Ein Stück Leben in einer Styroporbox

von Steffen Vieth - Lingen, 11. Oktober 2012

Eine Reportage über den Organtransport

Rettungsdienst – klar, das ist Sache der Johanniter. Aber mit dem Einsatzfahrzeug Leber, Niere oder Herz transportieren? Dieser Dienst der JUH ist weniger bekannt. Dabei kann auch er Leben retten. Steffen Vieth, Johanniter-Helfer aus dem Ortsverband Lingen, berichtet über seine lebenswichtige Wochenendbeschäftigung im Organtransport.

Es ist Freitag, 15 Uhr. Von einem Kollegen übernehme ich die Bereitschaft im Organtransport. Wir von den Johannitern im OV Lingen fahren im Auftrag der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) Spenderorgane von dem Krankenhaus, in dem der Spender verstorben ist, zur Transplantationsklinik, in der der Empfänger zur Operation vorbereitet wird.

Als erstes kontrolliere ich das Auto. Diesel, Öl, Sondersignalanlage. Ist das Bereitschaftshandy aufgeladen? Alles ok. Noch einen Blick auf die Blutentnahmesysteme. Es sind noch vier vorhanden, das sollte reichen. Ich bereite mich auch gedanklich auf einen möglichen Einsatz vor. Man kann nie wissen, wann es losgeht. Deshalb stelle ich mir immer eine Tasche zusammen: Etwas zu essen und zu trinken und ein Buch, falls das Warten mal wieder länger dauert. Die Einsatzkleidung noch zurechtlegen und dann sehen, was kommt.

Es ist 18:30 Uhr. Ich sitze beim Abendbrot, da klingelt das Bereitschaftshandy. Es sind die Kollegen der Dispo in Hannover, die den Organtransport-Dienst für ganz Niedersachsen und Bremen koordinieren. Ein Spender liegt in der Euregio-Klinik in Nordhorn. Es muss von dort eine Blutprobe abgeholt und zur Untersuchung zur Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gebracht werden. Ich ziehe mich schnell um, schnappe meine Tasche und los.

Um 19:15 Uhr komme ich am Krankenhaus in Nordhorn an. Ich nehme die Einfahrt für die Rettungsfahrzeuge, von hier aus erreiche ich die Intensivstation. Dort treffe ich den Intensivpfleger Jens Scharf, der bereits auf mich wartet. Er überreicht mir die Blutprobe und ich breche gleich wieder auf. Kurze Statusmeldung an die Dispo in Hannover, dass ich die Blutprobe im Wagen habe, und weiter geht‘s.

Nach zweieinhalb Stunden erreiche ich die DSO in Hannover. Hier wird die Blutprobe zur weiteren Auswertung vorbereitet. Das geht schnell, nach zehn Minuten sitze ich wieder im Auto. An der MHH angekommen, gebe ich die Blutprobe an der Blutbank ab, lasse mir den Empfang quittieren und melde der Dispo, dass die Probe angekommen ist. Gegen 0:20 Uhr bin ich wieder zuhause. Jetzt nur noch die Statusmeldung abgeben und ab ins Bett.

Seitdem der Spender von der Euregio-Klinik in Nordhorn gemeldet worden ist, läuft eine riesige Maschinerie ab. Im Hintergrund sind viele Personen aktiv. Die Vermittlung der Organe läuft über die gemeinnützige Stiftung „Eurotransplant“ im niederländischen Leiden. Dort sind sieben europäische Länder angeschlossen, aus denen die Organe ihren richtigen Empfänger finden.

Um 3:15 Uhr klingelt das Handy. Die Organentnahme hat begonnen. Ein passender Empfänger für die Leber liegt im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Ich muss gegen 5:30 Uhr in der Euregio-Klinik sein und das Organ dort entgegennehmen. Pünktlich komme ich an, verstaue den keimfreien Transportbehälter mit der wertvollen Fracht sicher im Kofferraum des speziellen Organtransportwagens.

Ich stehe nun in ständigem Kontakt mit dem Koordinator der DSO. Er kümmert sich um den sicheren und reibungslosen Ablauf der Spende und ist für alle Beteiligten der erste Ansprechpartner. Es darf zu keinen zeitlichen Verzögerungen kommen. Eine Leber muss innerhalb von zwölf Stunden transplantiert werden. Eine halbe Stunde vor meiner voraussichtlichen Ankunft muss ich die Ärzte im Uniklinikum informieren, damit dort alles vorbereitet werden kann.

Ich komme gut durch. An der Klinik nehme ich wieder die Einfahrt für die Rettungswagen. An der Notaufnahme gibt eine Schwester telefonisch Bescheid, dass die Leber eingetroffen ist. Ein Pfleger begleitet mich. Ohne die passende Chipkarte kann man hier weder Türen öffnen noch Aufzug fahren. In der zweiten Etage wird mir der weiße Behälter mit der Leber vom diensthabenden Arzt abgenommen. Ich lasse mir den Empfang quittieren und werde wieder hinausbegleitet.

Als ich im Auto sitze, atme ich erst einmal tief durch. Jetzt erst merke ich, wie mich Zeitdruck und Verantwortung unter Stress gesetzt haben. Aber trotzdem: Es ist immer wieder ein gutes und befriedigendes Gefühl, einen Beitrag dazu zu leisten, einem Menschen das Leben zu retten!

Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Bis zum Ende meiner Bereitschaft am Sonntagabend bleibt das Handy ruhig. Um 18 Uhr löst mich mein Kollege ab. Am nächsten Morgen, punkt 8 Uhr, widme ich mich wieder meiner Arbeit als Mechatroniker. „Ein gutes Wochenende gehabt?“, fragen die Kollegen. „Ja, auf jeden Fall“, antworte ich.

Steffen Vieth übernimmt das Organ von Intensivpfleger Jens Scharf (rechts).
Bloß nicht stürzen: Zügig aber nicht hastig läuft Steffen zum Auto.
Sicher unterwegs: die Box mit dem Organ wird im Auto gut festgezurrt.

Weitere Infos

Hier finden Sie weitere Infos zum Thema Organtransplantation:

 

Deutsche Stiftung Organtransplantation (DOS)

 

Eurotransplant

 

Initiative Fürs Leben - Für Organspende

 

Infos über den Organtransport der Johanniter-Unfall-Hilfe in Weser-Ems finden Sie hier.


Infotelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der DSO: Tel. 0800 9 040 400 (montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr).