Telemedizin unterstützt ärztlichen Bereitschaftsdienst

Stefan Greiber - Delmenhorst, 14. März 2018

Kleines Gerät, große Pläne: Dr. Daniel Overheu, Prof. Dr. Andreas Weyland, Dr. med Christoph Titz, Vorsitzender der Vertreterversammlung der KVN, Klaus-Dieter Berner, Notfallsanitäter bei der Johanniter-Unfall-Hilfe, Helmut Scherbeitz, Michael Steinbach, Leiter Rettungsdienst im Fachdienst Feuerwehr der Stadt Delmenhorst, und Andreas Blume mit dem Telemedizingerät.

Eine Situation, die in Zukunft durchaus so eintreten könnte: Die ganze Woche schon fühlte sich der 45-Jährige nicht gut. Nachdem er am Samstagmorgen noch einkaufen war und die Getränkekisten in den Keller geschleppt hatte, geht es ihm richtig schlecht. Er hat Schweißausbrüche, fühlt sich schlapp und ihm ist entsetzlich kalt. Die Praxis seines Hausarztes hat geschlossen. Unter der bundesweiten Rufnummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117 erfährt er, dass der Arzt aus einem Nachbarlandkreis kommt. Es werde mehrere Stunden dauern, bis er da ist und sich des Patienten annehmen kann. Weil der 45-Jährige nicht warten will ruft er den Rettungsdienst, obwohl kein lebensbedrohlicher Zustand vorliegt.

„Die Zahl der Hausärzte wird als rückläufig prognostiziert“, sagt Helmut Scherbeitz, Geschäftsführer der Bezirksstelle Oldenburg der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Etwa ein Drittel ist älter als 60 Jahre. Gehen diese in den nächsten Jahren in Ruhestand, drohen in einigen Regionen, besonders im ländlichen Raum, Versorgungsengpässe. Zudem gibt es nur für rund ein Drittel der ausscheidenden Allgemeinmediziner überhaupt einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Schon jetzt sei eine Tendenz zu erkennen, dass zunehmend statt des ärztlichen Bereitschaftsdienstes unter 116117 die 112 gerufen werde. Dies führe zu einer Überlastung des Rettungsdienstes und der Notfallambulanzen der Kliniken. Die aber sind nicht dafür da, Husten, Kopfschmerzen und Bauchweh zu versorgen. „Rettungsdienst und Notfallambulanzen kümmern sich um lebensbedrohliche Notfälle“, betont Scherbeitz.
Lösung für das Problem könnte die Telemedizin sein. Im Juni startet in den Städten Delmenhorst, Lemwerder und Ganderkesee ein Pilotprojekt mit bundesweitem Vorbildcharakter zur telemedizinischen Unterstützung des Bereitschaftsdienstes. Ruft ein Patient den Bereitschaftsdienst an, fährt ein speziell ausgebildeter Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe, zum Beispiel ein Rettungsassistent, Notfallsanitäter oder Krankenpfleger, zum Patienten nach Hause. Er nimmt eine erste Untersuchung vor und kontaktiert bei Bedarf den Bereitschaftsarzt. Dazu stellt er die Verbindung über ein spezielles telemedizinisches Gerät her, das Vitaldaten übermitteln kann und eine Videoübertragung herstellt. Durch den Sichtkontakt kann sich der Arzt selbst ein Bild von der Situation beim Patienten machen. „Wir verwenden dieses Konzept und Gerät bereits erfolgreich zum Beispiel in der Offshore-Rettung“, sagt Dr. Daniel Overheu, Projektverantwortlicher und Ärztlicher Leiter Telemedizin an der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Klinikum Oldenburg AöR.

