mehr Mitarbeitende bezogen ihr Wissen aus den Medien, nutzte dabei aber nicht die offiziellen Seiten des Gesundheitsministeriums. Dadurch herrscht bei einer Mehrheit des Personal viel Unwissen oder Fehlinformationen.

Viele der Befragten glauben, dass COVID-19 zum Tod führt und haben deshalb aus Angst ihre Praxen geschlossen oder den Betrieb der Einrichtungen stark reduziert“, so Vijay Raghavan, Leiter des Johanniter-Büros in Afghanistan und der Studie.

Weiterhin legt die Studie offen, dass spezielle Screeningzelte nur in jeder zweiten Gesundheitseinrichtung vorhanden waren. Dafür seien häufig separate Wartezonen für Frauen zur Behandlung und Diagnose von COVID-19 zweckentfremdet worden. Auch ist das medizinische Personal in den Einrichtungen hauptsächlich männlich. Die Folge: Frauen haben einen schlechteren Zugang zur generellen Gesundheitsversorgung und zu COVID-19 Tests.

Große Sorgen macht uns, dass vor allem Frauen aus Angst vor einer Infizierung nicht mehr zum Arzt oder in ein Krankenhaus gehen. So sind die Behandlungszahlen in der Mutter-Kind-Betreuung, der Schwangerschaftsvor- und nachsorge sowie Impfungen in den vergangenen Wochen stark gesunken", sagt Nasreen Afzali, Gender- und Schutzbeauftragte der Johanniter in Afghanistan.

Fieberscreenings ausweiten, Räume für Frauen einrichten

Die Johanniter, die bereits seit Beginn der Pandemie ihre Aktivitäten im Gesundheitsbereich und der Aufklärung verstärkt haben, werden diese weiter ausbauen. So werden die mit dem afghanischen Gesundheitsministerium durchgeführten Fieberscreenings und die Überwachung von Menschen an den Einreisepunkten der Großstädte verstärkt. Separat eingerichtete Screeningräume und geschultes weibliches Personal sollen Frauen und Mädchen den Zugang zu einem Covid-19-Test und Behandlungen ermöglichen. Gemeinsam mit religiösen Führern und Gemeindeältesten wollen die Johanniter zudem die Aufklärung in der Bevölkerung verstärken.

Fieberscreenings werden an Knotenpunkten ausgeweitet. Foto: OHW

Hohe Dunkelziffer befürchtet

Fehlende Testkapazitäten, viele zurückkehrende Flüchtlinge aus dem Iran und Pakistan sowie fast eine Million Binnenvertriebene, die in Slums in den großen Städten des Landes leben, machen eine Eindämmung des Virus äußerst schwierig. 70 Prozent der Gebiete in Afghanistan stehen zudem unter der Kontrolle oder dem Einfluss der Taliban. Ob es hier Infektionen gibt, ist kaum bekannt, da die Daten nicht an das afghanische Gesundheitsministerium gemeldet werden. Tests durch NGOs in den von den Taliban kontrollierten Gebieten waren sehr eingeschränkt, da eine hohe Verbreitung des Virus in ihren Reihen befürchtet wurde. Das afghanische Gesundheitsministerium befürchtet deshalb eine weit höhere Infektionszahl im Land. 

Hintergrund
Die Johanniter sind seit über zehn Jahren in Afghanistan im medizinischen Bereich tätig. Die Studie wurde gemeinsam mit den Partnerorganisationen BRAC Afghanistan in der Helmand Provinz, AADA, tätig in Faryab, Nangarhar, Ghazni und Herat, ACTD in Khost, OHW in Kabul und JACK in Kunduz durchgeführt. Die überwiegend telefonisch geführten Umfragen fanden auf Regional-, Provinz-, Distrikt- und Gemeindeebene in acht Provinzen Afghanistans statt. Die Mehrheit der Befragten stammt aus Provinz- und Regionalkrankenhäusern, gefolgt von Distriktkrankenhäusern, umfassenden Gesundheitszentren, Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung und Privatkliniken. Die Studie dient den Johannitern und anderen Organisationen dazu, die Gesundheitsversorgung im Zusammenhang mit COVID-19 zu verbessern und das Gesundheitspersonal besser vor Infektionen zu schützen. Denn größere Schutzmaßnahmen für das medizinische Personal sind dringend erforderlich.

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz - Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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