Sexuelle Belästigung: „Richtlinien allein sind keine Lösung“

Berlin, 28. November 2018

Anfang dieses Jahres schreckte ein NGO-Skandal die Öffentlichkeit auf. Mitarbeiter von OXFAM hatten unter anderem Sexpartys gefeiert und Nothilfe für Betroffene an sexuelle Gegenleistungen geknüpft. Die Johanniter-Auslandshilfe hat daraufhin begonnen, eigene Richtlinien und Kontrollinstrumente zu prüfen und Mitarbeitende zu sensibilisieren. Claudia Zehl begleitet diesen Prozess und erklärt die Problematik im Interview.

Auslandsmitarbeiterin Claudia Zehl bei einem Projektbesuch in Kambodscha: „Einsatzgebiete sind oft rechtsfreie Räume.“ @Erika Piñeros

Welche Auswirkungen hatte der Skandal auf Hilfsorganisationen? War es der erste dieser Art?

Solche Vorfälle sind leider nicht neu. Sie kommen systemisch in den meisten Bereichen unserer Gesellschaften vor. Sexuelle Belästigungen und sexualisierte Gewalt sind das Resultat weit verbreiteter patriarchaler Systeme, von Machtmissbrauch und Ungleichheit. Zusätzlich sind unsere Einsatzgebiete im Ausland oft rechtsfreie Räume, die politisch fragil und von tiefer Ungleichheit und Abhängigkeit geprägt sind. Dies macht insbesondere Frauen und Kinder schutzlos, die leicht zum Ziel von Übergriffen werden können. Ihnen müssen wir als Hilfsorganisationen primär Schutz gewähren.

Sie verfassen derzeit neue Richtlinien für die Johanniter-Auslandshilfe. Was ändert sich?

Im Kern ist uns wichtig, dass neben unseren eigenen Mitarbeitenden vor allem unsere Zielbevölkerung weiß, wo und wie sie Beschwerden einreichen kann. Es muss Vertrauen in vorhandene und effektive Beschwerdemechanismen geben, die eine adäquate Aufklärung ermöglichen. Dem hat sich die Auslandshilfe angenommen. Gute Beschwerdemechanismen werden Fallzahlen erhöhen und dies darf nicht negativ gewertet werden, weder von Zuwendungsgebern noch der Gesellschaft. Sie  bedeuten vor allem, dass diese Systeme gut funktionieren und Missstände aufgedeckt werden. Schon bei der Personalrekrutierung müssen Prozesse verbessert und sensible Themen wie Sexismus, Ungleichheit und Machtgefälle offen thematisiert werden. Wir haben in der Auslandshilfe keine Fälle sexueller Ausbeutung dokumentieren müssen, aber Sexismus kommt in allen Ländern in kulturell unterschiedlicher Prägung vor. Hier leisten Teamworkshops, Schulungen und offene Kommunikation einen Beitrag.

Mitte des Jahres fand ein erster Workshop dazu in der Auslandshilfe statt. Gab es überraschende Erkenntnisse für Sie?

Den Workshop konnten wir mit  Unterstützung der Johanniter-Jugend durchführen, die im Bereich Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland viel Expertise hat. Für alle wurde ersichtlich, dass Grenzverletzungen individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Was für den einen normal und in Ordnung ist, kann für eine andere Person unerträglich sein. Ein sensibler und vor allem wertfreier Umgang mit Grenzen ist enorm wichtig. Mitarbeiter müssen sich stetig über Machtgefälle in Einsatzgebieten klar sein und permanente Selbstreflexion üben. Vor allem muss dieser offene und ehrliche Dialog zu einer gelebten Organisationskultur werden. Richtlinien allein sind keine Lösung.

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Machtgefälle darf nie zu Machtmissbrauch führen: Unsere Mitarbeitenden müssen sich in den Einsatzgebieten ihrer Helferrolle bewusst sein und Vertrauen aufbauen und schützen. @Paul Hahn

DR Kongo: Hilfe und psychologische Beratung für Überlebende sexueller Gewalt

Sexuelle Gewalt wird vor allem in Konfliktregionen als Waffe eingesetzt. In der DR Kongo unterstützen wir Betroffene. Hier erfahren Sie mehr.

Ihr Ansprechpartner Mathias Wahler - Fachbereichsleiter Kommunikation Auslandshilfe

Lützowstr. 94
10785 Berlin