Aufgrund der großen Entfernungen zu den Offshore-Windparks in der Nordsee würde es zu lange dauern und zu teuer sein, wegen nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen einen Mitarbeiter an Land zu holen. Stattdessen untersucht eine Gesundheitsfachkraft der Johanniter den Patienten, konsultiert den Arzt im Klinikum Oldenburg und veranlasst die weitere Behandlung. „Im Prinzip funktioniert das System im Bereitschaftsdienst an Land genauso“, betont Dr. Overheu. „Und ich bin sicher, was im Nirgendwo auf der Nordsee funktioniert, wird auch in der Stadt Delmenhorst funktionieren.“ Falls der Arzt bei der Untersuchung entscheidet, dass eine Einweisung ins Krankenhaus notwendig ist, wird der örtliche Rettungsdienst gerufen. „Wir gehen davon aus, dass 85 Prozent aller Patienten zuhause behandelt werden können“, sagt Andreas Blume, Fachbereichsleiter Forschung und Entwicklung im Regionalverband Weser-Ems der Johanniter-Unfall-Hilfe. Das System wird zunächst für ein halbes Jahr jeweils am Wochenende von freitags, 21 Uhr, bis montags, 7 Uhr, getestet. Ausnahme sind die Zeiten, wenn die jeweilige Bereitschaftspraxis geöffnet hat. Die Rufnummer 116117 wird dann entweder zur Telefonzentrale der Johanniter oder zur Bereitschaftspraxis geleitet.

Ziel ist, die medizinische Versorgung der Menschen vor dem Hintergrund der abnehmenden Zahl an Hausärzten auch weiterhin in der gewohnten Qualität aufrecht zu erhalten oder sogar zu verbessern. „Uns ist wichtig, dass jeder Mensch, der Hilfe braucht, sie auch bekommt“, betont Blume. Mit der telemedizinischen Anbindung kann ärztliche Facharztexpertise noch besser zum Patienten gebracht werden, als es bisher im konventionellen Fahrdienst möglich ist. Alle Fachabteilungen des Maximalversorgers in Oldenburg können nötigenfalls eingebunden werden, zudem bietet das Telemedizingerät Möglichkeiten, die der normale Bereitschaftsarzt nicht hat. Zum Beispiel kann es ein EKG auslesen, das der Arzt im Klinikum sofort interpretieren kann. Eine weitere Verbesserung entsteht durch die Entlastung der Hausärzte. Ein Arzt, der Bereitschaft hat, muss am nächsten Tag seine Praxis wie gewohnt öffnen – gleich ob er nachts oder am Wochenende im Einsatz war. Durch die Konsultation von Ärzten im Telemedizinzentrum werden die niedergelassenen Ärzte entlastet und können sich ganz den Patienten in ihrer Praxis widmen, was auch für diese eine Verbesserung darstellt.

Die Probephase dauert zunächst ein halbes Jahr. „Wir sind sicher, mit diesen Projekt eine Blaupause zu schaffen, die so ähnlich auch in anderen Regionen umgesetzt werden kann“, sagt Scherbeitz. Es gebe bereits Anfragen von Kassenärztlichen Vereinigungen in anderen Bundesländern, die das Projekt in Delmenhorst, Ganderkesee und Lemwerder sehr aufmerksam verfolgen. Theoretisch kann das Zentrum für Telemedizin an der Universitätsklinik in Oldenburg die telemedizinische Unterstützung für Bereitschaftsdienste in ganz Niedersachsen, dem Bundesgebiet und sogar der ganzen Welt leisten. Dass es dazu kommt ist eher unwahrscheinlich. „Sinnvoll ist eine funktionierende Netzwerkstruktur vor Ort“, betont Dr. Overheu. Trotzdem seien die Entwicklungsmöglichkeiten der Telemedizin sehr groß. „Denkbar ist zum Beispiel der Einsatz in entlegenen Regionen wie den Inseln oder Halligen oder sogar in Urlaubsressorts im Ausland, wo im Notfall kein deutschsprachiger Arzt vor Ort ist“, erklärt Prof. Dr. Andreas Weyland, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Klinikum Oldenburg AöR.

Gefördert wird das Projekt „116117 – neues Versorgungsmodell für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst mit telemedizinischer Unterstützung von Gesundheitsfachkräften“, das wegweisend sein kann für den ärztlichen Bereitschaftsdienst in der gesamten Bundesrepublik, vom Amt für regionale Landesentwicklung mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds.