Reise durch ein zwiespältiges Land - Teil 1

Jens Schwalb bereiste im Oktober 2017 unsere Projektregionen in Afghanistan. ©JUH

Wohin Afghanistan steuert, ist ungewiss. Attentate und Angriffe bewaffneter Gruppen zeugen von der äußerst instabilen Sicherheitslage in Afghanistan, Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur haben das Land in den vergangenen Jahren dagegen vorangebracht – auch durch das Engagement zahlreicher Organisationen. Mädchen und Frauen konnten nach dem Ende der Taliban-Regierung Freiheiten und Grundrechte zurückgewinnen,. dennoch dominieren vor allem auf dem Land zutiefst patriarchalische Verhältnisse. Ein Problem auch für den Erfolg der Projekte der Johanniter? Jens Schwalb, zuständiger Fachbereichsleiter für Afghanistan, reiste Anfang Oktober in das Land. Hier berichtet er über seine Erlebnisse in drei Teilen.

3. Oktober 2017 - Provinz Khost nahe der Grenze zu Pakistan

Gespräch mit den Kuchi-Nomaden: Sie werden zukünftig in Gesundheitsversorgung eingebunden. ©Vijay R./JUH

In Khost nahe der pakistanischen Grenze empfängt mich ein Dutzend älterer Männer, gekleidet in weiße Gewänder und alle mit grauen Bärten. Die Frauen hingegen bedecken ihr Gesicht mit der traditionellen Burka und ziehen sich in ihre Häuser zurück, sobald ich mich ihnen nähere. Auf Treffen sind sie nie anwesend. Als Mann in Afghanistan bleibt man unter sich, ob man will oder nicht. Das Zusammenkommen wurde kurzfristig anberaumt, die Sicherheitslage lässt solche Treffen oft nicht zu. Statt Jeans und Shirt ziehe ich ebenfalls das traditionelle weiße Gewand an, um nicht unnötig aufzufallen. Der fehlende Bart, naja…

Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit wärmt die Sonne, es ist staubig. Wir setzen uns in den Schatten eines aus losen Steinen errichteten Unterstands. Die Männer bilden den Ältestenrat des Nomaden-Stammes der Kuchi. Sie leben in der Provinz Khost vor allem von der Viehzucht. In dem äußerst kargen Landstrich sei das schwierig, entsprechend schlecht gehe es ihnen, so der Grundtenor. Auch verfügen die Kuchi kaum noch über Weideland, seitdem lokale Milizen-Chefs das Land unter sich aufgeteilt hätten. Wir reden über ihre Arbeit als Nomaden, ihre gesellschaftliche Diskriminierung, mangelnde Chancen an Ausbildung und bezahlter Arbeit. Und wir reden über die Johanniter-Aktivitäten im Gesundheitsbereich. Nach einer Stunde einigen wir uns darauf, ihre Familien in die Gesundheitsversorgung der Johanniter zukünftig einzubinden.

Pakistanis suchen Schutz in Afghanistan

Ärzte behandeln ausschließlich Männer, Ärztinnen die Frauen - sofern es welche gibt. ©Vijay R./JUH

Anschließend fahren wir ins nahegelegene Gulan-Camp, in dem wir zusammen mit einer nationalen Partnerorganisation eine Gesundheitsstation und mobile Ärzteteams unterhalten. Sie stellen die medizinische Versorgung für mehr als 30.000 Menschen im Lager bereit, die überwiegend aus Pakistan hierher geflohen sind. Aber auch die lokale Bevölkerung, die ebenso unterversorgt ist, und in Zukunft auch die Kuchi. Das Camp wirkt aus dem Boden gestampft. Kilometerweit ziehen sich braune Lehmmauern und flache braune Gebäude eintönig durch die braune Landschaft. Kaum jemand ist auf der Straße, das Leben spielt sich hinter den Mauern ab. Seit 2014 haben Rückkehrer und vor allem Pakistanis Zuflucht gesucht, die wegen Militäroperationen aus ihrem Land geflohen sind. Man erklärt mir, dass viele von ihnen dennoch in der Heimat Landwirtschaft betreiben, um sich über Wasser zu halten. Nationale Grenzen sind hier an der Durand-Linie ein politisches Konstrukt, die Menschen entscheiden pragmatisch, wo sie am ehesten leben und überleben können.

Wir besuchen das kleine Krankenhaus im Camp. Dort wird diagnostiziert und behandelt, Medikamente werden verschrieben und verteilt. Viele Menschen werden auch wegen posttraumatischer Störungen und Traumata erstbehandelt, sogar einen Zahnarzt gibt es. Auch hier: Männer behandeln Männer. Frauen gehen zu einer Ärztin – wenn es eine - wie hier - mit professioneller Ausbildung gibt. Jahrzehntelang waren Frauen vom Bildungssystem ausgeschlossen, weshalb es landesweit zu wenige Ärzte gibt. Unser Ansatz ist zwar, gemischtgeschlechtliche Teams zu bilden, aber die kulturellen Hürden sind schwere Steine, die sich nicht aus dem Weg räumen lassen. Monatelang waren wir auf der Suche nach einer Ärztin, die bereit war hier im Grenzgebiet zu arbeiten. Letztendlich gelang das nur durch eine Doppeleinstellung zusammen mit ihrem Mann als Zahnarzt. Beide waren bereit, hier zu arbeiten und zu leben.

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