„Frauen sind im Rettungsdienst immer noch unterrepräsentiert“

Allgäu, 08. August 2019

Annika Unsinn (links im Bild) und Ann Kristin Welt
Foto: Iris Nowak

Wenn Ann Kristin Welt und Annika Unsinn ihre Schicht antreten, wissen sie nie, was auf sie zukommen wird. Herzinfarkte? Verkehrsunfälle? Lebensbedrohliche Verletzungen? Ertrinkungsunfälle? Gewalttaten? Möglich ist alles. Die beiden Allgäuerinnen gehören zu den wenigen Frauen, die in Kempten für die Johanniter im Rettungsdienst arbeiten. „Der Rettungsdienst ist zwar kein reiner Männerjob mehr, aber Frauen sind immer noch stark in der Unterzahl“, erzählen sie. „Das ist schade, denn Frauen sind genauso gut für diese Tätigkeit geeignet wie ihre männlichen Kollegen.“

Ann Kristin Welt ist examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und kam im Rahmen dieser Ausbildung zum Rettungsdienst. Dort absolvierte die 30-Jährige der Reihe nach die Ausbildungen zur Rettungsdiensthelferin, zur Rettungssanitäterin und zur Rettungsassistentin. Nach der Einführung des neuen Berufsbildes des Notfallsanitäters (dieses ist der höchste nicht-akademische medizinische Berufsabschluss in Deutschland und ersetzt sukzessive den Rettungsassistenten) sattelte sie auch diese Ausbildung noch obenauf. Heute ist sie bei den Johannitern in Memmingen als hauptamtliche Notfallsanitäterin angestellt. Ihre jüngere Kollegin Annika Unsinn (19) beginnt diese äußerst anspruchsvolle, dreijährige Berufsausbildung im Oktober. Sie engagierte sich schon als Schülerin in Ravensburg im Schulsanitätsdienst und ist aktuell als hauptamtliche Rettungssanitäterin tätig.

Ihren Dienst tun beide auf Johanniter-Rettungswagen, Ann Kristin Welt in Memmingen, Annika Unsinn in Kempten. Ihren Arbeitsalltag schildern sie so: „Wir arbeiten meist in Schichten zwischen sechs und 12 Stunden in einer der Rettungswachen. Während des Einsatzes muss es schnell gehen, da muss jeder Handgriff sitzen. Die Aufgaben sind dabei ganz klar geregelt. Normalerweise besteht die Besatzung eines Rettungswagens aus zwei Personen: einem Rettungssanitäter, der zugleich Fahrer ist und für die Verkehrssicherheit und Einsatzfähigkeit des Rettungswagens zuständig und einem Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter. Jener leitet die Einsätze und ist bis zum Eintreffen eines eventuell hinzugezogenen Notarztes für die medizinischen Maßnahmen am Einsatzort sowie für die nachgelagerte Dokumentation verantwortlich.“ Manchmal sei noch eine dritte Person an Bord, etwa ein Auszubildender. „Man weiß nie, was auf einen zukommt, aber man startet mit der Gewissheit, dass man vor Ort reagieren und Menschen, in oft lebensbedrohlichen Ausnahmesituationen, helfen und ihnen beistehen kann“, erklärt Ann Kristin Welt. „Der Beruf ist spannend, abwechslungsreich und bringt eine enorm große Verantwortung mit sich“, ergänzt Annika Unsinn. „Und am Ende des Tages hat Frau oder Mann fast immer das Gefühl, mit einer sinnvollen Tätigkeit etwas bewirkt zu haben.“

Dass sie dabei als Frauen in der Unterzahl sind, wundert die beiden. „Bei den Johannitern in Memmingen gibt es in diesem Bereich derzeit beispielsweise mit mir nur zwei hauptamtlich aktive Frauen - Auszubildende und Mitarbeitende im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) nicht eingerechnet“, sagt Ann Kristin Welt. In Kempten sieht es ähnlich aus: Hier ist Annika Unsinn die einzige Frau, die hauptamtlich zu 100 Prozent im Rettungsdienst tätig ist (auch hier sind Azubis und FSJ-Teilnehmer nicht eingerechnet), eine weitere Kollegin teilt ihre Arbeitszeit 50:50 zwischen Rettungsdienst und Büro auf. „Dabei sind Frauen ausgesprochen gut für diese Arbeit geeignet und sollten keine Hemmungen davor haben“, findet Ann Kristin Welt. „Gerade in puncto Empathie und Selbstreflexion haben sie oft die Nase vorn und finden schnell einen guten Zugang zu den Patienten“, weiß sie aus ihren Erfahrungen. Allerdings müsse man natürlich bedenken, dass nicht jede(r) für den Job gemacht sei. „Man muss schon eine Affinität zu dieser Art der Tätigkeit haben. Oft wird man mit schlimmen Situationen konfrontiert, das darf einen psychisch nicht zu sehr belasten.“ Zudem gehöre auch körperliche Fitness und Kraft dazu. „Wenn das alles gegeben ist, können Frauen diesen Beruf mindestens genauso gut ausüben wie Männer.“ Neben der Sinnhaftigkeit der Tätigkeit sei der Zusammenhalt unter den Kollegen eine Besonderheit und ein großer Pluspunkt, finden beide. „Egal wie der Tag verläuft, man arbeitet immer in einem tollen Team. Viele Kollegen sind richtige Freunde, mit denen man auch außerhalb der Arbeit Zeit verbringt - und neue Mitglieder werden immer mit offenen Armen empfangen.“

Weitere Informationen zum Rettungsdienst bei den Johannitern im Allgäu erhalten Sie im Internet unter www.johanniter.de/allgaeu oder telefonisch unter 0831 - 52157-0