Mit Meerschweinchen Menschen erreichen

Bettina Martin - Hannover, 27. November 2019

Entspannt hockt Kaninchendame Lina auf dem Schoß von Bewohnerin Marion H. Sie lässt sich streicheln und genießt die Ruhe in der Johanniter-Demenz-WG an der Schaufelder Straße in Hannover. „So wie sie sich bei dir hingelegt hat, ist das selten bei Fluchttieren und zeugt von großem Vertrauen“, erklärt Svenja Grün vom Institut für soziales Lernen mit Tieren der WG-Bewohnerin. Svenja Grün ist studierte Fachkraft für tiergestützte Intervention, Teamerin für integrative Validation und psychologischer Coach. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen und diversen tierischen Kollegen ist sie in die Demenz-WG zur Tiertherapie gekommen. „Die Arbeit mit den Tieren wirkt bei Menschen oft identitätsstiftend und ist ein Teil der Biografiearbeit“, sagt Svenja Grün. Gerade ältere Menschen hätten ein anderes Verhältnis zu Nutztieren als jüngere Generationen: „Fast jeder hat eine Geschichte zu erzählen.“

Der tierische Besuch wirkt. Die zehn Männer und Frauen der Johanniter-WG wirken gelöst, unterhalten sich miteinander, erzählen mit wachen Augen und streicheln sanft die Tiere auf ihren Schößen. „Der Körperkontakt mit den Tieren sorgt dafür, dass Oxytocin ausgeschüttet wird“, berichtet die Tiertherapeutin. Dieses Hormon sorgt unter anderem dafür, dass Stress und Ängste abnehmen, es stärkt die Bindung und das soziale Miteinander sowie das Wohlbefinden. Das wirkt übrigens in beide Richtungen – wer streichelt, profitiert ebenso davon wieder Gestreichelte. Gerade bei älteren Menschen werden außerdem die Hand-Auge-Koordination und der Tastsinn positiv beeinflusst.  

Die Bewohner genießen das Miteinander. Die Meerschweinchen mümmeln gemütlich ihren Salat und sorgen mit ihrem üppigen Appetit für Staunen. „Sie haben einen Stopfmagen und müssen daher ständig etwas fressen“, erklärt Svenja Grün den Senioren. Währenddessen geht Huhn Willa ihres Weges im großzügigen Wohnbereich und erkundet die Gegend. Kaninchen-Azubi Blacky hat es sich derweil auf dem Schoß von Joachim gemütlich gemacht. Das tiefschwarze Kaninchen knabbert genüsslich an einem Stück Sellerie.

Die Tiertherapie ist eines von zwei Projekten in den Demenz-WGs der Johanniter-Unfall-Hilfe in Hannover, die von der Deutschen Stiftung für Demenzerkrankte gefördert werden. Denn neben dem Kontakt mit Tieren hat auch kreatives Schaffen einen positiven Einfluss auf Menschen mit Demenzerkrankungen.

Mitte Oktober besuchte Kunsttherapeutin Birgit Lehmann erstmals die WG und kreierte mit den Bewohnern kleine Kunstwerke. Kreativ in Aquarelloptik gestaltete Postkarten oder bunte Bilder mit geometrischen Mustern. Die Künstlerin arbeitet mit stets mit unterschiedlichen Materialen und Techniken. Besonders das Stempeln ginge bei Menschen mit demenzieller Erkrankung gut, weil kein Pinsel in der Hand gehalten werden müsse, erklärt Birgit Lehmann. Gerade Menschen mit Demenzerkrankungen könne man über künstlerisches Tun gut erreichen, weiß die Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Erfahrung. Die Pflegefachkräfte in der WG sind von der Mal- und der Tiertherapie begeistert, denn jedes zusätzliche Angebot zeige Wirkung, sagt WG-Teamleiterin Marina Kalinowski. Marina Kalinowski: „Unsere Bewohner nehmen aus dieser kurzen, aber intensiven Zeit viel mit. Sie blühen richtig auf.“