Experte zu Heuschreckenplage: "Einsatz natürlicher Insektizide ist vielversprechend"

Johanna Sagmeister - Nairobi, 27. Februar 2020

Dr. Martin Baumgart arbeitet seit über 30 Jahren in den verschiedensten Bereichen der landwirtschaftlichen Entwicklung in Afrika. Im Bereich der alternativen Heuschreckenbekämpfung hat er jahrelang im Feld geforscht und insbesondere zu Beginn der 90er Jahre während der letzten großen Wüstenheuschreckenplage in einem Projekt zur umweltfreundlichen Heuschreckenbekämpfung gearbeitet. Gemeinsam mit den Johannitern bereitet er nun in Kenia die betroffenen Gemeinden besser auf neue Heuschreckenschwärme vor.

Dr. Martin Baumgart hat viele Jahre Feldforschung zu alternativen Methoden bei der Heuschreckenbekämpfung betrieben. ©M. Baumgart

Enorme Schwärme von Heuschrecken fressen sich derzeit durch Ostafrika. In Nordost-Kenia befürchten sie nun neue Schwärme, da die Bedingungen für die Eiablage hier günstig sind. Was kann man tun, damit es nicht wieder zu solch schweren Zerstörungen kommt oder der Schwarm sich gar nicht erst bildet?

Dr. Baumgart: Die Kontrolle oder Bekämpfung von Schwärmen ist so gut wie unmöglich. Es bedarf einer ständigen Überwachung der Brutgebiete, aber hierzu fehlen den meisten betroffenen Ländern die technischen Kapazitäten und das Know-how. Es wäre den meisten Ländern eher geholfen, wenn Sie zumindest die Strukturen unterhalten könnten, die permanent die Populationsentwicklung überwachen und beim Auftreten von Larvenbändern sofort mit sehr wenig Insektizideinsatz wirkungsvoll eingreifen könnten. Hierzu muss jedoch auch die Kommunikation zwischen den Behörden, den Landwirtschaftsberatern und den betroffenen Gemeinden funktionieren. Letztendlich ist durch die zunehmende Unsicherheit von Niederschlägen in den Heuschreckengebieten auch im Kontext der globalen Klimaveränderungen eine Vorhersagbarkeit des Auftretens von Schwärmen sehr schwierig geworden.

Welche Möglichkeiten gibt es, um die Heuschrecken zu bekämpfen?

Da es in der Natur der Heuschreckenplagen liegt, unperiodisch nur alle 10 bis 15 Jahren aufzutreten, bleibt in der heuschreckenfreien Zeit auch die Forschung nach alternativen Bekämpfungsmethoden oft auf der Strecke. Umfangreiche Forschungen zur biologischen Bekämpfung und anderen Mitteln zur nichtchemischen Bekämpfung gab es in den 90er Jahren. Hier wurde der Einsatz von spezifischen Pathogenen und Insektenwachstumsregulatoren erforscht. Auch der Einsatz von natürlichen Insektiziden wie zum Beispiel Wirkstoffe des indischen Niembaums sind interessant und vor allem vielversprechend, um landwirtschaftliche Kulturen vor Fraß zu schützen. Die Wüstenheuschrecke frisst eigentlich alles, nur nicht den Niembaum. Parallel müssen die Eigelege und Larvenbänder in einem jungen Stadium bekämpft werden. Diese allerdings in einem Verbreitungsgebiet von mehreren Millionen Quadratkilometer zu finden, ist nicht einfach.

In Kenia werden Sie uns nun dabei helfen, die Menschen auf mögliche weitere Heuschreckenschwärme vorzubereiten. Was ist dabei ihr Ansatz?

Es ist zunächst wichtig, über die lokalen Partnerstrukturen der Johanniter vor Ort Zugang zu den Verantwortlichen auf Gemeindeebene und damit zu der von Schäden betroffenen ländlichen Bevölkerung zu bekommen. Sobald eine Analyse vor Ort erfolgt ist, sollten mögliche alternative Bekämpfungsmethoden identifiziert werden, die auch mit eigenen einfachen Mitteln erfolgversprechend sind. Diese sollten sich vor allem auf die Larvenbänder konzentrieren. So kann z.B. durch kleine Gräben die Larvenwanderung unterbunden werden. Eventuell lässt sich der Einsatz von pflanzlichen Insektiziden wie Niemextrakten anwenden, um die neu angelegten Kulturen bei der nun bald einsetzenden Regenzeit vor Fraß zu schützen. Hierzu bedarf es praktischer und lokal angepasster Trainings- und Sensibilisierungsmaßnahmen, die sowohl die biologischen Lebenszyklen der Wüstenheuschrecke, der Larven- und Schwarmidentifikation betrifft, als auch Methoden zur Bekämpfung von Heuschrecken selbst auf Gemeindeebene. Sollte es zu Pestizideinsätzen kommen müssen, sind alle wichtigen Auswirkungen und Risiken für Anwender und die Umwelt zu berücksichtigen. Die Landwirte müssen darin sehr gut geschult werden. Hierzu werden wir Schulungsmaterial mit den Partnern entwickeln. Langfristig sollte das Ziel sein, das die betroffenen Gemeinden einen entsprechenden Notfallplan einführen, um zukünftig besser gegen Heuschreckenplagen gewappnet zu sein.

Hintergrund
Durch die Zyklone im Indischen Ozean im Jahr 2019 kam es zu sehr günstigen Brutbedingungen für die Wüstenheuschrecke auf der südarabischen Halbinsel. Mehrere Generationen konnten sich unentdeckt und unkontrolliert entwickeln und erste Schwärme bilden. Günstige Niederschlagsverhältnisse in anderen Brutgebieten des Jemens, Saudi-Arabiens und im Iran führten zum Aufbau der Populationen und weiteren Schwärmen. Während ein Teil der Schwärme nach Pakistan und Nordindien zog, entwickelten sich auch Schwärme in Äthiopien, Nord-Somalia und Nordost-Kenia.

Gemeinsam mit Aktion Deutschland Hilft rufen die Johanniter zu Spenden gegen die Heuschreckenplage in Ostafrika auf. Wie sich diese derzeit entwickelt, erfahren Sie hier.

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz - Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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