Wütend, weil keiner hilft!

Kempten, 20. November 2019

Erst vor wenigen Wochen vermeldeten die Johanniter, wie engagiert sich viele Mitmenschen beim Hinzukommen zu einem Verkehrsunfall auf der B308 bei Immenstadt verhalten hatten. Die Ersthelfer damals waren begeistert davon, dass die meisten der Autofahrer ihre Unterstützung angeboten hatten. Ganz anders sah es leider vor wenigen Tagen in der Nähe des Forum Allgäu in Kempten aus. Eine der jungen Ersthelferinnen macht aus ihrer Enttäuschung und Empörung keinen Hehl.

Die junge Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, absolviert derzeit ihre Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement bei den Johannitern in Kempten. Als sie vor wenigen Tagen mit einer Kollegin auf dem Weg zur Mittagspause war, rief ein älterer Herr den Beiden vom nahegelegenen Parkplatz eines Lebensmitteldiscounters aus zu, auf dem Gehweg in der Nähe liege eine ältere Dame, die wohl gestürzt sei, die beiden sollten ihr doch bitte helfen. „Wir trugen keine Johanniter-Kleidung, der Mann hatte uns also rein zufällig ausgewählt. Er selbst half nicht, sondern war kurz darauf verschwunden“, berichtet sie. Die beiden Auszubildenden reagierten sofort: Während eine von ihnen zurück in die benachbarte Johanniter-Dienststelle lief, um weitere Hilfe zu holen, rannte die andere zu der verunglückten Frau. „Ich war anfangs die Einzige an der Unglücksstelle, ließ mich aber nicht von der Situation einschüchtern, sondern versuchte, sämtliches Wissen aus meinem Erste-Hilfe-Kurs anzuwenden“, so die 17-Jährige. „Da die Dame atmete, brachte ich sie nach einer kurzen Untersuchung auf offensichtliche Verletzungen in die stabile Seitenlage.“ Weitere Passanten hätten ohne zu helfen ihren Weg fortgesetzt, schildert sie die Situation. Glücklicherweise waren kurz darauf die Kollegen aus der Dienststelle vor Ort, unter denen sich erfahrene Rettungssanitäter befanden. „In der Zeit, in der ich auf Hilfe wartete, muss das Herz der älteren Dame aufgehört haben zu schlagen“, berichtet die junge Frau nach wie vor aufgewühlt. Eine ihrer Kolleginnen begann umgehend und bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes mit der Herzdruckmassage. Die ältere Dame wurde in die Klinik gebracht. „Als ich vor kurzem meinen Erste-Hilfe-Kurs gemacht habe, hätte ich nie gedacht, dass ich jemals wirklich mit solch einer Situation konfrontiert werden würde“, sagt die 17-Jährige. „Nach diesem Vorfall, habe ich aber gemerkt, wie wichtig es ist zu handeln. Dabei ist es ganz egal wie – ich selbst habe ja auch nur die grundlegenden Erste-Hilfe-Kenntnisse. Ich kann es absolut nicht nachvollziehen, wenn Menschen, ohne jegliche Hilfe zu leisten einfach weglaufen. Selbst den Notruf zu wählen oder psychischen Beistand zu leisten wäre in meinen Augen schon genug gewesen.“ Die Angehörigen der verunglückten Frau kamen einige Tage später in die Dienststelle und bedankten sich mit einem Blumenstrauß bei den beherzten Helfern.