Die Ausbildung ruht - die Ausbildungsleiterin nicht!

Stefan Greiber - Warsingsfehn, 30. März 2020

Ein Stuhl markiert die Grenze. Näher darf Eva Böske Ihrer Chefin, Regionalausbildungsleiterin Diana Borchelt, nicht kommen. Weitergearbeitet wird trotzdem.

Als die Landesschulbehörde Niedersachsen Mitte des Monats mitgeteilt hatte, dass ab 16. März alle Schulen geschlossen werden, betraf das auch die komplette Präsenzlehre der Johanniter-Unfall-Hilfe. Schon am Wochenende vorher, dem 14. und 15. März, wurden alle Kurse in Erster Hilfe sowie alle Fachfortbildungen für Rettungsdienstmitarbeiter, Pflegekräfte, Bevölkerungsschützer und viele mehr abgesagt. Hektik brach aus, Trainer und Ausbildungsleiter mussten informiert, Kursteilnehmern abgesagt werden. Viel ruhiger ist es seitdem nicht geworden. Im Gegenteil: "Wir haben mehr zu tun als vorher", sagt Diana Borchelt, Regionalausbildungsleiterin der Johanniter für den Regionalverband Weser-Ems. Von ihrem Büro in Warsingsfehn in der ostfriesischen Gemeinde Moormerland aus versucht sie die Ausbildung in 21 Ortsverbänden und vier Stützpunkten von Emden bis Delmenhorst und von Wilhelmshaven bis Osnabrück und Lingen in der Region zusammen zu halten.

Vorher war vieles Routine. "Die Kurstermine standen fest, die Trainer waren zugeteilt, Fristen allen bekannt oder zum Beispiel Unternehmen wurden automatisch daran erinnert, ihre Betriebshelfer zur Fortbildung zu schicken", sagt Borchelt. Jetzt seien viele verunsichert, die Telefone klingeln heiß. Kunden fragen nach Kursterminen, weil ihre Befristung ausläuft oder sie dringend einen Nachweis brauchen. "Für die Führerscheinbewerber tut es mir ganz besonders leid", sagt Borchelt. Die hängen zumeist in der Luft. Sie würden gerne ihren Führerschein entgegennehmen, aber jetzt fehlt noch der Erste-Hilfe-Nachweis. "Seien wir ehrlich: die meisten machen den Kurs auf die letzte Minute. Nur ist das zurzeit leider nicht möglich." An anderer Stelle gibt es Fristverlängerungen. "Wir müssen da oftmals ganz individuell beraten", erklärt die Regionalausbildungsleiterin. Für die Ersthelfer in Betrieben gibt es zum Beispiel Informationen auf der Seite der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Dort heißt es: "Sollte diese Frist aufgrund der Kurs-Absagen nun überschritten werden, zeigen sich Unfallkassen und Berufsgenossenschaften kulant. Nach Wiederaufnahme des Regelbetriebs sollten die Kurse nachgeholt werden."

Einen Schritt weiter gegangen sind die Johanniter in der Ausbildung ihrer eigenen Helfer. Die Helfergrundausbildung kann bereits über Online-Module geschult werden, die digitale Sanitätshelferausbildung soll in Kürze starten. "Gerade jetzt sind wir auf die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer angewiesen", sagt Borchelt. Fatal wäre es, wenn ausgerechnet jetzt die Ausbildung neuer aktiver Ehrenamtlicher nicht möglich wäre. "Wer weiß schon, wann der Schulbetrieb wieder möglich ist." Für Erste-Hilfe-Kurse ist eine Digitalisierung nicht möglich. Viele Lehrinhalte sind handlungsorientiert und lassen sich nicht online schulen. "Eine Herz-Lungen-Wiederbelegung und eine stabile Seitenlage muss man einfach selbst ausprobiert haben, damit im Notfall die richtigen Handgriffe sitzen", betont Borchelt und hat einen Tipp für alle, die einen Kurs belegen möchten, um im Notfall gerüstet zu sein und nicht, weil sie ein Zertifikat benötigen: Es gebe gute Erste-Hilfe-Apps unter anderem von den Johannitern, die weiterhelfen. Einen Kurs ersetzen sie zwar nicht. Aber im Notfall ist jede Hilfe willkommen.

Doch Diana Borchelt ist auch an anderer Stelle gefragt. "Ich muss meine Trainer bei Laune halten", erklärt sie. Das sei gar nicht so einfach. Ein großer Teil ist zwar ehrenamtlich aktiv und wird zurzeit in anderen Bereichen benötigt. In Osnabrück zum Beispiel unterstützen Erste-Hilfe-Trainer die Ärzte der Kassenärztlichen Vereinigung in der Corona-Teststation. „Das ist kein Problem. Unsere Trainer sind gut ausgebildet und entsprechend qualifiziert." Andere wiederum arbeiten gegen Aufwandsentschädigung. Darunter sind zum Beispiel Studenten, für die die Trainertätigkeit ein willkommenes Zubrot ist. Das fällt jetzt weg.

Zudem gibt es viele Nachfragen, weil die aktuelle Trainerausbildung ruht. Zwar wurden die Fristen verlängert, in denen Fortbildungsnachweise erbracht werden müssen. Aber angehende Erste-Hilfe-Trainer können zurzeit ihre Mentorenphase nicht beenden, weil keine Kurse laufen. Diese weiter zu motivieren, ihre Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt zu beenden, sei schwierig. Bei allen negativen Dingen, die die Beschränkungen durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie mit sich bringen, sieht Diana Borchelt zumindest eine Sache positiv: Es werde mit Hochdruck daran gearbeitet, die Möglichkeiten des e-Learning mehr auszuschöpfen. "Da wo es möglich ist sollten wir online-Angebote zum Lernen schaffen", sagt die Lehrbeauftragte. Ziel müsse es sein, die Bevölkerung resilienter zu machen, also die Menschen zu befähigen, selber Krisen zu bewältigen statt auf Hilfe von anderen zu warten. Die Schulung in Erste Hilfe gehört dazu. Egal ob online oder im direkten Kontakt.