Gesunde Ernährung in der Pflege

Hannover, 04. September 2014

Johanniter überreichen Sozialministerin Cornelia Rundt ihren Projektabschlussbericht zum Expertenstandard Ernährung.

Thomas Mähnert, Landesvorstand der Johanniter im Landesverband Niedersachsen/Bremen, überreicht den Projektabschlussbericht zur Einführung des Expertenstandards Ernährungsmanagement an die niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt.<br>Fotonachweis: Johanniter/Jörn Kießler

In der Johanniter-Akademie Hannover übergab heute Landesvorstand Thomas Mähnert vom Landesverband Niedersachsen/Bremen der Johanniter-Unfall-Hilfe offiziell den Abschlussbericht zur Einführung des Expertenstandards Ernährungsmanagement der niedersächsischen Sozialministerin Cornelia Rundt.

 

Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung hatte 2010 den Wettbewerb „Förderung von Konzepten zur systematischen Einführung der nationalen Expertenstandards in stationären Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten“ ausgelobt, mit dem die Entwicklung und Umsetzung praxistauglicher Konzepte von Bildungs- und Beratungseinrichtungen zur nachhaltigen Einführung von Expertenstandards in Pflegeeinrichtungen gefördert werden soll. Im April 2011 erhielt die Johanniter-Akademie Hannover für ihr Wettbewerbskonzept den Zuschlag und eine Zuwendung von 70.000 Euro für die Umsetzung des Projekts. In fast zwei Jahren wurde von 2011-13 ein Konzept zur Implementierung des Expertenstandards Ernährung entwickelt und in sieben Pflegediensten der Johanniter eingeführt.

 

Mehr Lebensqualität und -freude, Folgekrankheiten oder Mangelernährung vermeiden

„Die Expertenstandards tragen dazu bei, dass die Pflege auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft erfolgt. Die hier zum Expertenstandard Ernährung gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen machen deutlich, wie wichtig eine ausgewogene und gesunde Ernährung für pflegebedürftige Menschen ist“, unterstrich Ministerin Cornelia Rundt bei der Veranstaltung: „Letztendlich trägt das zu mehr Lebensqualität und -freude von alten Menschen bei und kann außerdem ein wertvoller Beitrag sein, um Folgekrankheiten oder Mangelernährung zu vermeiden.“ Sie sei sehr dankbar, dass die Johanniter mit diesem Projekt den Expertenstandard Ernährung ins Leben geführt hätten.
Gesunde Ernährung ist insbesondere in der Altenpflege nicht nur als Instrument der Krankheitsprävention zu beachten, sondern auch als Animationselement unter anderem bei demenziell Erkrankten – dies bewahrheitete sich auch bei der Durchführung des Projekts. Fast vergessene Geschmackserlebnisse werden wach, Erfahrungen eingebracht und ein Mittun angeregt.

 

Ein komplexes Projekt für den Pflegealltag

Bei der Durchführung des Projekts, das die Pflegefachkraft und Supervisorin Christina Dörrbecker begleitete und unterstützte, wurde schnell deutlich, dass bei der Einführung des Expertenstandards Ernährung fachliche Inhalte mit der praktischen Anwendbarkeit einhergehen müssen. So wurden ein erfahrungsorientierter Ansatz gewählt und zum Beispiel modular anzuwendende, intensive Kurzschulungen entwickelt, die sich für die Pflegenden auch als praktikabel in ihrem stark reglementierten Pflegealltag erwiesen. Eine beständige Motivation durch die Pflegedienstleitung ist notwendig, da der Aufwand für die einzelne Pflegekraft durch den Dokumentationsaufwand im Zusammenhang mit den Expertenstandards und die Bewertung der Kunden ansteigt. Damit dies nicht zu Lasten der Betreuungszeit geht, muss das Pflegepersonal die Umsetzung des Expertenstandards Ernährung in den täglichen Pflegeablauf integrieren. Daher muss die Identifikation mit der Aufgabe – Fürsorgepflicht Ernährung – an erster Stelle stehen. Ausschlaggebend ist dabei, dass der oder die Pflegende auch das eigene Ernährungsverhalten reflektiert und Verantwortung übernimmt. Aus diesem Grund ist eine Begleitung bei der Einführung der Ernährungsstandards durch eine externe Fachkraft unbedingt vonnöten, wie auch die interne Unterstützung von zwei Multiplikatoren im Team.

Beratende Pflegekraft

„Alles in allem verändert sich das Rollenbild des Pflegepersonals“, schilderte Irene Kieschnick, Teamleiterin Altenpflegeschule der Johanniter-Akademie Hannover und Mitglied der Projektleitung, die Situation. „Die beratende Pflegekraft wird im Selbstverständnis und in der Außensicht eine nachhaltige Wandlung vollziehen.“ Das grundsätzliche Beraten in Ernährungsfragen, das frühzeitige Erkennen von sich entwickelnden Notständen, der Dialog mit den Angehörigen und die Motivation zu einer angemessenen Ernährung müssten zukünftig einen weiten Raum einnehmen, wünscht sich nicht nur Kieschnick: „Dies alles trägt zu einer engeren Zusammenarbeit von allen Beteiligten bei. Die Kommunikation und die Erkenntnis, dass hier alle an einem Strang ziehen, kann für die Altenpflege sehr bedeutsam werden.“ Die Johanniter haben vor diesem Hintergrund ein Fingerfood-Seminar eingeführt, an dem zu pflegende Menschen mit ihren Angehörigen und Pflegekräfte teilnehmen. Über das gemeinsame Herstellen der Kleinigkeiten baut sich eine neue Beziehungsebene auf, die förderlich für den Alltag ist. Fingerfood ist hier allerdings nicht im Sinne von elitären Gaumenkitzlern zu sehen, sondern als Anregung für machbare kleine Mahlzeiten. Eine Teilnehmerin wunderte sich über sich selbst, mit wie viel Appetit sie gegessen hatte.

Langfristig Krankheitskosten reduzieren

Bei allen offensichtlichen Vorteilen ist die Finanzierbarkeit der erweiterten Maßnahmen zu bedenken. Auch die Kunden stellen berechtigterweise die Frage nach der Kostenübernahme der Beratung bzw. der Betreuung bei der Nahrungsaufnahme, wenn keine Leistungen diesbezüglich vereinbart sind. Außerdem: Werden andere Handreichungen zeitlich dann begrenzt? „Hier gibt es noch einiges zu klären“, betonte Landesvorstand Thomas Mähnert. „An dieser Stelle sind die Kostenträger, also die Kranken- und Pflegekassen, gefragt, wie sich dies auch wirtschaftlich darstellen lässt. Denn durch gesunde Ernährung und die begleitende und beratende Unterstützung unserer Pflegekräfte könnten langfristig auch Krankheitskosten reduziert werden – die bei weitem höher veranschlagt werden müssen.“
Das Achten auf ausreichendes Essen und Trinken ist integraler Bestandteil der Altenpflege und dies bereits seit Jahren. Doch nehmen Ernährungsmängel – dazu zählen Übergewicht und Mangelernährung – bei alten Menschen beständig zu. Appetitlosigkeit, das Verschwinden von Hunger- und Durstgefühlen oder auch zunehmende Frustration durch Einsamkeit und Schwinden von Aufgabenstellungen im Leben werden immer mehr zum Problem. Dabei ist vielen nicht bewusst, dass sie nicht ausreichend essen. Der nationale Expertenstandard Ernährungsmanagement in der Pflege soll hier langfristig Abhilfe schaffen. Diese Qualitätsvorgaben des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) wurden 2010 offiziell eingeführt und sind seitdem auch Bestandteil der MDK-Prüfungen (Medizinischer Dienst der Krankenversicherungen), die alljährlich durchgeführt werden.

Service für Redaktionen

Fotomaterial "Gesunde Ernährung in der Pflege" druckfähig zum Download

Ihr Ansprechpartner PR / Medienservice