Ein Telefonat zu Corona mit...Pflege-Teamleiterin Vanessa Herzog

Hannover, 24. März 2020

Was ist, wenn zu viele von uns ausfallen?

Vanessa Herzog ist gelernte Pflegefachkraft und arbeitet bei den Johannitern in Hannover als Teamleitung.

Es ist eine Gradwanderung. Einerseits brauchen Menschen Informationen, andererseits lassen sich mit Ausgangsbeschränkungen Termine vor Ort nicht umsetzen. Was bleibt? Das Telefon! Die Landeskirche Hannover hat auf ihrer Website ein neues Format mit dem Namen „Ein Telefonat zu Corona mit…“. Gesprochen wurde bisher mit einem Pastor, einem Pflegeheimleiter, einer Diakonin – und heute mit unserer Pflegefachkraft Vanessa Herzog von der Johanniter-Sozialstation Hannover. Sie zeichnet ein sehr authentisches Bild vom Arbeiten und Leben zwischen normalem Dienstplan und außergewöhnlicher Belastung. Menschen haben Sorgen – Pflegefachkräfte ebenso wie ihre Klienten. Das kann auch Anette Könemann, Pflegedienstleiterin und Vorgesetzte von Vanessa Herzog, bestätigen. Sie koordiniert rund 70 Mitarbeiter, die sich in der ambulanten Pflege täglich um ihre Klienten kümmern, geschlossen wurde in Hannover bisher nur die Tagespflege in Kirchrode. Anette Könemann: „Viele Klienten haben Verständnis, das manches gerade anders läuft. Wir haben bei manchen Diensten reduziert. Einkauf können wir noch leisten, Hausputz derzeit nicht. Manche Klienten haben von sich aus Termine abgesagt, weil sie die wöchentliche Dusche im Moment anderweitig bewerkstelligen können, zum Beispiel mit Hilfe ihrer Angehörigen, oder z.B. das Anziehen der Kompressionsstrümpfe gerade nicht benötigen. Das entlastet das System.“ Alle ihre MitarbeiterInnen würden in diesen Tagen im Dienst verstärkt das Gespräch suchen, Informationen weitergeben und so gut es geht beruhigen. Anette Könemann: „In der Pflege sind wir Krisen und Personalknappheit ja gewohnt. Ich bin trotzdem sehr froh, dass es bei uns noch so ruhig und verhältnismäßig gut läuft.“ Eines lässt aber auch sie nicht unberührt - die Materialknappheit. Anette Könemann: „Wir benötigen dringend mehr Schutzausrüstung.“ Das würden sich die Mitarbeiter ebenso wie die Klienten dringend wünschen. Wenn Anette Könemann einen Blick in die Zukunft wirft, ist es mit einer Hoffnung verbunden: „Wenn wir das hier überstanden haben, werden die Menschen in diesem Land die Pflege, die wir hier jeden Tag leisten, vielleicht endlich mit anderen Augen wahrnehmen und anerkennen.“

 

Guten Morgen Frau Herzog. Für diesen Anruf haben Sie sich in eine stille Ecke zurückgezogen, Sie hören sich aber sehr aufgedreht an. Wie ist die Lage bei Ihnen?

„Viel zu tun ist bei uns immer – jetzt kommt aber eine große Anspannung unter den KollegInnen dazu, manche haben Angst und manche sind ruhig. Man weiß einfach nicht, was da auf uns zukommt. Noch können wir alle Kunden versorgen – aber was ist, wenn zu viele von uns ausfallen? Wir wissen nicht, was kommt. Schon jetzt sind manche Kunden verärgert, wenn wir Abläufe umstellen und nicht mehr zu den Wunschzeiten kommen können. Aber das geschieht ja nur, um auch sie zu schützen.“

Welche Umstellungen gibt es bei Ihnen?

„Wir haben die Arbeitszeiten gestaffelt, sodass nicht morgens um sechs Uhr alle MitarbeiterInnen gleichzeitig im Büro sind, um Schlüssel und Medikamente abzuholen. Dadurch kommen wir teilweise etwas später zu den Kunden – und obwohl wir das versuchen zu erklären, verstehen es manche Kunden leider noch nicht. Manche sind auch verständnisvoll. Die Stimmung ist sehr unterschiedlich und für uns alle neu. Zudem dürfen keine Angehörigen mit uns in einem Raum sein, das klappt mittlerweile gut.“

Sie müssen rausfahren, um Hilflosen zu helfen. Ohne körperlichen Kontakt in der Pflege geht es nicht. Wie gehen Sie mit den PatientInnen um, wo doch eigentlich Abstand geboten wäre?

„Das ist wirklich schwierig, weil es bei der direkten Körperpflege nicht möglich ist, ausreichend Abstand zu halten. Man macht die Kunden darauf aufmerksam, z.B. bei der Körperpflege nicht zu reden. Wenn das nicht akzeptiert wird, ist es frustrierend.“

Wie geht es Ihnen persönlich?

„Ich selbst habe keine Angst vor dem Virus – ich habe nur Angst vor einer möglichen Panik, die entstehen könnte. Es ist mir unbegreiflich, dass die Menschen nicht zu Hause bleiben beziehungsweise sich weiter in größeren Gruppen treffen! Sie bringen uns, die genau zu den Risikogruppen rausfahren müssen, in Gefahr! Die haben die Lage nicht verstanden. Ich bin absolut für Ausgangssperren. Ich hoffe, dass sich die Lage schnell wieder beruhigt und wir wieder zur Normalität zurückkehren können.“

Wie blicken Sie in die Zukunft?

„Sehr, sehr unsicher. Es gibt die Infoblätter und Pandemie-Pläne, aber wie es wirklich sein wird, weiß niemand. Und wir sind jetzt schon in einem Zwiespalt: Einerseits brauchen wir mehr Desinfektionsmittel als sonst schon. Aber die Vorräte sind begrenzt, wir müssen haushalten. Ich bin, wie wir alle, mehr als froh, wenn diese Situation vorüber ist.“

 

Das Interview mit Vanessa Herzog wurde geführt von Christine Warnecke und erschien am Dienstag, 24. März 2020 auf der Website der Landeskirche Hannovers in der Kolumne "Ein Telefonat zu Corona...".