DR Kongo: "Jeder muss wissen, dass sexuelle Gewalt schlecht ist"

Berlin / Goma, 19. Juni 2018

Zahlen aus dem Humanitarian Response Plan 2017-2019 der Vereinten Nationen machen das Ausmaß sexueller Gewalt vor allem gegen Frauen, Mädchen und Jungen in der Demokratischen Republik Kongo deutlich: Im Jahr 2017 wurden 26.418 neue Fälle in den von der humanitären Krise betroffenen Gebieten des Landes registriert, bei denen Betroffene wegen sexueller Gewalt behandelt werden mussten. Fast ein Drittel davon stammte aus der Provinz Nord-Kivu im Osten des Landes. Nur rund 25 Prozent dieser Fälle wurden jedoch dokumentiert. Die Angst der Betroffenen, Stigmatisierung und Straflosigkeit sind nur einige Gründe dafür.

Die Johanniter unterstützen die Betroffenen von Vergewaltigungen und anderen Formen sexueller Gewalt durch medizinische und psychologische Hilfe. Unsere lokale Partnerorganisation UFEPROV begleitet Überlebende sexueller Gewalt in ihrem langen Genesungsprozess und bei der Rückkehr in die Gesellschaft. Dazu gehört auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Betroffenen. Sie werden im Kleinunternehmertum oder bei der Aufzucht von Kleintieren unterstützt. Minderjährige Überlebende erhalten ein Stipendium, um ihre schulische Ausbildung beenden zu können. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wie ABA wird auch die langwierige juristische Aufarbeitung unterstützt, damit die Betroffenen Gerechtigkeit erfahren. Dunia Bosco ist Mitarbeiter von UFEPROV in dem Ort BIHAMBWE in Nord-Kivu und beschreibt die Situation im Interview:

Statt Gerechtigkeit erleben viele Fauen, Mädchen und Jungen in der DR Kongo nach sexueller Gewalt Ausgrenzung und Stigmatisierung. Die Johanniter unterstützen Betroffene bei der juristischen Strafverfolgung. ©Paul Hahn

Sexuelle Gewalt ist weit verbreitet in der Region Nord-Kivu, in der sie arbeiten. Was weiß man über die Täter?

Die Täter kommen sowohl aus den Reihen bewaffneter Gruppen, als auch aus der Bevölkerung. Häufig sind es Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, oder betrunkene Männer. Sie treffen auf Frauen, die beispielsweise von der Feldarbeit zurückkommen, und missbrauchen sie.

Das geschieht häufig innerhalb lokaler Strukturen: Wie geht eine Dorfgemeinschaft mit sexueller Gewalt um?

Im Prinzip verurteilen die Gemeinschaften sexuelle Gewalt, allerdings haben viele Menschen überhaupt keine Information über diese Problematik, obwohl die Folgen in einer Gemeinde schwerwiegend sind: Krankheiten wie HIV und AIDS treten auf und oft empfinden die Opfer gegenüber ihrer Familie, ihrem Umfeld und der ganzen Gemeinde Scham.

Welche Institutionen und Organisationen bieten den Opfern Hilfe an?

In unserem Dorf hilft das Gesundheitszentrum bei der medizinischen Versorgung und gibt Auskunft darüber, wie sich die Betroffenen in der Gemeinde verhalten sollen. Unsere Organisation UFEPROV arbeitet beispielsweise eng mit den Johannitern zusammen und berät die Menschen über den sinnvollen Einsatz von Hilfen. Über die medizinische und wirtschaftliche Hilfe hinaus geht die juristische Unterstützung: Organisationen wie ABA arbeiten daran, das Bewusstsein für Gerechtigkeit zu schärfen. Sie begleiten die Betroffenen juristisch, um die Schuldigen zu bestrafen.

DR Kongo: Hilfe und psychologische Beratung für Überlebende sexueller Gewalt

Überlebende sexueller Gewalt suchen Hilfe in ländlichen Gesundheitsstationen auf. Neben medizinischer Behandlung ist eine psychologische Begleitung wichtig. ©Paul Hahn

Wie findet der erste Kontakt zwischen der Betroffenen sexueller Gewalt und diesen Organisationen statt?

Eine wichtige Rolle spielen die Gemeindegesundheitshelfer. Sie sensibilisieren Dorfgemeinschaften vorab über das Thema und informieren über Möglichkeiten, nach erlebter sexueller Gewalt die Hilfe solcher Organisationen aufzusuchen.

Was kann getan werden, um die hohe Zahl sexueller Gewalt  zu reduzieren?

Um die Rate der sexuellen Gewalt zu verringern, muss sich der Staat mehr dafür einsetzen, das Bewusstsein zu schärfen. Es müssen mehr Mitarbeiter in Dörfern und Randgebieten darüber aufklären, damit jeder weiß, dass sexuelle Gewalt eine sehr schlechte Sache ist.

Können Sie uns ein Beispiel für einen Fall nennen, in dem ein Täter verhaftet und bestraft wurde?

Ja, in BIHAMBWE war ich in einem Komitee engagiert und wir besuchten in KABLEMBO ein Mädchen, das von einem jungen Mann sexuell missbraucht wurde. Auch in KALIMUBA vergewaltigte ein anderer Junge ein kleines Mädchen, das gerade die Schule verlassen hatte. Diese beiden Jungen wurden verhaftet, nach KIBABI und von dort nach Goma gebracht.

Hoffnung auf Gerechtigkeit

„Ich bin 14 Jahre alt und lebe in dem Dorf BIHAMBWE. Ich kam gerade von der Feldarbeit zurück, als sich mir von hinten ein Mann näherte. Er warf mich zu Boden, dann vergewaltigte er mich. Das war vor knapp einem Jahr. Ich fühlte mich danach sehr schlecht und lief zur nächsten Gesundheitsstation. Sie behandelten mich dort medizinisch, nachdem ich der Krankenschwester erzählt hatte, was vorgefallen war. Kurz danach kam noch jemand, um sich mit mir zu unterhalten. Er redete beschwichtigend auf mich ein und sagte mir, dass ich mich nicht schuldig fühlen solle. Er unterstützte mich psychologisch.
Heute fühle ich mich schon besser. Mir wurde damals auch gesagt, wie ich eine Klage einreichen könne. Das tat ich und der Mann wurde auch festgenommen. Da er aber ein bekannter Mann im Dorf war, kam er vorläufig wieder frei. Ich schämte mich dafür, dass ich eine Beschwerde eingereicht hatte. Er lebt hier nach wie vor auf freiem Fuß und ich muss ihn regelmäßig sehen. Das macht mich wütend, aber es nützt nichts, weil es bereits geschehen ist.
Die Johanniter haben mich bei der medizinischen Behandlung unterstützt und UFEPROV gab mir ein Stipendium und Beratung bei der Kleintierzucht. Im Moment absolviere ich die sechste Klasse. Diese Unterstützung ist wichtig, um den Lebenswillen zu behalten und Hoffnung zu haben. Die Hoffnung, dass der Mann irgendwann vor Gericht für seine Tat bestraft wird und ich durch meine Schulbildung glücklich werde.“

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Ihr Ansprechpartner Mathias Wahler - Fachbereichsleiter Kommunikation Auslandshilfe

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