Die Tyrannei der Kinder

Schwaben, 29. April 2019

„Kinder sind immer öfter Tyrannen“, „Unsere Jugend wird immer schlimmer“ – Aussagen wie diese hört man häufig in der heutigen Zeit. Doch entsprechen sie auch der Realität? „Vor allem die zweite Aussage sollte unsere Generation zum Schmunzeln anregen“, findet Michael Schmidt, Sachgebietsleiter Kinder, Jugend und Familie bei den Johannitern in Schwaben. „Vor allem dann, wenn wir uns an unsere eigene Jugend erinnern. Wie haben Großeltern reagiert, als die Kinder plötzlich Bands wie die Rolling Stones oder KISS gehört haben! Die Abkürzung stand ja angeblich für „Knights In Satans Service“ (zu dt.: „Ritter im Dienste Satans“). Schon damals haben sich die Erwachsenen besorgt gefragt: `Was soll aus unserer Jugend noch werden?`.“

„Grundsätzlich gehört es zur individuellen Entwicklung dazu, sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen. Dies spiegelt sich schon seit jeher in der Musik wider“, weiß Michael Schmidt und gibt zu bedenken: „Ist es wirklich so, dass `die Jugend´ immer schlimmer wird, dass `die Jugendlichen´ immer weniger Respekt haben und dass `die ja nicht mal mehr im Bus aufstehen, wenn ein älterer Mensch einsteigt`?“ Vorwürfe wie diese könne er aus eigener Erfahrung dementieren. „Ich bin sehr oft mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren und durfte feststellen, dass ich mit meinen 41 Jahren alt werde. Nicht, weil Jüngere für mich aufstehen - weit gefehlt! Nein, aber ich kann sitzenbleiben. Jedes Mal, wenn ich für jemanden Älteren aufstehen wollte, musste ich feststellen, dass bereits ein Schüler vor mir dieselbe Idee gehabt hatte. Sicherlich gibt es auch zahlreiche Negativbeispiele, aber ich denke, dass wir oft den Fehler begehen, eher von negativen als von positiven Erlebnissen zu berichten.“ So würden Kinder und Jugendliche oft als Tyrannen wahrgenommen.

Doch was bedeutet eigentlich „Tyrann“? „Der Begriff knüpft an die antike `Tyrannis´ an und beschreibt die illegitime Gewalt- und Willkürherrschaft eines Machthabers“, so Michael Schmidt. „Interessanterweise stellt sich in manchen Familien wirklich die Frage, wer letztendlich das Sagen hat: die Eltern oder das Kind?“ erklärt er und stellt die provokante Frage in den Raum: „Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Kinder sich so verhalten? Möglicherweise ist eine Antwort im häuslichen Miteinander begründet.“

Als Stichwort verweist er auf den Tag der gewaltfreien Erziehung, der am 30. April begangen wird. „Haben Sie sich schon einmal gefragt, was gewaltfreie Erziehung bedeutet? Wahrscheinlich hat jeder eine grundsätzliche Vorstellung, was hiermit gemeint ist. Dennoch ergeben sich für den einen oder anderen Fragen, wie zum Beispiel: `Wie sollen Eltern, aber auch pädagogische Fachkräfte, Grenzen ziehen und Regeln durchsetzen?`.“ Eine natürliche Eltern-Kind-Beziehung mit der entsprechenden Autorität sei nicht immer einfach umzusetzen, weiß er. „Begriffe wie `Partizipation´ werden manchmal falsch verstanden. So besteht die Gefahr, dass Eltern sich nicht ausreichend gegenüber den Kindern abgrenzen können. Oft wird zu viel erlaubt und man lässt Kindern zeitweise alles durchgehen. Ist das Erziehungsgefüge von falschen Beziehungskonzepten geprägt, können sich die verschiedensten Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.“ Als Grundsatz empfiehlt er „eine klare Linie mit Herz.“

Die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. im Regionalverband Schwaben unterstützt seit Januar 2019 am Standort Neu-Ulm den Fachbereich Jugend und Familie des Landratsamtes im Rahmen von Erziehungsbeistandschaften und sozialpädagogischen Familienhilfen. Familien in Krisenzeiten werden dabei von zwei erfahrenen pädagogischen Fachkräften unterstützt und begleitet. Schmidt: „Auch sie stellen in der alltäglichen Arbeit immer wieder fest, dass Kompetenzvermittlung in Erziehungsaufgaben, aber auch das Abgrenzen der Eltern wesentliche Schwerpunkte der Unterstützungsarbeit sind.“

In der Geschäftsstelle in Augsburg bieten die Johanniter seit 2018 ein Fortbildungsseminar „Konfliktmanagement und Umgang mit schwierigen Situationen in der frühkindlichen Entwicklung“ an. Dies wurde bereits in verschiedenen Kindereinrichtungen durchgeführt. Schwerpunkte sind neben dem Erwerb von persönlichen Kompetenzen zum Umgang mit Konfliktsituationen auch das Vermitteln von Handlungsfeldern wie Frustrationstoleranz und Konfliktlösungsstrategien, die mit Kindern eingeübt werden können.

Ihr Ansprechpartner Michael Schmidt

Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
Regionalverband Schwaben
Holzweg 35a
86156 Augsburg