Dschibuti: Unversehrt aufwachsen

Dschibuti, 02. Februar 2018

Am 6. Februar ist der Internationale Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Diese ist in Dschibuti seit 1995 gesetzlich verboten. Der Kampf gegen die traumatische Prozedur wird jedoch nicht vor Gericht entschieden, sondern in den Dörfern. Seit 2012 sind Mitarbeiter der Johanniter in Dorfgemeinden aktiv, um die Menschen von der leidvollen Tradition abzubringen. Vor allem Männer spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Hasna Hassan: "Ich bin glücklich, Mutter eines unversehrten Kindes zu sein." ©JUH/Schätti

„Meine Familie und Freunde haben es akzeptiert, dass meine Tochter unbeschnitten ist. Ich bin ja auch nicht die einzige Mutter im Dorf, die ein unversehrtes Mädchen hat“, sagt Hasna Hassan. Es klingt ein wenig wie eine Entschuldigung, als nagten Zweifel an ihrer Entscheidung, ihr Neugeborenes vor einer Beschneidung bewahrt zu haben. Ein rotes Kopftuch bedeckt ihre Haare, in ihren Armen wiegt sie ihre jüngste Tochter. Kadiga heißt sie, ist zwei Monate alt und das erste Kind in der Familie, das nicht beschnitten wurde. Ihre beiden älteren Töchter im Alter von fünf und sechs Jahren sind beschnitten. Bei dem Eingriff waren sie nur eine Woche alt. „Ich bin sehr glücklich, Mutter eines unversehrten Kindes zu sein“, bestätigt sie sich.

Beschneidungen haben religiöse Motive

Die Moschee im Dorf Firiris: Tradition und Religion waren bis heute Triebfedern für Beschneidungen von Mädchen. Das Umdenken setzt sich langsam durch. ©JUH/Schätti

Es ist nicht nur eine extrem schmerzhafte und traumatische Prozedur, die seit Jahrhunderten im ostafrikanischen Dschibuti praktiziert wird, sondern sie ist auch lebensgefährlich. Säuglinge verbluten oder die Wunden entzünden sich. Auch bei Frauen kann der viele Jahre zurückliegende Eingriff zu Geburtskomplikationen führen. Angehörige der Volksgruppe der Afar begründen die Beschneidung ihrer Kinder zwischen dem 6. und 8. Tag nach der Geburt mit religiösen Motiven. „Es existiert der weit verbreitete Glaube, dass der Koran die Beschneidung bei Mädchen vorsieht. Das ist aber nicht so“, sagt Hildi Schätti, die seit Jahren gegen die Verstümmelung arbeitet. Deshalb bindet sie bei den Workshops in den Dörfern vor allem männliche Dorfvorsteher und Imame in die Diskussionen ein, die eine Schlüsselposition innehaben.

Erstes unversehrtes Mädchen im Dorf Firiris

"Ich habe das entschieden, nicht meine Frau", sagt Farada Hassan (re.). ©JUH/Schätti

Vor allem die Väter und religiösen Dorfvorsteher wachen über die Traditionen und Gewohnheiten. „Nicht meine Frau hat entschieden, unsere Tochter nicht beschneiden zu lassen, sondern ich“, bekräftigt denn auch Farada Hassan Ali. Er ist der Mann von Hasna und gleichzeitig der Imam, der religiöse Vorsteher im kleinen Dorf Firiris. „Früher war ein unbeschnittenes Mädchen eine Schande“, erinnert er sich. Doch das sei jetzt nicht mehr so und das müsse er den Menschen klarmachen. Er habe diesen Auftrag auch vom Kadi der Provinz Obock, also seinem religiösen Vorsteher, bekommen. In dem Dorfkern mit nur 85 Einwohnern waren bis vor Kurzem noch alle Kleinkinder beschnitten, die Tochter von Hasna und Farada ist eine der ersten Mädchen, die verschont geblieben sind.

Kollektives Umdenken braucht Zeit

Auch auf nationaler Ebene sind die Zahlen ermutigend: waren 2006 noch 91 Prozent der Frauen und Mädchen beschnitten, lag der Anteil 2015 bei rund 73 Prozent. Mit Unterstützung der Else Kröner-Fresenius-Stiftung werden die Johanniter weiter daran arbeiten, diese Tradition zum Schutz der Mädchen abzuschaffen. Durch Aufklärungs-Workshops in derzeit acht Dörfern und in enger Zusammenarbeit mit dem dschibutischen Ministerium für Frauen und Familie. Zahlreiche Hürden bleiben zu überwinden.

Wir müssen den Familien deutlich machen, dass unversehrte Mädchen später auf dem ´Heiratsmarkt´ nicht weniger wert sind und die Potenz des Mannes deshalb auch nicht beeinträchtigt wird. Oft sind Hebammen und Beschneiderinnen ein und dieselbe Person. Statt sie für Verstümmelungen zu bezahlen, sollen die Eltern die Hebammen lieber für eine gut begleitete Geburt entlohnen“, umreißt Hildi Schätti die Vorurteile und die Ansätze dagegen.

Dafür ist sie auf die Unterstützung der Dorfvorsteher wie Farada angewiesen. „Ich kläre heute die Bewohner in unserem Dorf über die gesundheitlichen Folgen auf und lege ihnen nahe, damit aufzuhören. Die gesundheitlichen Folgen sind verheerend“, sagt er. Mit erstem Erfolg: Mittlerweile gibt es fünf unversehrte Mädchen in Firiris. Ein Hoffnungsschimmer für ein kollektives Umdenken.

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